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Das jüdische Blatt · 1914-01-16 · 3 (16.1.1914) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Da» jüdische glatt Nr. 3. Inhalt. Leitartikel. — Ein jeder mit seinem Hause. — Ein Schülerheim in Straßburg — Der Streit um die hebräische Sprache. — Bildungsfrage in Rußland. — Wie Gnaden Herr Landrichter sein Opfer findet. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Briefkasten. — Familiennachrichten. — Rätselecke. — Geschäftliche Mitteilungen. — Bücherbesprechung. — Vermischtes. — Ein kalendarisches Kuriosum. — Gedaljah. — Inserate. Zu nw. Kin jeder mit seinem Kaule. Von Dr. A. Debre. I. Es ist gut, daß sie dich nicht mehr lesen und nicht mehr verstehen, du altes, heiliges Buch. Sie würden glauben ein Märchen zu hören und würden zuerst mit dem Kopfe schütteln. Doch dann würde ihnen die Not ihres Lebens, die Dissonanzen ihrer Häuser zu Bewußtsein kommen, und sie würden weinend an der Pforte eines verschlossenen Paradieses stehen. „Dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten gekommen waren; mit Jakob waren sie gekommen, ein jeder mit seinem Hause waren sie gekommen." Zum ersten Male finden sich Israels Kinder in Verbannung auf fremder Erde. Bande der Liebe haben sie in jenes Land hinabgezogen. Und nun stehen sie da, eine kleine Gruppe von siebzig Personen, inmitten einer fremdartigen, imponierenden Kultur. Schnell und leicht huschen über die Wasser des Nil feingebaute Kähne. Elegante Wagen rasseln vorüber, von raschen Rossen gezogen; denn wir sind ja in Ägypten, im Lande der Pferde. Das ist hier ein ganz anderer Verkehr als in Palästina. Und dann, wo gibt es dort solche Bauten, wie diese riesigen Pyramiden, die geheimnisvollen Sphinxe? Man darf nur diese feingeschnitzten Elfenbeinmesser betrachten, die wunderbaren Gobelins, um zu sehen, welche Fortschritte die menschliche Fertigkeit ständig macht. — Priester in auffallenden Trachten beleben das Straßenbild. Interessante Grübler mit gefurchten Stirnen. Worüber sie nur sinnen mögen? Über den Schleier, der zu Sa'is die Wahrheit deckt? Über das Geheimnis des Todes, das in diesem Lande von sinnbetörendem Prunk umhüllt ist? Siebzig Menschenkinder in diese neue Szenerie versetzt. Jene sind die Vielen, die herrschende Mehrheit. Kündet nicht ihre technische Geschicklichkeit auch die Höhe ihrer Kultur? Wieviele von unseren Siebzig wird das Neue locken? Wieviele werden eigene Anschauungen, eigenes Gesetz aufgeben und Ägypter werden wollen? Wieviele? Hört es, Väter, wundert euch Mütter: Von siebzig Mitgliedern einer Familie ist keines treulos geworden. Es ist wohl zu verstehen, wenn die Bibel die Namen solcher Nachkommen liebevoll zweimal aufzählt. Ich glaube, es lohnt sich auch für uns zu fragen, wieso diese Familie so einheitlich blieb, warum bei keinem der Kinder unseres Vaters Jakob der Abfall eine Brutstätte fand. In einem Worte unserer Weisen liegt eine Antwort, die zum Nachdenken anregen könnte. R. Akiba fragte einst, warum man Israel einem Vogel vergleiche. Und er antwortete: Wie der Vogel nicht fliegen kann ohne Flügel, so kann Israel nicht auf seiner Höhe bleiben ohne seine Alten. Nun, die Alten waren Führer unter jenen Kindern Israels in Ägypten. Bei all seiner Arbeit, bei all seinen trüben Tagen hatte Jakob Zeit gefunden, seinen Kindern von leuchtenden Vorbildern zu erzählen. Waren das wunderbare Stunden gewesen, wo sie im Zelte rings zu seinen Füßen saßen und lauschten. Von ihrem Urgroßvater sprach er. Was für ein feines, kluges Kind war das gewesen. Drei Jahre war er alt. Kein Vater hatte ihn gelehrt, kein Lehrer ihm die Wahrheit verkündet. Sein eigenes Innere hatte ihm die Wahrheit offenbart, daß die Götter Therachs nicht Herren dieser Welt seien. Wie er dann weiter Gottes Willen kennen gelernt und dessen ganze Lehre erfüllt hatte, bis auf Erub Tawschilin. Wie dann die Versuchungen an ihn herantraten, erzählte er. Was war das doch für den fünfundsiebzigjährigen Mann schwer gewesen. Aus der Heimat raus, aus seinem Lebenskreise raus, aus seinem Besitze raus. Warum? Wozu? Man kann doch nicht machen, wie man will. Ist man nicht abhängig von tausend Rücksichten, tausendfach gefesselt? Und wenn er selbst auch gehen wollte, konnte er es von Sarah verlangen, daß sie ihm folgte? Und doch war er gegangen. — Hei, wie die Augen der Kinder Jakobs glänzten: Man kann, wenn man will. — Auf Abrahams Kinder war er dann zu sprechen gekommen und auf ihre Verschiedenheit. Ja ja, die Eltern seien nicht immer schuld daran, wenn ihre Kinder falsche Wege gehen. Bin ich schuld daran, daß Ismael ein Spötter ward? So hatte sich bange, bange Abraham gefragt. Habe ich ihm nicht die gleiche Erziehung wie meinem Sohne Isaak gegeben? Muß ich ihn verstoßen, daß er den anderen nicht auch verderbe? Muß ich so hart sein gegen mein eigen Fleisch und Blut? Da hatte Gott entschieden: Nicht soll erben der Sohn der ägyptischen Königstochter mit Isaak, dem Sohne Sarahs. Und Abraham war grausam. Jakob schwieg und dachte an Esau. Der war auch seinen eigenen Weg gegangen, den Weg des Schwertes und der rohen Gewalt. Auch hier hatten Eltern trennen müssen zwischen Kind und Kind. Es mußte so sein. „Wer milde ist, dort wo er grausam sein müßte, wird grausam, dort wo er milde sein müßte." Schwer und bedeutungsvoll fielen die Worte von seinen Lippen. Und seine Söhne sahen einer den andern an. Gibt es auch unter uns solche, für die das Elternhaus keinen Platz haben darf? Ich, ich will festhalten an Abrahams Erbe, dachte jeder. — Aus seinem eigenen Leben gab es schließlich auch so manches zu berichten, was feine Kinder auf ihren Lebensweg mitnehmen konnten. Er erzählte von den vierzehn Jahren, die er im Lehrhause von Sem und Eber zugebracht hatte, von den Mühen, die das Verständnis der Lehre Gottes erheischt. Jene Lehre, die ihn so wenig weltfremd gemacht hatte, düß er sogar mit Laban, dem schlauen Fuchse, ferügzuwerden verstand. Von jener Lehre, für die er mit Menschen und Engeln gekämpft und gesiegt. Der Zauber jener Lehre hatte selbst Ephraim in seinen Bann zu ziehen vermocht; der Sohn des Vizekönigs von Ägypten war nicht zu kultiviert, im Zelte Jakobs Tora zu lernen. Ich glaube, man kann es verstehen, warum sich die Kinder Jakobs mit ihrem Vater immer eins fühlten, warum sie mit ihm kamen, ein jeder mit seinem Haus. II. Väter und Söhne. Eine jede geschichtliche Betrachtung gewinnt für unser Inneres ihre rechte Bedeutung erst durch die Frage, die das Einst mit dem Jetzt verknüpft. Wie steht es heute mit dem Jsch Uwüißau, herrscht in den jüdischen Häusern wie früher jene großartige Einheit, liegt noch die Führung in den Händen der „Alten, bei denen die Weisheit ist"? Da wären wir wieder bei jenem tief einschneidenden Problem von „Väter und Söhne", das Dichtern und und Denkern so oft den Stoff zu fesselnden Werken gab. Meist ist die Frage von jenen zugunsten der Söhne entschieden worden, und, wie mir scheint, von ihrem Standpunkte aus mit Recht. Die Welt entwickelt sich immer höher und höher. Der Fortschritt äußert sich in neuen Gedanken und Empfindungen. Und diese finden sich bei der Jugend. Während die Väter an ihrer schwer erkämpften Weltanschauung festhalten, haschen die Söhne nach dem nie Dagewesenen. Das ist das Wesen der Jugend. Sie will ihre Geschichte haben — wie schon Heine sagt —, oder auch, sie

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