Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 52 (26.12.1913)
- Date
- 1913-12-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. b2. Das jüdische Klatt. 8 Typhus und Tuberkulose dezimieren ihre Reihen. In manchen Gefängnissen ist die jährliche Sterblichkeitszimmer auf 12 Prozent gestiegen. Die Gefängnisse werden oft zu Krankheitsherden für die ganze Umgebung. Gefangene mit langjährigen Freiheitsstrafen, und das sind die meisten „Politischen", sind unentrinnbar zur grausamsten Todesstrafe, zu „langsamem Sterben" verurteilt. Furchtbar ist die persönliche Behandlung der Gefangenen, im Untersuchungsgefängnis nicht minder als im Strafgefängnis. Folterungen bei den Verhören, schwere Mißhandlungen und Durchpeitschungen von Männern und Frauen sind, in Prozessen festgestellt, jedes Jahr in der Reichsduma erörtert worden. Eine wahre Selbstmordepidemie ist unter den Gefangenen entstanden. Die Unglücklichen sehen im Selbstmord die einzige Erlösung; viele von ihnen geben sich hierbei der Hoffnung hin, daß ihr freiwilliger Tod die Oeffentlichkeit aufrütteln und so eine Verbesserung der unerträglichen Lage ihrer Leidensgefährten herbeiführen werde. Von erschütternder Tragik ist auch das Los der ungezählten Tausende von politischen Verbannten, von denen die Mehrzahl ihrem Schicksal ohne Richterspruch, durch administrative Willkür ausgeantwortet ist. Zumeist in eisigen Gebieten und ohne die Möglichkeit auch nur der notdürftigen Ernährung, Bekleidung und Unterkunft siechen sie rettungslos dahin. Schon die Schilderungen George Kennans haben einen Sturm der Entrüstung in Westeuropa entfesselt; jetzt, nach einem Viertcljahrhundert, stehen wir vor noch viel entsetzlicheren Zuständen. Heute wie damals handelt es sich keineswegs um eine ausschließlich inner-russische Angelegenheit! Diese Zustände rufen vielmehr über alle politischen Meinungsverschiedenheiten hinweg das Gewissen aller Kulturvölker auf. Seit einigen Jahren regt sich in Westeuropa eine Bewegung gegen diese Greuel. Im Jahre 1909 veröffentlichte ein englisches Komitee von Parlamentariern verschiedener Parteien, von Vertretern des Journalismus, der Kirche und Universitäten, eine Schrift mit dem Titel „The Terror in Russia" als „Appell an die britische Nation". Auch in Frankreich hat die „Liga der Menschen- und Bürgerrechte" eine Protestbewegung ins Leben gerufen. Durch den Anschluß anderer Länder ist diese Bewegung zur Sache der gesamten Kulturwelt geworden. Die Unterzeichneten haben sich zusammengeschlossen, um die Tatsachen zu sammeln und zu veröffentlichen, die allen Freunden der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, ohne Unterschied der Partei, ein gesichertes Urteil über diese grauenvolle Zustände ermöglichen. Es gilt, das Gewissen der Menschheit gegen die Mißhandlung und Vernichtung von vielen tausenden Menschenleben wachzurufen. Es gilt, durch moralische und materielle Unterstützung zu zeigen, daß auch die Unglücklichen in den russischen Gefängnissen und in den sibirischen Einöden von menschlichem Mitgefühl umfaßt werden. Oesterreich-Ungarn. Der Wiederaufbau der Preßburger Jeschiba. Das Preßburger Jeschibagebäude ist bekanntlich anläßlich der großen Brandkatastrophe ein Raub der Flammen geworden. Aus Stadtregulierungsrücksichten wollte die Preßburger Stadtbehörde bislang nicht gestatten, das Jeschibagebäude auf seinem bisherigen Platz wieder auszubauen. Jetzt wird aber aus Preßburg berichtet, daß die Behörde endlich die Erlaubnis gab, das Gebäude auf der bisherigen Stätte zu errichten. Mit dem Bau wird aber erst im Frühling begonnen. Wahrscheinlich wird in dem eigentlichen Jeschiba-Gebäude auch ein Bachurim-Jnternat errichtet werden. In dem Eröffnungsvortrage, mit welchem Oberrabbiner Schreiber die Vorlesungen am Beginne des Semesters eröffnete, hob er die Opferwilligkeit hervor, welche sich der Preßburger Jeschiba gegenüber anläßlich der Brandkatastrophe in allen Kreisen und in allen Ländern, wo Juden wohnen, geäußert hat, und sprach hiefür von heiliger Stätte allen den wärmsten Dank aus. Unmanien. Die Juden in Rumänien und die Ungarische Delegation. In der Sitzung der Ungarischen Delegation vom 17. Dezember d. I. interpellierte der Abgeordnete Graf K a r o l y i den Minister des Aeußeren, Grafen B e r ch t o l d, warum die österreichischungarische Regierung bis jetzt keine Maßnahmen getroffen habe, um auf die rumänische Regierung einzuwirken, daß sie den § 44 *) des Berliner Vertrags einhalte, nach welchem den Juden in Rumänien Gleichberechtigung zugesichert sei. Graf B e r ch t o l d antwortete, ein solcher Schritt könne nur dann Erfolg haben, wenn er durch alle Mächte gemeinsam unternommen würde, die den Berliner Vertrag unterschrieben haben. Bei der heutigen Lage sei dies aber nicht zu erreichen. Von einer Initiative der englischen Regierung in dieser Angelegenheit habe er nichts vernommen. Österreich-Ungarn sympathisiere mit dem Grundsatz der religiösen Gleichberechtigung, die Initiative könne sie aber unmöglich ergreifen. Er bezweifle auch, daß das internationale Aufwerfen und Verhandeln dieser Frage, die eine innere Angelegenheit Rumäniens sei, den Israeliten Rumäniens zum Vorteil gereichen könne. Die Antwort des Ministers wurde im Wege der Abstimmung von der überwiegenden Mehrheit der Delegation zur Kenntnis genommen. Palästina. Der Streit um die hebräische Sprache in Palästina. Der Hilfsverein der Deutschen Juden schreibt uns: Die durch die zionistischen Blätter aller Länder verbreiteten unzutreffenden Darstellungen der Vorgänge, welche zu den Revolten auf unseren Schulen in Palästina geführt haben, nötigen uns zur Richtigstellung. Bis vor wenigen Wochen haben die Zionisten an unserem Schulprogramm nichts auszusetzen gehabt. Noch auf dem Wiener Kongreß im September d. I. wurden dankbar die Verdienste des Hilfsvereins um die Pflege der hebräischen Sprache anerkannt. Im Oktober fand die Beratung über das Lehrprogramm für die dem jüdischen Technikum in Haifa angegliederte Mittelschule, welche im April d. I. eröffnet werden wird, statt. Das Technikum steht in keiner organischen Verbindung mit den Hilfsvereinsschulen; es existiert nur eine Personal-Union im Vorsitz beider Institutionen. Es wurde beschlossen, die hebräischen Fächer in hebräischer, Mathematik und Naturwissenschaften in deutscher Sprache unterrichten zu lassen; für die übrigen Fächer, Geschichte, Geographie, Zeichnen, Handfertigkeitslehre u. a. — abgesehen von den Sprachen — wurde d i e Entscheidung darüber, ob in deutscher oder hebräischer Sprache unterrichtet werden soll, vertagt. Die zionistischen Kuraioriumsmitglieder erhoben die *) § 44 des Berliner Vertrags lautet: In Rumänien kann Religions- oder Konfessionsunterschied gegen niemand als Grund dafür oorgebracht werden, daß er vom Genuß der bürgerlichen oder politischen Rechte ausgeschlossen oder zum Betriebe der verschiedenen Handels¬ und gewerblichen Geschäfte an welchem Orte immer als unfähig erklärt werde. Die Freiheit aller Glaubensbekenntnisse und der äußeren Ausübung desselben muß ebenso gesichert sein für die rumänischen Staatsbürger wie für die Ausländer und man darf weder der Organisation der verschiedenen Konfessionen noch ihren Beziehungen zu ihren Seelsorgern irgend welches Hindernis in den Weg legen. Die Bürger aus jeder fremden Macht, mögen es Kaufleute oder andere sein, sind in Rumänien ohne jeden Religionsunterschied auf Grund der vollständigen Gleichheit zu behandeln.