Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Da» südifche Klatt. 3 will höher bauen den Turm der Menschheit, will weiter schauen wie jene. Und der beste Rat, den man den Alten geben kann, ist, sich von den Jungen führen zu lassen. Freilich, die Jugend braust vorwärts auf den Flügeln der Idee und Phantasie, das Alter aber hat die Erfahrung, daß leicht im Kopfe die Gedanken wohnen, doch hart im Raume sich die Dinge stoßen. Als Hemmschuh drum, als Kritik, diene das Alter der Jugend und folge bedächtig den heißblütigen Führern. So hat menschliches Ermessen menschliche Verhältnisse zu regeln versucht. Wer Bibel und mündliche Lehre als Erzeugnisse menschlichen Geistes betrachtet, der geht mit Recht über sie hinaus, Äußerungen wie: „Er war das klügste der Menschenkinder. Er hat die Höhe der Moral und der religiösen Erkenntnis erreicht," auf sterbliche Menschen der Vergangenheit angewandt, sind erlogene Phrasen, erdacht, um für rationalisierte Religionen den bisherigen Namen als Deckmantel beibehalten zu können. Doch nicht also ist der Anteil Jakobs an Welterkenntnis und Lebensbetätigung. Uns hat der Allwissende und Unfehlbare die Pfade des Lebens gewiesen für Gedanken und Tat. Nichts Neues hat die Jugend zu Gottes Wort hinzuzufügen. Mag sie das Alte, Unwandelbare voll und ganz aus der Väter Hand empfangen. Höher kann sie nicht steigen. III. Ein Traum. Da hatte ein Jünger der Thora sich tagsüber ein Stündchen mit einem Bekannten über religiöse Fragen unterhalten und plötzlich von seinem Vis-ü-vis hören müssen: „Ja wissen Sie, das geht heutzutage nicht mehr, daß wir Juden unfern Vätern als Führern folgen! Das finstere Mittelalter ist vorbei, wir zählen heute das Jahr der Kultur 1914." Der hatte klare Antwort geben wollen, doch als ihm die Worte auf die Zunge kamen, da merkte er, daß sie dem Ohre jenes Herrn unangenehm klingen könnten, und er hatte feine ganze Erwiderung in die schüchterne Frage zusammengefaßt: „Was ist Kultur?" Der also Gefragte hatte ihn ob dieser unmöglichen Frage angeschaut und war die Antwort schuldig geblieben. Unser Jünger der Thora war nach Hause gegangen, aber die nicht gesprochenen Worte brannten ihm auf der Zunge. Und es kam die Zeit, wo die Menschen schliefen, da sah er wieder jenen Bekannten vor sich und zum zweitenmal drang an sein Ohr das merkwürdige Wort von der Kultur des Jahres 1914. Doch bevor er die deutliche Antwort geben konnte, entführte es sie beide auf eine hohe Warte. Und an ihrem Auge zogen vorbei all die wunderbaren Mittel, die den Verkehr zwischen den Menschen erleichtern. Doch nicht in Eisenbahnen, nicht in Dampfschiff und Luftschiff steckte die Kultur. Und vor ihren Augen zog vorbei die ganze Entfaltung von Handel und Industrie. Doch nicht in Fabriken und nicht in Banken steckte die Kultur. Und nach diesem Vorüberziehen der industriellen und technischen Triumphe unseres Zeitalters, da ward es still. Und aus der Stille drang eine Stimme an das Ohr derer, die dastanden: „Mein lieber Sohn, wenn das, was da vorbeizog, deinem Hirn entsprungen wäre, dann hättest du vielleicht dabei gedacht und gefühlt. Aber so —! Mein Lieber, nicht außer dir, sondern in dir muß die Kultur stecken. Doch im übrigen," und es war, als ob dem einen eine Hand vertraulich auf die Schulter klopfte, „geh' zuerst hin und lerne etwas, bevor du über Bildung sprichst! denn zu den Worten meines Sohnes Salomo: Unter dreien erbeben die Erde und unter vieren kann sie es nicht aushalten. Unter einem Sklaven, wenn er König wird, usw. muß ich heute hinzufügen: Und unter einem Am Hoorez, wenn er von Kultur spricht." Unser Thorajünger aber sagte seufzend: „Ach, Hakodausch Boruch Hu, du hast es gut. Du darfst auch im Jahre der Kultur und der Höflichkeit 1914 noch den Emes sagen. Wie gut ist's, daß du nicht Raw geworden in einer jüdischen Kehillah oder Rabbiner in einer neologen Gemeinde." Gin Schttkerßeim in Straßöurg. Es war einmal — so beginnen alle schönen Märchen — es war einmal eine Zeit, wo die Bischöfe in ihren Hirtenbriefen ihre Gläubigen also ermahnten: „Keiner unserer Laien soll sich mit einem Juden in eine religiöse Diskussion einlassen, auf daß jene sich nicht über unsere Unwissenheit lustig machen. Denn sie kennen ihr Gesetz sehr genau und wie Goliath sagen sie zu uns: Erwählt euch einen unter den Eurigen, daß er mit uns einen Zweikampf bestehe." Es wäre den Rabbinern von heute zu raten, daß sie an ihre Gemeinden eine ähnliche Empfehlung freilich mit vertauschten Rollen erließen, etwa mit folgendem Wortlaut: Wir Rabbiner, kraft der führenden Stellung, die uns das Thorawort zuweist, empfehlen euch jede Diskussion mit Nichtjuden zu unterlassen, auf daß jene sich nicht über unsere religiöse Unwissenheit lustig machen usw. Was unsere Gemeinden zu einem solchen Schreiben sagen würden? Sie würden mit den Rabbinern selbst eine religiöse Diskussion anfangen. Denn so dumm und unwissend ist keiner unserer heutigen westeuropäischen Juden, daß er sich in jüdischen Fragen kein maßgebendes Urteil zutraute. Gott sei Dank, sagte dieser Tage ein jüdischer Referendar zu dem Schreiber dieser Zeilen, in juristischen Fragen wenigstens schweigen alle, die das BGB. n^r von außen betrachtet haben. Ein Rabbiner stand neben uns und lächelte schmerzlich. „Wen soll er Verständnis lehren für jüdisches Leben und jüdische Fragen?" also fragt der Prophet unseres heutigen Wochenabschnittes. Nicht die, die schon zu wissen glauben, die den Lehrer selbst belehren wollen. Sie sind zu alt zum Umlernen. „Die Kinder, die eben der Mutter entwöhnt", antwortet der Prophet. Sie, die noch nicht glauben Meister zu sein, die noch eine Autorität anerkennen. Denn der Unterricht im Judentum ist grundverschieden von jedem anderen Unterrichte. In jeder Wissenschaft kann es Vorkommen, daß man etwas Neues findet, das noch nicht da war. Doch in der jüdischen Religion kann man nichts Neues finden, das nicht bereits in der Thora liegt. Nimmer können wir ein Gesetz der Thora so tief und originell erfassen, daß die Ergebnisse unserer Forschung auch nur einen Jpunkt dieses Gesetzes verrücken dürften. Bescheidenheit gehört zu den 48 Eigenschaften des Thorajüngers. Diese Bescheidenheit, die viele unserer Erwachsenen in ihrer Jugend nicht geübt und nun im reifen Alter nicht wieder erwerben können, besitzen natürlicherweise unsere Kinder. Diese Bescheidenheit gegenüber der göttlichen Weisheit der Thora, meint der Prophet, soll man lehren, und diese hat man früher gelehrt. Es gab selten einen Ort, wo nicht Thosa gelernt wurde. Es war einmal ein Gesetz/) daß es in jedem Orte ein kleines Beth Hamidrasch geben müsse, eine Lehranstalt für das Heranwachsende Geschlecht. Sieben Jahre lernten dort die Kinder, lernten Chumisch mit der aramäischen Übersetzung von Onkelos, lernten Mischna, lernten dann auch Gemarah. Daneben bestand in der Landeshauptstadt ein großes Beth Hamidrasch. Und die meisten Jünglinge haben dort noch weitere sieben Jahre studiert. Sie taten glücklicherweise dies selbst dann, wenn sie nicht Rabbiner werden wollten. Zu den Kosten dieser Lehranstalt trug jeder einzelne.Jude des Landes bei. So klingt die Geschichte aus vergangenen Tagen. So war das frühere Geschlecht, von dem es in nichtjüdischen Kreisen hieß: „Ein jeder von ihnen kennt das Gesetz ganz genau. Ja, ein weises und verständiges Volk ist die große Nation." 9 Vgl. die von Güdemann herausgegebenen rHinn "'plil