Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Nr. 1. Das jüdische Klatt. Haushalt hatten 1264 einen evangelischen Vater und 1752 eine evangelische Mutter, sowie 313 einen katholischen Vater und 331 eine katholische Mutter, ferner 98 eine Mutter sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses. Im Haushalte der jüdischen Mischehen befanden sich 7785 Kinder. Von ihnen waren 4686 evangelisch, 1802 jüdisch, 845 katholisch, 1 sonst christlich und 451 sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses. Auf einen evangelischen Elternteil kommen 1,50 evangelische Kinder, auf einen katholischen 1,31, auf einen jüdischen etwa 0,45. Sehr zahlreich sind auch die Kinder sonstigen und unbestimmten Bekenntnisses (Dissidenten, Religionslose usw.), deren Zahlenverhältnis zu den Ehen mit Kindern sich nicht genau feststellen läßt, da, wie bemerkt, die Zahl der Ehen von jüdischen Frauen mit Männern sonstigen usw. Bekenntnisses, so weit in ihnen Kinder sind, nicht bekannt ist. Es läßt sich aber schätzen, daß auf jeden derartigen Elternteil etwa 1,50 Kinder, also so viel wie bei dem evangelischen Elternteil, entfallen. Eine sehr bemerkenswerte Feststellung ist die die geringe Zahl der Geburten in den jüdischen Mischehen: auf die 5516 Ehen entfielen 7785 Kinder, also auf jede durchschnittlich noch nicht 1,5 Kinder. Von den 7785 Kindern wurden nur 1802, also noch nicht der vierte Teil, in der jüdischen Religion erzogen; fast 4700 folgten dem evangelischen Bekenntnis. Danach erweist auch die Statistik den Verlust der Kinder aus Mischehen für das Judentum. Zur krankheilsslaliftik der Juden. Da die Sterblichkeit bei den Juden gering ist und sie durchschnittlich ein höheres Alter erreichen, wie die christliche Bevölkerung, so sterben die Juden — wie Dr. Baneth in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden mitteilt — mehr an Alterskrankheiten als ihre Mitbürger. Ein ziemlich hoher Prozentsatz stirbt an Altersschwäche, Krebs, Arterienverkalkung, Erkrankungen der Geschlechtsorgane und Zuckerkrankheit. Von Herzkrankheiten erliegen die Juden besonders dem Fettherz neben den Herzfehlern. Fettsucht und Gicht führt Baneth auf Unmäßigkeit, namentlich im Fleischgenuß, zurück. Die Geistes- und Nervenkrankheiten haben ihre Ursache vor allem in der einseitigen geistigen Beschäftigung, der Bevorzugung des Handels und der gelehrten Berufe, sowie in dem Umstand, daß die Juden meist Städtebewohner sind, die Großstadt aber den besten Boden für die Entstehung der Nervenkrankheiten abgibt. Nerven- und Stoffwechselkrankheiten zerschmelzen zu einem Ganzen. Derselbe Berus, der den Geist aufreibt, zwingt zum Stillsitzen und bietet gute Gelegenheit zu einer reichlichen Ernährung, die zur geleisteten körperlichen Arbeit in einem Mißverhältnis steht (Fettsucht, Zuckerkrankheit), und zur Ueberanstrengung (Arterienverkalkung). Dr. Baneth führt als Ursache für die günstigen Sterblichkeitsverhältnisse der Juden an: Die Frühehe, die Innigkeit neben der Reinheit des Familienlebens, die Speisegesetze, die Mäßigkeit, besonders im Alkoholgenuß, die Beobachtung des Sabbats und der Festtage, sowie die Reinheits- und Keuschheitsgesetze. Es ist nur zu bedauern, daß diese religiösen und sittlichen Gebräuche zum Teil von einer großen Anzahl westeuropäischer Juden nicht mehr beobachtet werden. Aus aller Wett Deutschland. Der geplante jüdische Kongreß wegen der rumänischen Juden. Der Amerikaner M. Green bemüht sich sei Jahr und Tag, eine öffentliche Aussprache über die unerträgliche Lage der Juden in Rumänien herbeizuführen. Nun ist der Angelegenheit insofern näher getreten, daß er die Berufung eines Kongresses in Berlin ins Werk zu setzen suchte. Die großen jüdischen Hilfsgesellschaften Europas haben ihm aber eine gemeinsame Absage gegeben. Die Kollektiv-Antwort lautet: Sehr geehrter Herr Green! Zur Beantwortung Ihrer an verschiedene Gesellschaften zugesandten Einladung, an einem nach Berlin zusammen zu berufenden Kongreß teilzunehmen, teilen wir Ihnen mit, daß in Betracht der inneren Lage Rumäniens wir der Meinung find, daß ein derartiger Kongreß nicht am Platze ist und daß wir uns deshalb daran nicht beteiligen können. Unterschrieben ist die Antwort: Für die „I c a" in Paris von Dr. P h i l i p p s o h n, für den H i l f s v e r e i n der Deutschen Juden von Dr. Netter, für die „Allianz" in Wien von Dr. Leop. R e i s i, für die englisch-jüdische Hilfsgesellschaft von Claude M o n t e f i o r e, für das Komitee für die O st e u r o p ä i s ch e n Juden in Frankfurt von Dr. Blum. Halberstadt. Der geschäftsführende Vorstand des Gruppenverbands der „Agudas Jisroel" in Deutschland versendet folgenden Aufruf: An unsere Gesinnungsgenossen! Am 15. Kislew wurde zu Halberstadt unter der begeisterten Zustimmung von Delegierten aus allen Teilen Deutschlands der Gruppenverband der „Agudas Jisroel" in Deutschland konstituiert. Innerhalb der Weltorganisation der „Agudas Jisroel" ist damit eine deutsche Zentralstelle gegründet, deren Aufgabe es sein wird, die Bekenner des altüberlieferten Judentums in deutschen Reiche um die Standarte der Aguda zu sammeln und damit für den organischen Zusammenschluß des in der Thoratreue geeinten die ganze Kraft der gesetzestreuen deutschen Judenheit einzusetzen. Brüder und Schwestern in Deutschland! Begreifen wir die Forderung des Tages und lassen wir die Stimme der Zeit nicht unerhört verhallen. Die „Agudas Jisroel" ist die zum Leben erwachte Sehnsucht der jüdischen Volksseele, die zur Tat gewordene Verbrüderung der thoratreuen Juden der ganzen Welt. Seien wir stolz darauf, daß wir eine der ersten Landesorganisationen dieses Bundes sein dürfen und gehen wir allen Ländern voran im edlen Wettstreit um die Lösung unserer heiligen Aufgaben. Erfüllen wir uns in diesen Tagen ewig wiederkehrender Erinnerung an herrliche Wundertaten mit dem Geiste der Ahnen, entzünden wir Licht an Licht, kämpfen wir den geistigen Kampf um das unzerstörbare Heiligtum der Thora und vertrauen wir dem Schirmer Israels, der sein Volk nicht verloren gehen läßt und uns aus der Zeiten Not und Drangsal lichterfüllter glücklicher Zukunft entgegenführt. Auf denn zur frischen, rastlosen Tat! Werbet Mitglieder! Gründet neue Ortsgruppen! Es gilt der Ehre des Sinaigesetzes, es gilt dem Glück der Gesamtheit Israels! England. Die Not dieses Winters im Ghetto. Das Londoner Ghetto lebt jetzt in großer Not. Im Schneiderhandwerk herrscht Arbeitslosigkeit, unter der tausende Arbeitsfamilien leiden. Auch in England ist der Winter bisher sehr milde aufgetreten, die Winterware ist nicht abzusetzen, und die Konfektion hat kein Geschäft. Natürlich greift diese Krisis im Schneidergewerbe auch auf alle anderen Geschäftszweige über, selbst die Nahrungsmittelbranche trifft diese Krise empfindlich. Wer kann, verkauft sein bißchen Habe und macht nach Amerika hinüber. Die Auswanderung hat daher in der letzten Zeit stark zugenommen. Die das können und durch Verkauf ihrer Habseligkeiten die paar Pfund zusammenbringen, die für die Reise