Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. 5 Da» jüdische Hiatt. und den Ausweis bei der Landung in Amerika nötig sind, sind noch die Glücklichen unter den Armen. Die Meisten aber haben bereits alles versetzt und verkauft. Die Londoner jüdischen Wohltätigkeitsvereine tun ihr Möglichstes, um die Not zu lindern, aber schließlich ist doch alle ihre Hilft nur wie süßer Tropfen in dem großen Meere von Elend, das jetzt hier herrscht. Rußland. Die Beilisiade ist in Rußland noch immer im Schwung. Man mag welche Zeitung auch immer öffnen, man wird ganze Spalten von Beilis und Beilisprozeß finden. Daß die Duma von dem allgemeinen Zug nicht ausgenommen ist, ist klar. Dort herrscht jetzt die finstere Reaktion. Noch in einer ihrer letzten Sitzungen hallte in ihr das Echo vom Beilisprozeß wieder. (Sie ist jetzt in Ferien und darf aus ihren Lorbeeren ruhen.) Es stand der Gesetzentwurf zur Beratung, der die Mittel zur Herausgabe einer historischen Darstellung der Gerichtsreform unter Kaiser Alexander II. verlangt. I e f r e m o w will diese Arbeit nicht dem Justizministerium überlassen, denn dies sei zu parteiisch, sondern der wissenschaftlichen Akademie und den juristischen Fakultäten. A t s ch e n o w unterstützt diese Meinung, indem er sagt, der Beilisprozeß habe bewiesen, wie sehr die Gerichte die Selbständigkeit verloren haben. Zu unbedeutenden Prozessen habe man intelligente Geschworene ausgesucht. Für den Weltprozeß sei man darauf bedacht gewesen, einfache Bauern zu Geschworenen zu bekommen. In dem Prozeß haben die Richter nicht nur gezittert vor dem Justizminister, sondern auch vor den Vertretern der Zivilpartei, dem Samislowski und Schmakow. K e r e n s k i sagt: Was ist denn die russische Justiz? Der Prozeß gegen die sozialdemokratische Fraktion der zweiten Duma, der Prozeß gegen Warwarin, gegen Sischem und — der Kiewer Prozeß. Diesem Gräber der russischen Justiz verkünden allein schon die Geschichte der russischen Gerichtsbarkeit. Kerenski wird zur Ordnung gerufen. Dann tritt der berüchtigte Antisemit Markow auf und sagt: Der Kiewer Prozeß läßt die Verteidiger derer, die den unschuldigen Juschtinsky ermordet haben, nicht ruhen. Großer Tumult links. Kerenski schreit: Ihr seid die Verteidiger der Mörder! Markow antwortet: Ihr habt gemordet, nicht ich. Der Lärm wird noch ärger. Schreie: Blutsaufer! wir wollen euch nicht ausreden lassen. Der Vorsitzende sucht beide Teile zu beruhigen. Markow erklärt, er sei empört gegen die, die Mörder eines christlichen Knaben verteidigen. Der Vorsitzende bittet ihn kategorisch, von dieser Angelegenheit nicht zu sprechen. Markow antwortet: Ihr lasset Niemand reden, der mit Ihnen nicht übereinstimmt. Sie sind gegen Wortfreiheit, Sie sind gegen alle Freiheiten, Sie sind nur für die Freiheit für Juden! Uebrigens sorgen Regierung und Polizei schon dafür, daß die öffentliche Meinung nicht zur Ruhe kommt. Der Richter T s ch a b l e n s k i, der in dem Beilisprozeß eine so große Rolle gespielt hat, hat erklärt, der Prozeß sei für die Regierung beend igt. Das Justizministerium wird keine weitere Untersuchung über Justinskys Mord anstellen. Er hat auch bestätigt, daß alle Beamten, die den Beilisprozeß geleitet und geführt haben, mit hohen Posten im Justizministerium belohnt werden. Beilis selbst hat die Erlaubnis zur Reise ins Ausland erhalten. Dagegen wird weiter mit Strenge gegen alle Beilisfreunde verfahren. Die Beilisiade kommt sobald nicht zur Ruhe. Jeder Tag bringt neue Beilisneuigkeiten. Der Advokat M a r g o l i n wurde, weil die famose Tschebriakowa ihn anklagte, daß er sie habe bestechen wollen, falsches Zeugnis auszusagen, sogar von der Advokatur ausgeschlossen. Der Journalist Brasul wurde zu Einern Jahre Festung verurteilt, weil er einmal bei einer Versammlung erst spät sich entschloß, sich zu erheben, als die Nationalhymne gespielt wurde. Kaum wurde bekannt, daß Beilis englischen und amerikanischen Zeitungen seine Memoiren mitgeteilt habe, da wurde auch schon auf diese Memoiren gefahndet. Die Polizei kann doch das Licht und den Luftzug der Öffentlichkeit nicht vertragen. Aber die Polizei kam wie gewöhnlich zu spät. Der Engländer Wray, der nach Beilis' Bericht die Memoiren bereits in einem Bericht für seine Zeitung niedergelegt hat, war bereits abgereist. Zurückgeblieben war dagegen ein amerikanischer Journalist Berliand, der als russischer Untertan auf seinen Auslandspaß warten mußte. Die Polizei erschien im Hotel und beschlagnahmte Berliands Papiere. Was wollen Sie denn anfangen? frug der Journalist. Wir wollen Beilis Memoiren beschlagnahmen, war die Antwort. Der Journalist lachte. Da hätten Sie früher kommen müssen, sagte er. Die Papiere, die Sie suchen, sind bereits über der Grenze. Endlich soll nun auch — der 15. Januar ist dafür in Aussicht genommen, endlich sollen nun die Prozesse gegen die Tschebriakowa wegen ihrer verschiedenen Diebstähle beginnen. Sie wird sich wohl nicht über zu rauhe Behandlung zu beklagen haben. Sie besitzt doch zuviel Geheimnisse über den Beilisprozeß. Ein anderer Held des Beilisprozesfes, der Mönch Pranaitis, läuft sich die Beine ab, um zur Belohnung für seine Unwissenheit, die er im Prozeß so glänzend bewiesen hat, eine hohe geistliche Würde zu erlangen. Die Dunkelmänner brauchen ihn zur Ausschlachtung der Blutlüge. Darum muß er das Ansehen einer hohen Stelle genießen. Die „Now.-Wremja" bringt ja jeden Tag belebende Rezensionen über das ausgezeichnete Gutachten, das er vor Gericht erstattete und durch das er sich und seine Gönner vor der großen Welt so sehr blamierte. Samislowski bemüht sich auch im Justizministerium für Pranaitis. Aber er hat einen unerwarteten Gegner gefunden — den katholischen Metropolit Kliutschinski von Warschau, der über alle katholische Angelegenheiten in Rußland zu entscheiden hat. Dieser Kirchenfürst ist nach Petersburg ins Ministerium des Innern gekommen, um gegen die Bestallung des Pranaitis zu protestieren. Er leugnet dessen Verdienst entschieden ab, und als Pranaitis ihn in Petersburg besuchen wollte, hat er ihn nicht empfangen, sondern ihm befohlen, sofort nach Taschkent in seine Pfarrei zurückzufahren. Fragt sich jetzt, ob die Regierung es wagen wird, über das Haupt des Kirchenfürsten hinweg, den Pranaitis zu einer hohen Würde zu erheben. Bevor die Duma auseinandergegangen ist, haben noch 66 Abgeordnete, Nationalisten und Rechte, den Gesetzentwurf gegen die Schechita, wie bereits berichtet, eingebracht. Dieser Entwurf trägt so recht seine Verwandtschaft mit der Blutlüge im Gesicht. Er wimmelte von Entstellungen und Lügen. Sein Zusammenhang mit der Blutlüge geht schon daraus hervor, daß in ihm der Wahrheit zum Trotz ausgeführt wird, der Zweck der Schechita fei Abzapfung von Blut, langsames zu Todestechen, vielfaches Durchstechen und Durchreißen von Blutgefäßen! Die Schechita sei der Volksgesundheit schädlich, eine Erniedrigung für die Christen, eine schwere Last für die arme jüdische Volksmasse. Wie liebreich die Antisemitenseele doch werden kann. Die Korobka, die Schächtsteuer, sei wie jede indirekte Steuer ein Unrecht, sie habe übrigens die unumschränkte Macht des jüdischen „Kahal" vermehrt zum Schaden des Russischen. Von Toleranz könne nicht die Rede sein. Die Bibel verbiete streng die Tierquälerei und wenn der Talmud diese humanen Gesetze verschoben habe, sei es Pflicht einer christlichen Religion, das erhabene alte Testament gegen den Talmud zu verteidigen. Uebrigens sei die Schechita bereits in der freien Schweiz verboten. Dafür darf also die Schweiz vorbildlich sein! Und in Finland sei die Schechita verboten! Dabei hat der Zar vor einigen Monaten das Dekret veröffentlicht, durch welches das Schächtverbot in Finnland aufgehoben wird.