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Das jüdische Blatt · 1914-01-16 · 3 (16.1.1914) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Nr. 3 Da» jüdische Matt. liches Menschenrecht ist, das niemand entzogen werden darf, daß die anormale Rechtslage der Juden einem großen Teil von ihnen die Möglichkeit der Bildung beraubt, daß die Rechtsbeschränkungen der Juden sowohl für die Juden als für die Christen schädlich sind, daß die genannten Rechtsbeschränkungen den pädagogischen Interessen schädlich sind — dies alles in Betracht ziehend, spricht sich der allrussische Bildungskongreß für die Abschaffung der genannten Rechtsbeschränkungen aus." Gegen die antisemitische Hetze in den Schulen hat dieselbe Sektion folgenden Beschluß angenommen: „Der allrussische Bildungskongreß verurteilt alle antisemitische Tendenzen in der Schule und fordert alle Lehrer zu einem energischen Kampf gegen den Schulantisemitismus auf." Außerdem folgende Resolution: „Um die Lage der nichtrussischen Schulen zu verbessern, ist ein Zusammenarbeiten aller fortschrittlichen Elemente in Rußland erwünscht." Diese fortschrittlichen Tendenzen des allrussischen Bildungskongresses versetzte naturgemäß die berufsmäßigen antisemitischen Hetzer in Wut. Der bekannte judenhetzerische Abgeordnete P u r i s ch k e w i t s ch hat an alle hochgestellte Beamten des Ministeriums Mahnungen versandt, energische Maßregeln gegen den Bildungskongreß zu ergreifen. Auch in der bekannten antisemitischen „Nowoye-Wremje" wird eine wüste Agitation gegen den Bildungskongreß in Szene gesetzt. Ein besonders heftiger-Artikel wendet sich gegen die Verhandlungen des Kongresses über die jüdischen Bildungsfragen und nennt diese „jüdische Anmaßungen" und begeifert mit ihrem Gift den Präsidenten des Kongresses, weil er derartig judenfreundliche Resolutionen überhaupt zugelassen hat. (In diesem Zusammenhang darf wohl auch mitgeteilt werden, daß auf der Sitzung der Kommission für die hebräische Universität in Jerusalem ein Brief des Baron Edmond de Rothschild zur Verlesung kam, in welchem dieser verspricht, die hebräische Universität materiell und politisch zu fördern, und ein Brief von Nathan Strauß in New-Pork, in dem dieser die Schenkung eines Bauplatzes für die Universität in Aussicht stellt.) * * * Die allgemeine Lage in Rußland für die Juden hat immer noch das Gepräge des Beilisprozesfes. Dr. Samislowski und Schmakow setzen ihre Ritualmord - kampagne fort und sammeln Geld zur Errichtung einer Kapelle auf der Höhe, wo Justinskis Leiche gefunden wurde, die als ein Denkmal für letzteren gelten soll. Dabei finden diese Helden den Beistand des Klerus und der Beamten/ so daß man den untrüglichen Eindruck gewinnt, diese Wühlerei wird von höchster Stelle begünstigt. Samislowski hielt z. B. in Saratow seinen Vortrag über Ritualmord, den er durch ganz Rußland trägt. Viele Beamte und Geistliche, der Gouverneur und der Bischof Alexei wohnten dem Vortrag bei. In den Zwischenakten fanden Gebetsübungen statt und am Schluß umarmte der Bischof den Hetzer Samislowski. Mit dieser von oben gezüchteten Stimmung stimmt auch der Umstand überein, daß die „Ochrana" (Geheime Polizei) sich nach Kiew begeben hat, um nach den Mördern des Justinski Erhebungen anzustellen und zwar mit dem Zwecke, einen Ritualmord ä tont prix zu konstruieren. Bekanntlich war es dieselbe „Ochrana" die gegen den Willen der regulären Polizei darauf drang, daß gegen Beilis die Anklage auf Ritualmord erhoben werde. In Kiew selber wurde ein neues konservatives Blatt „Kiew" gegründet, bei dessen Einführung alle offiziellen Persönlichkeiten vom Gouverneur angefangen mitgewirkt haben. Der konservative „Kiewtanin" der, wie in der vorigen Nummer berichtet wurde, eine energische Kampagne gegen die im Beilisprozeß zutage getretenen Rechtswidrigkeiten führt, wird von den offiziellen Kreisen nicht mehr als konservatives Organ angesehen, deshalb wird ihm im „Kiew" ein Konkurrent geschaffen. Auf der anderen Seite hat der im Beilisprozeß hervorgetretene berühmte Advokat Sarudni in allen Zeitungen einen Aufruf an alle russischen Wie Gnaden Kerr Landrichter sein Hpfer stndet. Gnaden Herr Landrichter waren eine gefürchtete Persönlichkeit. Wenn seine Hünengestalt, auf den derben Stock gestützt, einem wandelnden Ladestock vergleichbar, durch die Straßen des Ortes sich erging, liefen die Kinder vom Spiele weg, standen die Alten ehrerbietig auf, verneigten sich grüßend und zwangen sich zur strengsten, bittersten Miene. Nichts war Gnaden mehr zuwider als ein lachendes Untertanengesicht. Er verfuhr bei Uebertretungsfällen summarisch und der Amtsdiener verstand es, seines Herrn Winke nachdrücklich auszuführen und den Stock gewichtig zu handhaben. Natürlich war es, daß Gnaden sonderlich die ohnehin schon eingeschüchterte Judenschaft aufs Korn nahm. Das ist nun nicht verwunderlich; so war's schon zu alten Zeiten; das Mütchen ist am leichtesten am Juden zu kühlen. Nun waren Gnaden aber ein großer Freund des Alkohols. Er liebte ihn, ob er ein Burgunderwein, im schweren schwarzen Bier oder im alten Zwetschgenschnaps eingeschlossen war. Hatte er die Auswahl, so verfuhr er seinem Grundsätze gemäß auch summarisch und sprach allem tapfer zu. Der Alkohol aber läßt sich nicht einschüchtern wie die bescheidene Judenschaft; er war auch gegen Gnaden rücksichtslos und tribulierte sie wie gewöhnliche Sterbliche auch. So hatten einmal an eirtem Dezembernachmittage Gnaden im benachbarten M. bei einem Freunde tapfer gezecht. Dabei war ihnen entgangen, daß der graue Himmel seiner grämlichen Laune unterdessen Luft gemacht und reichlich Schnee hatte niederfallen lassen. Spät am Abend erst begaben sich Gnaden auf den Heimweg. Brummend und scheltend ob dieser Ungebührlichkeit, daß auf sie so wenig Rücksicht genommen wird, stampften sie durch den Neuschnee. Die Nacht nahm sich auch heraus, finster zu sein. Ein Weilchen nach dem Dorfe der Gastlichkeit beginnt der Weg abschüssig zu werden. Rechts umsäumen Eichen und Ahorn den Weg, links aber fällt er steil ab zu einem ausgewaschenen Hohlweg, im Volksmund „Teufelsgraben" genannt; zwischen links und rechts aber ist nur ein schmales Wegband. Dieweil aber Gnaden gedachten, vorsichtigerweise rechts zu halten, drängte der einquartierte Alkohol, tückisch wie er in solchen Fällen zu sein pflegt, schnurstraks nach links und nach einigen Schwankungen neigte sich der Schwerpunkt seiner Gnaden Körperlichkeit nach links und sie stürzten, wie es einem anderen Sterblichen auch ergangen wäre, den steilen Abhang hinab zwischen Weißdorngebüsch in das weiße, kalte Bett. Es war ein schwerer Fall; der ganze Körper schmerzte; am meisten der verstauchte Fuß, so daß Gnaden sich nicht zu erheben vermochten. Sie riefen nun um Hilfe, wurden aber nicht gehört; wer hätte auch zu solch später Zeit noch auf der einsamen Höhe sein sollen! Sahen doch der Herr Landrichter mit Eifer auf Einhaltung einer frühen Polizei- und Ruhestunde seitens der Untertanen! Zum Glücke für den Verunglückten kam noch ein später Wanderer die Höhe herab. Der hatte aber den Kopf frei von Alkohol, und auch einen leeren Magen; dagegen war der Rücken schwer bepackt mit dem Zwerchsack und der Sinn mit schweren Gedanken.

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