Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9052070-9097324-9052952--0890-9052955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1. Das Mische Klatt 3 ist das Wichtigste für einen Juden. Im Vergleiche dazu ist es gleichgültig, ob unsere jungen Leute auf hebräisch sagen lernen: Mach die Tür auf, schließe das Fenster oder Laßt uns ins Freie fliehen und die Pflanzungen abschneiden. Eine Schande ist es für uns, wenn Juden in Palästina oder sonst in der Welt die Fertigkeit erlernen, sich ein Schinkenbrötchen auf hebräisch zu bestellen oder an Sabbaten in Jerusalem oder sonstwo beim Spaziergang eine Zigarre zu rauchen und sich dabei hebräisch zu unterhalten und sich dabei einbilden, sich jüdisch national auszuleben. Ist unter solchen Umständen die hebräische Sprache ein Erkennungszeichen des Juden, die hebräische Schule eine Schule des Judentums, der Streit um die hebräische Sprache ein Kamps für das Judentum? Nicht die hebräische Sprache, die Heiligkeit jüdischen Lebens macht den Juden. Ramban hat doch Recht. Daß Joseph hebräisch redete, war noch kein Zeugnis für seine Zugehörigkeit zum Jakobshaus. Ausgezeichnet Hebräisch redeten noch viele andere. Aber Joseph hat es verstanden, in seiner Rede das ganze warme Gefühl der Aufrichtigkeit hineinzulegen, sein Ton, seine Geberde, sein Benehmen, seine Gedanken und Gefühle, die er zum Ausdruck brachte, waren so echt vom Geiste Jakobs, daß sie alle ebenso wie Benjamin, der nicht Zeuge des Verkaufs war, die unfehlbare Gewißheit erlangten: sein Mund ist der Dolmetsch seines inneren Wesens, Joseph redet persönlich zu uns, es ist derselbe geniale und fromme Joseph, dessen jugendliches Bild in den Herzen der ganzen Familie eingegraben ist. Nicht die hebräische Sprache rief Joseph zum Zeugnis all, sondern die Werte seiner israelitischen Persönlichkeit. Das wollte er mit den Worten sagen: Euere Augen sehen und die Augen meines Bruders Benjamin, daß mein Mund zu euch redet. E. W. Der Boykott der Iitden in Molen. Nachdem ein Jahr verstrichen ist, daß der Boykott in Polen gegen die jüdischen Geschäfte erklärt worden ist, läßt sich einigermaßen die Wirkung des Boykotts auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes überschauen. Es gibt polnische Zeitungen, die über die erzielten Erfolge jubeln, indem sie Nachweisen, daß der jüdische Handel stark abgenommen, während der polnische sich um das Dreifache vermehrt hat. Nach der Statistik, die man in einem Bezirk, dem Dombrower, aufgestellt hat, sind dort die polnischen Geschäfte auf das dreifache gestiegen, von 348 aus 1036, während die jüdischen von 835 auf 544 gefallen sind. Wenn die polnischen Geschäfte um das dreifache zugenommen haben, darf man schon jubeln, glauben diese Beurteiler. Es lassen sich aber auch andere Schlüsse ziehen, die durchaus nicht ermutigend für die Antisemiten sind. Es ist doch schon an und für sich keine gesunde Lage, wenn sich die Zahl der polnischen Geschäfte plötzlich im Verlauf eines einzigen Jahres um das Dreifache vermehrt hat. Der plötzliche Aufstieg birgt schon an und für sich wirtschaftliche Gefahren in sich. Dazu kommt noch, daß dieser Aufstieg nicht gesunden, wirtschaftlichen Anlässen und Gründen, sondern einer wüsten antisemitischen Agitation entsprungen ist. Das ist nicht nur eine gefährliche und schädliche Erscheinung. Es darf schon nicht übersehen werden, daß, während die Zahl der polnischen Geschäfte sich um das Dreifache vermehrt hat, die Zahl der jüdischen nur um höchstens 45 Prozent abgenommen hat. Das ist schon kein famoser Sieg, der zum Jubilieren Anlaß geben sollte. Im Gegenteil, bei näherem Zusehen entpuppt sich der Boykott als ein Unglück für das ganze Land. Der Kredit des ganzen Landes hat ungeheuer gelitten. Sonne der Boykott verkündet wurde, hat sofort die ausländische Handelswelt den Kredit an Polen eingeschränkt, auch für christliche Geschäftsleute, nicht nur für jüdische. Ja, die jüdischen Handelsleute haben nach und nach gewisse Kreditvergünstigungen erlangt, da man sie, die zahlungsfähigen und zuverlässigen Geschäftsleute, als Kunden nicht verlieren wollte. Die Wechsel wurden prolongiert und andere Zugeständnisse gemacht. Die jüdischen Geschäftsleute ihrerseits haben mit sicherem Blick sich sofort der Lage anzupassen verstanden. Sie haben die Warenbestellungen und ihre Geschäftsausgaben vermindert ebenso wie ihre privaten Ausgaben und haben sich mit mäßigem Verdienst begnügt. Jetzt sind sie bereits auf sicherem Boden und gegen etwaige Ueberraschungen im geschäftlichen Leben gesichert. Dagegen hat sich der Schaden, den die Boykottbewegung der jüdischen Handelswelt verursachte, auf das wirtschaftliche Leben des ganzen Landes fortgepflanzt. Zunächst litten die Hausbesitzer. Als der Stillstand im Handel sich bemerkbar machte, verlangten die jüdischen Geschäftsleute eine Herabsetzung des Mietspreises nicht nur ihrer Geschäftslokale, sondern auch ihrer Privatwohnungen. Dies rief wieder einen Stillstand im Häuserbau hervor. Der Stillstand im Häuserbau zog eine plötzliche Hemmung des Zugs der Arbeiter vom Dorf in die Stadt nach sich. Ein großes Arbeitsangebot wurde allgemein, die Folge war das Fallen des Arbeitsverdienstes und daraus ergab sich wieder eine Verstärkung der Auswanderung. Nie find nahe an der Grenze soviel Arbeitermassen ausgewandert wie letztes Jahr. Hier zeigt sich klar die Hinfälligkeit der Behauptung der Boykottagitatoren, die Ueberfüllung Polens mit jüdischen Geschäften beschleunigt die Auswanderung der christlichen Arbeiter. Wenn der Platz, den die Juden in Polen einnehmen, leer würde, sagen diese Agitatoren, würde es sofort von den Polen besetzt werden. Das einzige Jahr Boykott zeigt gerade die entgegengesetzte Erscheinung. Die Abnahme der jüdischen Geschäfte beschleunigt die christliche Auswanderung. Eine andere Folge der geschwächten Kaufkraft der Tausende von Juden ist die Lähmung des wirtschaftlichen Verkehrs des ganzen Landes, der Rückgang der Banken, die Schmälerung der Kreditgewährung, die Abnahme der Beiträge zu Bildungs- und Wohltätigkeitsanstalten. - Was ist schließlich also der Gewinn des Boykotts? Einige tausend neue kleine polnische Geschäfte, die so dem Untergang geweiht sind. Diese Erwägungen überzeugen aber natürlich die Boykottagitatoren nicht. Ihrem Haß genügt es doch, daß die Juden unter dem Boykott schwer gelitten haben. Was bedürfen sie mehr? —— -—^- Statistik imd Sozialpolitik. Die Mischehen in Preußen. Durch die obligatorische Zivilehe nehmen die Mischehen in Preußen und die Beteiligung der Juden daran imnler mehr zu. Bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1910 bestanden in Preußen 5516 Mischehen, bei denen Juden beteiligt waren. In 3712 Ehen war der Mann, in 2476 die Frau jüdisch. 3000 jüdische Männer hatten evangelische Frauen, 564 katholische und 168 Frauen sonstigen oder unbestimmten Bekenntnisses; 1997 evangelische Männer, 478 katholische, 1 sonst christlicher und 328 sonstiger oder unbestimmten Bekenntnisses hatten jüdische Frauen. Unter den jüdischen Mischehen waren 3758 mit Kindern im Haushalt, wobei die amtliche Statistik allerdings die Ehen von Vätern unbestimmten oder sonstigen Bekenntnisses mit Jüdinnen außer Betracht läßt, deren Zahl man auf etwa 200 schätzen kann. Von diesen jüdischen Mischehen mit Kindern im