Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. 5 Da» jüdische Matt. schiedenen in Palästina nach Nationalitäten getrennten Juden nur durch die Schule erfolgen kann, sollte das Hebräische als Unterrichtssprache in niederen und höheren Schulen Palästinas erstrebt werden. Soweit könnte man den Zionisten schon zustimmen. Wo man sich aber von ihnen trennen muß, das ist die maßlose Leidenschaftlichkeit, die sie in diese wie in die meisten ihrer Aktionen hineintragen und die auf beiden Seiten eine Erbitterung erzeugt, die nur schädlich wirken kann. Es liegt auf der Hand, daß durch dieses gewaltsame Vorgehen der Zionisten der Zwiespalt, der die Meinungen in Palästina trennt, nur noch tiefer wird. Die zionistische Strebung zielt natürlich auf viel mehr als auf die Verbreitung der hebräischen Sprache. Sie will durch ihr Schulwerk die sogenannte Renaissance der hebräischen Kultur anbahnen. Was die hebräische Kultur sein soll, wissen die Zionisten wohl selber nicht ganz genau. Daß die zionistische Kultur aber die jüdische Überlieferung, die jüdische Religion nicht ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Darum trennt uns ein Abgrund von dem zionistischen Schulwerk, dem die Zionisten durch ihren Schulstreit plötzlich eine ungestüme Schwungkraft verleihen wollen. Das zionistische Schulwerk ist eine ungeheure Gefahr, ein schweres Unglück für unser Judentum. In hebräischer Verkleidung zerbricht es das Joch des Gesetzes; sprengt die Fesseln der Religion, erzieht zum Abfall vom Thorajudentum. So groß auch der Schaden ist, den die Reform und die Richtlinien in Deutschland angerichtet haben, das zionistische Schulwerk in Palästina bedeutet für Palästina und infolgedessen für die ganze Iudenheit mindestens eine ebenso große Gefahr, da es dazu angetan ist, im heiligen Lande selber die Thoratreue der Jugend zu unterwühlen. Die Schulen des Hilfsvereins mögen auf dem Gebiete wahrhaft jüdischer Erziehung gar manches zu wünschen übrig lassen. Aber der zur Orientierung über den Schulstreit in Palästina verschickte Bericht des Hilfsvereins spricht wenigstens vom „strengen Festhalten an der jüdischen Tradition", erkennt also jedenfalls im Prinzip die Notwendigkeit an, in Palästina an der jüdischen Tradition festzuhalten. In dem zu gleichem Zwecke versandten Bericht des zionistischen Aktionskomitees wird man jede Spur einer Erwähnung der Religion vermissen. Religion ist für den Zionismus Privatsache, darum wird wohl das Wort „Religion" streng vermieden. Dagegen ist von der „Renaissance der hebräischen Sprache und Kultur" darin die Rede. Was die Renaissance der hebräischen Sprache und Kultur in diesem Munde bedeuten, zeigen die hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem, das ist Brauch mit unserer Überlieferung, religiöser Radikalismus in hebräischem Gewand. Der König Achab war gewiß auch ein nationaler Jude, er sprach ein großartiges Hebräisch, wie seine famose Gemahlin Jsebel, dennoch muß ihn der Prophet Elia ein Verderbenbringer für Israel nennen. Die Häufung derartiger zionistischer Schulanstalten in Palästina, wie sie jetzt zu dem Streit gegen den Hilfsoerein geplant zu sein scheint, muß Palästina zum Tummelplatz heftiger Religionskämpfe machen, die viel verhängnisvoller sein können als die Kämpfe, die die Reform in Deutschland heraufbeschworen hat. Handelt es sich im Kampfe mit dem Zionismus doch für die thoratreue Iudenheit Palästinas um Sein oder Nichtsein. Die Pflege der hebräischen Sprache, der zionistische Streit um die hebräische Sprache in Palästina, den wir leider nicht als einen edlen Kampf für das Judentum bezeichnen können, kann zum Fluch werden, wenn er die Zerstörung des Thorastudiums in Palästina zum gewollten oder ungewollten Resultate hat. Wtdungsfrage in HtnAand. Zwei Versammülngen finden zurzeit in Petersburg statt, eine jüdische und eine allrussische. Die jüdische Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden feiert ihr SOjähriges Jubiläum durch eine Iubiläumstagung, auf welcher die Fragen besprochen werden, die die religiöse und allgemeine Bildung der Jugend betreffen. Fast gleichzeitig findet in Petersburg der a l l r u s s i s ch e K o n g r e ß für Bildung statt. Die jüdische Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden findet bei den jüdischen Massen wenig Sympathie. Sie will nach der Volksmeinung hauptsächlich darauf ausgehen, die Juden zu russifizieren und zwar auf Kosten des Thorastudiums. Die „Chedarim", die allerdings einer Umgestaltung bedürften, sollen modernisiert werden, sie sollen neben Russisch hauptsächlich die hebräische Sprache und die Kenntnis der Bibel im Urtexte pflegen. An der Spitze der Gesellschaft steht der Baron Günzburg. Das Interessante an der Tagung dieser Gesellschaft ist der Zusammenstoß des auf ihr zwischen den „Jiddischisten" d. h. denjenigen, die das Jargon, das „Jiddische" zur Volks- und Unterrichtssprache ausgestalten wollen und den offiziellen' Kreisen der Gesellschaft, die für Russisch und Hebräisch eintreten. Diese „Jiddischisten" sind hauptsächlich Zionisten. Also, im selben Augenblick, wo der offizielle Zionismus einen allgemeinen Brand wegen der hebräischen Unterrichtssprache anzündet, bekämpfen die russischen Zionisten, die „Jiddischisten" das Hebräische, erklären das „Jiddische" für die Muttersprache, verwerfen das Hebräische als Unterrichtssprache und ebenso natürlich auch das Russische und wollen das Jargon, das „Jiddische" auf den Schild erheben. Darin liegt gewiß eine Ironie des Augenblicks. Hier treten die Zionisten mit Ungestüm und Gewalt für das Hebräische ein, dort kämpfen andere Zionisten gegen das Hebräische und verkünden das „Jiddische" als Mutter- und Schulsprache. Die „Jiddischisten" auf der Versammlung der nbGOT haben ihre Anträge mit Heftigkeit verfochten, so daß sogar Baron Günzburg sich in Erregung hineinredete. Schließlich wurden die Anträge der „Jiddischisten" mit großer Mehrheit abgelehnt. Die Mehrheit verteidigte sich gegen die Angriffe der Gegner, indem sie betonte, sie wolle durch Umgestaltung der „Chedarim" einen Ausgleich mit der gutreligiösen Masse herbeiführen und nach und nach den Boden unter ihnen gewinnen, den sie noch nicht hat erobern können. (Dieses Vorhaben wird aber kaum gelingen. Red.) Dagegen seien die „Jiddischisten" religionsverneinende Stürmer, die sich mit Willen in Gegensatz zur frommen jüdischen Volksmasse setzen wollen. Diese Art der Verteidigung ist in der Tat ziemlich geschickt. Denn die zahlreichen russischen Zionisten sind in ihrer erdrückenden Mehrheit radikale Leugner der religiösen Überlieferung, die sich über die Religionsgesetze mit Absicht hinwegsetzen. Noch interessanter ist der allrussische Bildungsk o n g r e ß, der jetzt in Petersburg tagt. Der Kongreß ist von Lehrern aus ganz Rußland besucht, ein freiheitlicher Geist weht durch die Verhandlungen, die Forderung für Reformen im Schulunterricht und für Besserstellung und Unabhängikeit der Lehrer werden mit großer Energie vertreten. Allerdings wurden von der russischen Regierung von 4700 jüdischen Lehrern nur 15 zur Teilnahme zugelassen. Nichtsdestoweniger werden auf dem Kongreß vier Referate wegen jüdischen Schulfragen gehalten und ist eine jüdische Schulausstellung auf dem Kongreß organisiert. Von großem Interesse sind die Beschlüsse, die die Sektion für nichtrussische Schule auf dem Kongreß in bezug auf jüdische Bildungsfragen gefaßt hat: „In Betracht ziehend, daß das Recht auf Bildung ein natür-