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Das jüdische Blatt · 1914-01-02 · 1 (2.1.1914) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Nr. 1 Das Mische Blatt. In Rußland sei allgemein der Hirnschlag für die Schlachtung einzuführen, die Schlachtung habe in geschlossenen Räumen stattzufinden und Zuwiderhandlungen seien mit Geldstrafe von 25—150 Rubel zu strafen. Es ist klar, daß der Gesetzentwurf einen doppelten Zweck verfolgt, erstens die Analogie der Schechita mit der Blutlüge herzustellen, zweitens durch Annahme des Schächtverbots die 6 Millionen Juden zu zwingen, aus Rußland auszuwandern. Das wäre tatsächlich eine Katastrophe, die in der Weltgeschichte ohne Gleichen dastände! Rnmattien. Die Presse, besonders die ungarische, lenkt wieder die Aufmerksamkeit auf die gefährliche Lage der Juden in Rumänien. Man hat allen Grund zu fürchten, daß die Regierung die antisemitische Hetze unterstützt, um sich der Erfüllung sogar der armseligen Versprechungen zu entziehen, die sie bei Ausbruch des Krieges gegeben hatte, als sie von 300 000 Juden, die in Rumänien wohnen, 30 000 unter die Fahnen rief. Obgleich die Juden alle Bürgerpflichten erfüllen, werden sie als „Fremde" betrachtet und haben keine Rechte, sie haben kein Wohnrecht, können kein Amt bekleiden, können weder Makler, noch Schiedsrichter an der Börse, noch Advokaten, können weder Apotheker noch Drogisten werden. Selbst als Handwerker und Kaufleute find sie in ihren Rechten beschränkt. Man hat sogar versucht, sie als Arbeiter in den Fabriken nicht zuzulassen. In den öffentlichen Volksschulen werden sie fast gar nicht ausgenommen und außerdem dürfen sie dafür eine besondere Schultaxe bezahlen. Zu den Universitäten haben sie natürlich keinen Zutritt. In den Dörfern dürfen sie nicht wohnen. Die Juden sind also fast aller ihrer Rechte beraubt. Dieser Zustand, sollte man meinen, kann auf die Dauer nicht aufrecht erhalten werden. In der Tat haben sich bei Beginn des Krieges Stimmen hervorgewagt, die Gleichberechtigung für die Juden verlangten. Davon ist nun keine Rede mehr. Die antisemitische Hetze wird immer stärker und außer den Sozialisten nimmt sich keine einzige Partei der Rechte der Juden an. Der Fanatismus und die Instinkte des Glaubenshasses werden bis zum niedrigen Volk systematisch geschürt. Einer der Antisemitenhäuptlinge, der Universitätsprofessor Cusa, hat vorigen Monat in Jasoz den Juden gedroht, daß heute wie im Progromjahr 1866 „rumänische Schlächter bereit seien, ihre Messer zu wetzen unö daß es noch genug Synagogen zu zerstören gebe". Eine Zeitung schreibt, wenn die Juden nicht Ruhe halten, werde Rußland mit seinen Progroms und Ritualmorden ein gelobtes Land für sie sein im Vergleich zu Rumänien. Es ist daher begreiflich, daß sich der Juden in Rumänien eine verzweifelte Stimmung bemächtigt. Sie hatten versucht, durch Resolutionen in Versammlungen, durch Bittgesuche an den König, an die Regierung, an das Parlament, eine Aenderung ihrer furchtbaren Lage herbeizuführen. Ohne Erfolg. Im Gegenteil! Die Regierung will sich die jüdischen Bitten vom Halse schaffen durch Förderung der antisemitischen Hetze. Diese ist im Wachsen begriffen. Als Belohnung aber, daß die Juden während des Krieges ihr Blut fürs Vaterland vergossen haben, bedrohen sie die rumänischen „Patrioten" mit Progromen. Serbien. Die offiziöse „Serbische Korrespondenz" meldet: Bekanntlich haben die Israeliten in Serbien auch bisher volle Religionsfreiheit und bürgerliche Gleichberechtigung genossen, was nicht wenig zu ihrer seit jeher bewiesenen Anhänglichkeit zum serbischen Staate beigetragen hat. Die Opfer, welche die Israeliten in den letzten Kriegen durch tapferes Verhalten ihrer Söhne in denselben, wobei auch ihrer genug gefallen, für die serbische Sache brachten, ist ein neuer Beweis dieser Anhänglichkeit, die allseits Anerkennung findet. Als sichtbares Zeichen dieser Anerkennung will nun der Staat den von Israeliten bewohnten Ortschaften Neu-Serbiens auf Staatskosten Synagogen erbauen, vor allem aber für das ganze Land einen Oberrabbiner einfetzen, der neben seinem Ge- Kiucmalograpö. Kindervorstellung. Liebe kleine Gäste! Bevor die Vorstellung beginnt, möchte ich gerne erst eine kurze Ansprache an Euch halten, Euch mit dem, was ihr nun zu sehen bekommen werdet, vertraut zu machen. Jetzt haben wir das schöne Chanukkahfest, auf das Ihr Euch alle so gefreut, auf die schönen Ueberraschungen, die Eurer warten, und vor allem auf die gemütlichen Spielabende, wo Ihr mit den Erwachsenen bis spät in die Nacht zusammensitzen dürft und „Trendeles" spielen und „schwarzer Peter" und „Lotto" und was sonst nicht alles, und vor allem „Glocke und Hammer", und ich höre Euch mit leuchtenden Augen flüstern, „aber heute will ich auch mal den Schimmel steigern, oder gar das Kaufhaus". Ja, ja, Chanukkah ist eine schöne Zeit, und deshalb gebe ich Euch heute auch eine Extra-Vorstellung. Jetzt aufgepaht! Brrr! Erstes Bild. Seht Ihr alle die beleuchteten Fenster? Das ist eine Straße in Jerusalem. Wißt Ihr, daß in der „Heiligen Stadt" sehr, sehr viele Juden wohnen? 60 000 an der Zahl, denkt Euch! Und da sie alle in denselben Stadtvierteln hausen und Chanukkah alle ihre „Menaure" anstecken, kommt es, daß ganze Straßen illuminiert sind und die Leute häufig sagen, „Heute will ich einmal Lichtchen sehen gehen". Brrr! Zweiles Bild. Seht Ihr das große Gebäude? Das ist die Evelina de Rothschild-Schule. In die gehen über 600 jüdische Mädchen und auch die freuen sich schon das ganze Jahr auf Chanukkah, ja vielleicht noch mehr als Ihr, denn wißt Ihr, die meisten von ihnen find sehr, sehr arm. Viele davon kommen von Rußland und Rumänien und häufig sind die Eltern froh, daß sie sich mit ihren Kindern hierher retteten, obwohl sie all ihr Hab und Gut dort zurück lassen mußten. Manche der Zöglinge haben gar keinen Vater und keine Mutter mehr und muhten selbst miterleben, wie man sie in diesen schlimmen Ländern getötet hat. Ist das nicht schrecklich traurig? Deshalb bereiten wir ihnen auch so gerne eine Freude, um sie wieder fröhlich zu machen. Und weil es bei vielen von ihnen zu Hause gar so trübselig ist, haben sie auch die Schule so lieb, und wenn es heißt: Morgen ist frei, dann jauchzen sie nicht wie Ihr, sondern machen ganz lange Gesichter und murren: Ach, warum? Aber nun wollen wir ja von einem heiteren Fest, der Chanukkahfeier, sprechen. Wenn die Schülerinnen morgens kommen, dann dürfen sie, nachdem sie ihr Gebet, wie sie dies täglich tun, zusammen verrichtet, lange Zeit im Garten spielen. Brrr! Drilles Bild. Welch' ein Garten! Habt Ihr schon einmal einen solchen gesehen? Apfelsinen wachsen auf den Bäumen und leuchten ganz goldgelb zwischen dem Dunkelgrün hervor! Und jetzt, im Winter, blühen schon Veilchen! Brrr! Viertes Bild. Die Schulhalle! Schaut nur die Gesellschaft um die langen Tische versammelt! Schokolade und Kuchen munden, Ihr möchtet wohl dabei sein?

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