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Das jüdische Blatt · 1914-01-16 · 3 (16.1.1914) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Da» Mische Matt. Nr. 3. Der Streit um die fieöräische Sprache. Ob solche Tage wiederkommen werden? Von der Beantwortung dieser Frage hängt der Bestand der westeuropäischen, der deutschen, der elsässischen Judenheit ab. Himmel, wie schön müßte das sein, die Frage so eindringlich darstellen zu können, daß kein Jude, der am Freitagabend nach seiner behaglichen Mahlzeit die Zeitung liest, dies Blatt aus der Hand legte mit den resignierten Worten: „Heut ist es nun einmal so. Man muß den Dingen ihren Lauf lassen. Was ist denn sonst zu machen?" Wie schön mühte es sein, so laut sprechen zu können, daß das taubste Ohr es vernähme, daß ein jüdisches Herz erschauerte bei dem Gedanken: Wenn es so weitergeht, werden in 50 Jahren eure Gräber und die Gräber eurer Eltern und Ahnen verlassen sein. Und eure Söhne und Enkel werden sprechen, so wie ein jüngst verstorbener Hofrat von seinem Vater, der früher Rabbiner von Wien war, sprach: „Zu seinen Ehren will ich annehmen, daß er all dies jüdische Zeug nicht geglaubt hat." Für ein wichtiges Mittel dieses drohende Unglück von uns abzuwenden, halten wir die Gründung eines Schülerheims in Straßburg. Was verstehen wir unter einem Schülerheim? Ein Schülerheim ist eine unter einem sachverständigen strengreligiösen Schulmanne stehende Anstalt, die Schüler in Pflege mit Pension und Wohnung nimmt. Die Schüler besuchen die Schulanstalten der Stadt, die ihrem Bildungsgang entsprechen, genießen Verpflegung und Wohnung und Beaufsichtigung ihrer Lebensführung und ihrer Schularbeiten in dem Schülerheim. Außerdem werden die Schüler des Schülerheims jeden Tag ein Stündchen Thora lernen. In zutraulichem Anschluß an die Familie des Lehrers des Schülerheims werden die Schüler eine wahrhaft jüdische Familie bilden und in ihren Jugendjahren die Lehren und Pflichten eines Juden gründlich kennen lernen. Ein derartiges Schülerheim ist eine Notwendigkeit, daran zweifelt Niemand, der sich noch Interesse für das Judentum bewahrt hat. Es darf einfach nicht so weitergehen, daß unsere Jugend, besonders die Jugend der höheren Schulen, zum größten Teil ohne Kenntnis der Thora auswächst. Es m u ß dem Verfall der Religion, der religiösen Erziehung insbesondere, ein Riegel vorgeschoben werden. Die Gründung eines Schülerheims ist dafür ein geeigneter Weg. Allerdings sind die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, groß. Reiche Geldmittel sind dazu erforderlich. Aber wir sind überzeugt: Es ist in Elsaß-Lothringen noch ein großer Fonds von Interesse für jüdische Erziehung vorhanden. Das Interesse muß nur gepflegt werden. Sicher werden die Rabbiner durch Veranstaltung einmaliger Sammlungen für ein derartiges Schülerheim und durch ihren Rat zur Verwirklichung dieses Werkes beitragen. Auch werden uns, wie wir hoffen, andere tatkräftige Männer zu Hilfe kommen und in ihrem Bekanntenkreise für das zu gründende Schülerheim zu wirken verstehen und zur Zeichnung größerer Summen veranlassen. In der Folge würde es genügen, wenn jeder Jude sich mit einem Jahresbeitrag besteuern würde. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß große Kreise unserer elsässischen Judenheit bereit sind, sich zu einer solchen tatkräftigen Selbsthilfe aufzurafen. Die jüdische Solidarität lebt noch, die Liebe zu unserer Jugend, zu unserem Judentum flammt noch in uns und spornt uns zu Taten an. Auf denn zur Gründung eines Schülerheims! Wir stellen diese Frage zur öffentlichen Diskussion. (Für das Schülerheim in Straßburg sind 800 Ji gezeichnet. Von diesen 800 Jl hat Dr. A. Debre-Westhofen (z. Zt. Ansbach) im Kreise seiner Bekannten und Freunde 500 Ji gesammelt.) Der Streit um die hebräische Sprache in den Schulen des Hilfsvereins in Palästina wird von den Zionisten mit überschäumender Leidenschaftlichkeit geführt. In Palästina wurden Lehrer- und Schülerstreiks organisiert, Kinder zum Teil gegen ihre Eltern ausgehetzt, Straßentumulte veranstaltet; türkische Polizei wurde vom Hilfsverein, angerufen zum Schutze von Juden gegen Juden. Ein regelrechter Aufruhr ist entstanden. Gewalt wurde angewandt, um die hebräische Sprache als Unterrichtssprache zu halten. Zugleich haben aber die Zionisten auch mit leidenschaftlichem Eifer sich zu ansehnlichen Geldspenden und Geldopfern entschlossen, haben eine fieberhafte Sammeltätigkeit entwickelt und in einigen Tagen 100 000-K zusammengebracht, um einen großen Teil von früheren Lehrern und Schülern des Hilfsvereins in eigene, neue zionistische Schulen überzuführen. Seitdem diese Fehde zwischen Zionisten und Hilfsverein ausgebrochen ist, suchen beide Teile durch Flugblätter und Berichte die öffentliche Meinung von ihrem guten Rechte zu überzeugen. Es ist trotz des besten Willens nicht möglich, diese Berichte in extenso wiederzugeben, und zwar die beiderseitigen, wie es die Gerechtigkeit verlangen würde. So wie so muß es dem Außenstehenden schwer fallen, sich ein sicheres Urteil zu bilden. Es erscheint aber ganz ausgeschlossen, daß der Streit, der bald nach dem Wiener IX. Zionistenkongreß ausgebrochen ist, von einem Tage auf den andern entstanden ist. Die Asche wird lange unter der Decke geglimmt haben, bis endlich der Kuratoriumsbeschluß, im Technikum von Haifa die hebräische Sprache nicht als allgemeine Unterrichtssprache einzuführen, die Flamme der zionistischen Empörung entfachte. Die Verwerfung der hebräischen Unterrichtssprache war das Zeichen des Aufstands. Der Zorn der Zionisten ist vielleicht nicht so ganz unberechtigt. Das Zionistische Aktionskomitee hat die Mittel für Erwerbung des Bodens, auf dem das Technikum am Berge Karmel steht, hergegeben. Die Familie Wolf Wissotzki aus Moskau hat eine viertel Million Franken für das Technikum und die dazugehörige Mittelschule gestiftet, worauf der jüdische Nationalist N. Ginzberg (Achad Haam) und der Zionist Dr. Schemarja Lew in in das Kuratorium eintraten. Dr. Schemarja Lewin, der als Direktor des Technikums ausersehen war, hatte 1908 eine Propagandareise nach Amerika unternommen und namhafte Zeichnungen für den Fonds des Technikums erworben. Das bedeutet doch ein beachtenswertes Zusammenarbeiten zwischen Zionismus und Hilfsverein. Abmachungen wurden aber, wie es scheint, zwischen Zionismus und Hilfsverein nicht getroffen, jeder von beiden Teilen hoffte offenbar schließlich mit seinen Ideen und Zielen den Sieg davon zu tragen. Dies war aber unmöglich. Auf seiten des Hilfsvereins mußte man sich darauf gefaßt machen, daß der Zionismus eines schönen Tages seine Rechnung für seine Mithilfe präsentieren werde. Als dies nun tatsächlich geschah, verweigerte der Hilfsverein die Zahlung der zionistischen Rechnung. Er lehnte die Einführung des jüdischnationalen Geistes in seiner Schule ab. Da brach dann der zionistische Sturm mit elementarer Gewalt los. Doch diese internen Angelegenheiten, die das Verhältnis zwischen Hilfsverein und Zionismus betreffen, interessieren die Allgemeinheit weniger. Wenn wir die Streitfrage vom allgemein-jüdischen Standpunkte betrachten, müssen wir zugestehen: Es ist wünschenswert, daß das Hebräische die Einheitssprache in Palästina wird. Bei dem Sprachengemisch, das in Palästina unter den Juden herrscht, ist eine Verständigung nur mit Hilfe des Hebräischen möglich. Da die Vorbereitung dieser allgemeinen Verständigung der ver-

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