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Das jüdische Blatt · 1913-12-26 · 52 (26.12.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
52 (26.12.1913)
Date
1913-12-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52. Da« jüdische glatt 3 schen Berufsgenossen durchaus geachtet werden. Sie bilden, speziell in Königsberg, für einzelne, große Handelszweige ein wichtiges Bindeglied im kaufmännischen Verkehr mit Rußland. Der hiesige Kaufmannsstand könnte sie schwer entbehren. Wenn schon diesen Kaufleuten die Niederlassung auf deutschem Boden durch vielfache Maßregeln erschwert wird, so erscheinen diese Maßregeln geradezu unmenschlich dort, wo sie sich gegen Frauen und Kinder richten, deren Männer und Väter hier ansässig sind. Und das geschieht sehr häufig mit erbarmungsloser Härte. Es ist schon vom moralischen Standpunkt aus sehr bedenklich, wenn russischen Kaufleuten jüdischen Glaubens die Erlaubnis zur Niederlassung in Königsberg nur unter der Bedingung erteilt wird, daß sie sich nicht verheiraten, wenn ihnen also das Zölibat aufgezwungen wird. Diese Bedingung ist eine durchaus obligatorische und dauernde; ein Zuwiderhandeln kann die Gefahr sofortiger Ausweisung bringen. Verstößt der „Fremdling" gegen das Polizeiverbot, so beginnt eine endlose Kette von Verfolgungen und Drangsalierungen, die gewöhnlich damit endigen, daß die Frau gezwungen wird, den Mann zu verlassen und nach Rußland zu wandern, gleichviel, ob sie noch eine Heimstätte und Verwandte dort hat oder nicht. Mit welcher Härte hier vorgegangen wird, kann durch zahlreiche Beispiele belegt werden. So kommt es nicht selten vor, daß Ehefrauen kurz vor oder nach ihrer Niederkunft, manchmal noch in leidendem Zustande, gezwungen werden, ohne Frist ihre Häuslichkeit zu verlassen, und nach einem Lande auszuwandern, das sie vielleicht gar nicht mehr als ihre Heimat ansehen, in dem sie keine Wohnstätte, keine Familie, keine Angehörigen mehr haben. Ja, selbst deutsche Frauen, deren Eltern selbst gute Deutsche sind, werden von diesem entsetzlichen Schicksal der Verbannung bedroht, sobald sie es wagen, einen russischen Juden zu heiraten. Die Härte der Behörden geht so weit, daß diesen Frauen sogar von der Polizei verboten wird, ihre Ehemänner, ihre Familie auch nur vorübergehend zu besuchen. Entsprechend sind die Vorschriften für Kinder vom achten Lebensjahre an. Was können die Motive dieser Maßnahmen sein? Droht von diesen Frauen und Kindern dem Deutschen Reich irgend eine Gefahr? Sind sie Anarchisten oder Verbrecher, daß sie eine so schwere Strafe, die Verbannung von Haus und Herd, verdient haben? Würde es sich um Verbrecher, Spione oder auch nur politisch Verdächtige handeln, so wäre das Vorgehen zu erklären, aber die Leute, denen man auf diese Weise den Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen will, sind ruhige, harmlose Menschen, zum Teil auch sehr kräftige Steuerzahler. Wenn man sich an den maßgebenden Stellen nicht entschließen kann, in diesen Dingen etwas mehr Menschlichkeit und Milde walten zu lassen, so wäre es wohl angebracht, daß die Oeffentlichkeit sich mit der Angelegenheit befaßt, um schutzlosen Mitmenschen zu einer Erleichterung ihres Schicksals zu verhelfen." England. Englisches Muskeljudentum. Die Einwanderung eines zahlreichen jüdischen Arbeiterproletariats aus Osteuropa hat den Mitgliedern der in England altansässigen jüdischen Gemeinschaft die Sorge für die soziale, vor allem aber auch für die physische Hebung dieser nahegelegt. Im Jahre 1895 bildete ein Oberst Goldsmid eine „Jüdische Jungen- Brigade", nach dem Muster gleichartiger Veranstaltungen der anglikanischen Kirche, der katholischen und anderer Gemeinden. Der Zweck war, die Ghettoknaben körperlich zu kräftigen und im Exerzieren und Turnen zu üben. Das Experiment hatte überraschenden Erfolg. Es wurden beständig neue Kompanien der „Brigade" formiert, zuerst in den verschiedenen Quartieren von London selbst, dann in den Provinzen und Kolonien. Man mußte größere Räumlichkeiten für die Klubs und Abteilungen mieten, es bildeten sich auch neue Organisationen für diese Arbeit. Man überließ die jungen Menschen, sobald sie für die ursprüngliche Jungen-Brigade zu alt wurden, nicht sich selbst, sondern gründete „Old Boys' Clubs". Wie es im englischen Leben natürlich ist, entstand der Wunsch, die errungene körperliche Fertigkeit durch Wettkämpfe mit anderen Vereinigungen zu erweisen, und es entstand eine „Jewish Athletic Association", die heute unter den jungen Leuten von Ost-London eine große Rolle spielt. Dieser Ansporn erwies sich als so kräftig, daß bald regelmäßige „athlitische Meetings" eingerichtet wurden. Die Fürsorge für die Wohlfahrt der jungen Leute führte weiter dazu, daß man sich mit ihren Erwerbsverhältnissen beschäftigte und es bildete sich eine Kommission, die in Gemeinschaft mit anderen sozialen Institutionen die Unterbringung der Lehrlinge in die Hand nahm. Mitglieder der Familie Rothschild nehmen an der Förderung dieser Bestrebungen den tätigsten Anteil. Es ist schließlich nötig geworden, den Unternehmungen einen selbständigen Mittelpunkt zu geben und man hat die Mittel gefunden, um mit einem Kostenaufwand von 200 000 cU in Half-Moon-Passage, mitten im Herzen von Whitechapel, ein stattliches Gebäude für die Zwecke der Brigade und verwandter Vereine herzustellen. „Camperdown House", wie die Stiftung nach einem älteren Gebäude heißt, ist vorgestern eingeweiht worden; Lord Milner, der seit seiner Jugendzeit — er war ein Freund von Arnold Toynbee — die Bestrebungen zur Hebung der Massen des Ostends unterstützt, hielt dabei eine Ansprache. Den Hauptraum des Hauses nimmt eine große Versammlungs- und Turnhalle ein, die tausend Menschen faßt; es sind daneben eine Bibliothek, Gesellschafts¬ und Bureauzimmer vorhanden. So beachtenswert die Forderung dieses Muskeljudentums von manchen Gesichtspunkten aus auch sein möge, so darf nicht übersehen werden, wie sehr bei der körperlichen Abhärtung dieser jungen Leute die religiöse Ausbildung und die Festigung des jüdischen Charakters von der Religion her dabei vernachlässigt wird. Lord Milner konnte bei der Einweihung des „Camperdown House" den interkonfessionellen Charakter dieser Veranstaltung betonen, und der Chief Rabbi Dr. Herz, der eine Ansprache bei der Feier hielt, hat auch nicht mit einem Worte die Wichtigkeit der Pflege jüdischer Ideale und der Treue zum jüdischen Pflichtleben, der die Anstalt doch dienen müßte, erwähnt. Auf solche Weise kann zwar der Körper ertüchtigt, aber der Abfall vom Judentum muß dadurch bei diesen jungen Leuten eher befördert als verhindert werden. Rußland. Die öffentliche Meinung in Rußland wird nicht zur Ruhe kommen, bis die Wahrheit über den Mörder Justinskys festgestellt ist. Die Verbändler nutzen die Zweideutigkeit des Urteils im Kiewer Prozeß aus und wagen es, die Juden als solche öffentlich des Ritualmords anzuklagen. Die Intellektuellen, die für Wahrheit und Recht eingenommen sind, treten mit einem für russische Verhältnisse bemerkenswerten Mute diesem teuflischen Treiben entgegen. So hat das hervorragende Mitglied der Akademie, Markow, im „Den" folgendes Schreiben am Samislowski gerichtet: „Ungeachtet dessen, daß kein Gericht festgestellt hat, daß Juden an der Ermordung Justinskys teilgenommen haben, besitzen Sie den traurigen Mut, öffentlich zu erklären, daß Iustinsky von Juden gepeinigt wurde. Ihre Dreistheit zwingt mich, Ihnen eine ganz andere Vermutung, betreffend die Ermordung Justinskys, hier öffentlich auszusprechen. Hiernach haben ihn nicht die Juden ermordet, wie Sie behaupten, er wurde vielmehr von einer Organisation oder auf den Befehl einer Organisation ermordet, die es wagt, sich „echt russisch" zu nennen. Ohne mich jetzt in die verschiedenen Verdachtmomente ausführlich einzulassen, will ich hier bloß zwei Punkte hervorheben: 1. haben die „Verbändler" sich bemüht, die Untersuchung sofort an sich zu reihen und sie entsprechend ihren Interessen durchzuführen, indem sie alles, was gegen sie sprechen könnte, aus dem Wege schafften; 2. die Ermordung Justinskys, welche Sie den Juden zur Last

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