Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Das jüdische Matt 7 menhange damit werde der Gendarmerieoberst Iwanow bezeugen müssen, daß er trotz mehrfacher Rapporte über das Nichtvorhandensein irgend welcher Hinweise auf einen Ritualmord von Tschaplinky gezwungen worden sei, die Ritualmordversion aufrecht zu erhalten. Derselbe Zeuge Iwanow werde vor Gericht aussagen müssen, daß der bekannte Provokateur Kosatschenko seine belastende Bekundung gegen Beilis, wonach dieser ihn zur Vergiftung von Zeugen aufgefordert hätte, nachher selber als erlogen bezeichnet habe. Trotzdem sei die ursprüngliche Fassung der Aussage Kosatschenskos stehen geblieben. In völliger Uebereinstimmung damit seien alle von Iwanow gegen die Tscheberjak gesammelten Tatsachen unberücksichtigt geblieben. In solchem Stil ist die lange Eingabe Schulgins gehalten. Man kann sich also auch leicht vorstellen, von welcher Bedeutung der Prozeß Schulgin werden wird, wenn er tatsächlich zustande kommt. Darum eben glaubt man hier mit Sicherheit, daß die Staatsanwaltschaft die ihr erteilte Ohrfeige ruhig einstecken und den Prozeß hintertreiben wird. Rumänien. In Rumänien entfalten die Antisemiten eine wilde Hetze gegen Juden. Die Sozialdemokraten veranstalten Versammlungen, um gegen die an den Juden geübten Rechtsbeschränkungen zu protestieren. Die antisemitischen Studenten bemühen sich, diese Versammlungen zu stören. In Jassy z. B. haben sie eine derartige sozialdemokratische Versammlung gesprengt, es entspannen sich wüste Schlägereien, die Polizei griff ein, rief Militär zu Hilfe, mit dessen Hilfe es ihr gelang, das Menschengewimmel auseinander zu treiben. Darauf fielen die Herren Studenten in die Judengassen ein, prügelten die Juden, denen sie begegneten, schlugen Fenster jüdischer Häuser ein und zerstörten jüdische Kaufläden. Antisemitische Hetzredner durchziehen das Land und rufen zu Programm auf. Und die Regierung schaut diesem Treiben mit verschränkten Armen zu, so daß man den Eindruck gewinnt, sie habe gegen diese Aufwiegelung der Volksmassen gegen die Juden nichts einzuwenden. Jassy. Rach den neuesten Nachrichten hatten die Tumultszenen durchaus das Bild eines regelrechten Progroms, der vorbereitet und organisiert war. Charakteristisch für die Stellung der rumänischen Regierung ist die Untersuchung des Chefs der Bukarester Polizei über die Unruhen, die zum Schluß kommt, daß die Juden allein den Progrom hervorgerufen haben. Die Einzelheiten sind schrecklich genug. 500 Mann sind schwer verwundet, 2000 leicht, darunter auch Greise und Kinder. Etwa 250 Wohnungen und Geschäftshäuser sind beschädigt worden. Der Verkehr ist abgestorben. Man befürchtet, die Unruhen werden aufs neue ausbrechen. Die nationalistischen Studenten verbreiten ungestört Proklamationen und rufen zu einer großen Versammlung auf, um gegen die jüdische „Herrschaft" zu protestieren. Wie sehr die jüdische Bevölkerung eingeschüchtert ist, geht aus folgendem hervor: Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Jassy haben sich telegraphisch an die jüdische Kolonialgesellschaft mit der Bitte gewandt, ihre Agenten zu schicken, um eine Massenauswanderung zu organisieren. II Korrespondenzen. ii - ElfaS-Lalkrinaerr. - MH. Slraßburg. Bei der am Mittwoch stattgefundenen Eröffnung des els.-lothr. Landtags, bei welcher der Kaiserliche Statthalter die Eröffnungsrede hielt, wurde auch das Kultusbudget berührt. Der Herr Statthalter sagte in seiner Rede: „Der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die staatlichen Kultusausgaben und die Besoldungsverhältnisse der Religionsdiener, ist sertiggestellt; er wird demnächst den Kultus-Oberbehörden mitgeteilt werden. Es ist zu hoffen, daß die Verhandlungen mit diesen Behörden und die dadurch bedingten Vorarbeiten so zeitig zum Abschluß gelangen, daß die Vorlage an den Landtag noch in dieser Tagung sich ermöglichen läßt. Slraßburg. Von der Israelitischen Gewerbeschule zu Straßburg erhalten wir folgenden Aufruf: Der Verwaltungsrat der Israelitischen Gewerbeschule zu Straßburg gibt zurzeit durch Anschlag in den Synagogen bekannt, daß für diejenigen Knaben, die nach Ostern in die Gewerbeschule einzutreten beabsichtigen, am 8. März 1914 eine Aufnahme- Prüfung stattfinden wird. Behufs Zulassung zu derselben sind bis zum 1. März d. Js. an die Direktion der Israel. Gewerbeschule, Julianstraße 14, folgende Schriftstücke einzureichen: 1. Aufnahmegesuch, 2. Geburtsschein, 3. Impfschein, 4. Schulentlassungszeugnis, 5. Unvermögenschein der Eltern vom Bürgermeisteramt, wenn eine Freistelle beansprucht wird. Andernfalls wird ein den Vermögensverhältnissen entsprechender Verpflegungspreis in Anrechnung gebracht. Anmeldungen, welche nach dem 1. März erfolgen, können nicht berücksichtigt werden. So ist denn die Israelitische Gewerbeschule zu Straßburg weiter bemüht, durch Förderung der Handwerker-Ausbildung ihrer Aufgabe gerecht zu werden; und es ist eine erfreuliche Tatsache, daß dank dieser Anstalt die Knaben in unserem engeren Heimatlande nicht nur mehr wie früher und mehr wie in den übrigen deutschen Staaten zum Handwerk hinneigen, sondern daß die Schüler auch nach Ablauf ihrer Lehrzeit wohl vorbereitet sind, um im Kampf ums Dasein ihren Mann stellen zu können. Aber auch die Ueberfüllung in den gelehrten Berufen und die gewaltige Konkurrenz im Kaufmannsstande mahnen dringend, talentvolle Knaben der produktiven Arbeit zuzuführen: denn trotz aller Klagen, die so oft auf der ganzen Linie ertönen, darf ruhig behauptet werden, daß das Handwerk für einen intelligenten, strebsamen jungen Mann auch heute noch ein weites, erfolgreiches Arbeitsfeld bietet. Verwerflich und vollständig falsch aber ist die vielfach vertretene Ansicht, es würden sich zur Erlernung eines Handwerks auch solche junge Leute noch eignen, die zu einem anderen Beruf nicht taugen. Es sei aber auch in anderer Beziehung auf die Israelitische Gewerbeschule aufmerksam gemacht. Nur durch die rege Mitarbeit, durch die finanzielle Unterstützung der weitesten Kreise ist ein rüstiges Voranschreiten der altbewährten Erziehungsanstalt möglich. Darum: „Helfen Sie Ihrerseits mit, dieses soziale Werk zu fördern!" „Gedenken Sie der Schule, wen Sie Ihre Gaben spenden!" „Geben Sie der Gewerbeschule Ihr Scherflein, wenn Sie bei freudigen oder traurigen Familienanlässen, der alten, jüdischen Tradition eingedenk, Herz und Hand der Wohltätigkeit öffnen!" „Werben Sie bei Freunden und Bekannten, damit auch nicht einer fehle, durch Stiftungen, Tempelspenden, Gaben oder jährliche Beiträge der Gewerbeschule das wohlverdiente Interesse zu bezeugen!" Slraßburg. Vor einem sehr zahlreich erschienenen Publikum, das sich nicht nur aus den Mitgliedern der A.-J.-Ortsgruppe, sondern aus allen Kreisen der hiesigen Judenheit zusammensetzte, gab Herr Dr. Berthold Cohn in einem mit großem Beifall auf-