Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. bl. Das jüdische Klatt. 5 .. ... , . '■ rif*s. ■ITi. " i,: | so- - ■;;K ■ - lü Jii,; 'rEf. ßp ■ £?: - - itu.-- ti* ' .1 ' Min iä^i ,. 'i'1)! ••' C i(:. ' 'i:r' '^0^: " “ i r- /■- ‘Siiu® Ratzland. Es ist bezeichnend für russische Verhältnisse, daß Schmakow und Samislowski, die Verteidiger der Zivilpartei im Beilisprozeß 12 000 Rubel aus dem Geheimfonds der Regierung für ihre Mühe im Prozeß erhalten haben. Ebenso bezeichnend ist die Nachricht aus Kiew, daß 12 000 jüdische Dentisteuschüler aus Kiew ausgewiesen wurden, weil sie angeblich dort kein Wohnrecht haben. Ebenso bezeichnend ist es aber auch, daß der Bürgermeister von Kiew in diesen Tagen unverrichteter Sache aus London zurückgekehrt ist, wo er für seine Stadt eine Anleihe von l'A Millionen Pfund (30 Millionen Mark) herausbringen wollte. Er erklärte offen, daß sich die Stadt durch den Beilisprozeß in Westeuropa in zu großen Diskredit gebracht habe, um diesen Geldmarkt in Anspruch nehmen zu können. Indessen Samislowski und Schmakow wollen nicht ruhen. Während der Staatsanwalt in bezug auf das Kiewer Urteil von einer Berufung an den Senat ganz stille geworden ist, geben diese sich den Anschein des Triumpfs. Samislowski hielt in Petersburg vor einer vornehmen Gesellschaft einen Vortrag über den Kiewer Prozeß, einen Vortrag, der mit großem Beifall ausgenommen wurde; die Dameu warfen ihm Blumen zu. Die Tendenz des Vortrags bestand darin, zu beweisen, daß die Geschworenen den Mord Justinskys als Ritualmord anerkannt haben, indem sie die erste Frage bejahten. Den Juden haben die Geschworenen freigesprochen, aber beschuldigt des Ritualmords haben sie das jüdische Volk. Auch Schmakow hat die Versammlung rauschende Ovationen gebracht. Letztere hatte auch eine Audienz beim Oberprokurator des Syuods, S a b l e r, die längere Zeit dauerte. Interessant ist die Antwort Sablers, die er dem Schmakow auf die Bemerkung gemacht, es sei bedauerlich, daß nicht ein einziger russisch-orthodoxer Geistlicher im Prozeß gegen Beilis aufgetreten fei. Sabler sagte nämlich, auf eine Rundfrage hätten sich sämtliche russische Bischöfe dagegen ausgesprochen, daß ein Orthodoxer als theologischer Sachverständiger im Prozeß auftrete. Uebrigens ist der Berufungstermiu, der 25. November a. St., für den Ablauf der Frist nicht eingehalten worden. Er ist auf den 10. Januar n. St. verschoben worden. (Gitltmu. Die Gefahr eines Auswanderungsrechts. Bekanntlich ist die amerikanisch-kanadische Schiffsgesellschaft die „Canadian" angeklagt, in Galizien ganze Jahrgänge junger militärpflichtiger Männer und ganze Familien zur Auswanderung verlockt zu haben. Daraus ist in Oesterreich der „Kanadianskandal" entstanden und daraus wieder ist als Ergebnis eine Gesetzesvorlage der österreichischen Regierung hervorgegangen, die einem Auswanderungsverbot gleich kommt. Sollte sie von dem Reichsrate in ihrer gegenwärtigen Fassung angenommen werden, so wäre dies für Galizien und namentlich für die Juden Galiziens, die zur Auswanderung infolge des dort herrschenden Elends geradezu gezwungen sind, ein schwerer Schlag. Die mächtige christlichsoziale Partei, die diese Angelegenheit zu einer Judenhetze ausbeutet, erklärt jeden, der gegen die obenerwähnte Vorlage anftritt, als einen gekauften Agenten der „Canadian". Wie wirklich einsichtige Männer über diese Frage urteilen, zeigt ein Aufsatz, den einer der hervorragendsten Nationalökonomen Oesterreichs, Professor P h i l i p p o w i t s ch, gegen das neue Auswanderungsgesetz in der „Franks. Ztg." veröffentlicht hat. Er nennt das Gesetzesprojekt ein Unglück und ein? Ungeheuerlichkeit. Die gewaltsame Verhinderung der Auswanderung in Galizien würde eine Hungersnot zur Folge haben, nnd diese würde nicht nur die Juden 'heimsuchen, sondern auch die int tiefsten Elend schmachtende ruthenische und polnische Landbevölkerung. Unter den Juden herrscht so wie so eine fürchterliche Geschäfts- und Geldkrisis. Die kleinen jüdischen Banken sind infolge der Zurückziehung des ihnen zur Verfügung stehenden Kredits bankrott oder gezwungen, ihre Geschäfte zu liquidieren. Und die leitenden Kreise haben sich mit einem Bittgesuch an die „Jca" gewandt, Leihkassen zu gründen nnd den bestehenden Instituten Kredit zu gewähren. Palästina. Von dem zionistischen Zentralbureau, Berlin, erhalten wir folgenden Bericht: Jerusalem, 12. Dezember. Der Hilfsverein ließ gestern das seit einigen Wochen geschlossene Lehrerseminar mit Hilfe der Polizei wieder eröffnen, obwohl die Lehrer sich bereit erklärt hatten, trotz ihrer Demission noch einige Monate im Amte zu verbleiben. Ans der L ä m e l f ch u l e wurden heute die dort unterrichtenden Lehrer durch die Polizei hinausgewiesen, woraufhin auch die Schüler der oberen drei Klassen die Schule verließen. — In der Töchterschule erschien heute der Direktor Ephraim Cohn mit dem deutschen Konsul und einem Polizeiaufgebot sowie einer Anzahl neuer Lehrer. Die Polizei jagte im Aufträge des Hilfsvereius die bisherigen Lehrer mitten in der Unterrichtsstunde aus der Schule hinaus. Daraufhin verließen auch sämtliche Schülerinnen die Schule. Don dem Verband der hebräischen Lehrer Palästinas „Merkas Hamorim" werden jetzt hier neu eröffnet ein Lehrerseminar mit David P e l l i n an der Spitze, eine Töchterschule und einige Klassen einer Knabenschule für diejenigen Schüler der Lämelschule, die dieses Institut verlassen haben. Gleichzeitig übersendet uns derselbe einen Aufruf zur Unterstützung des hebräischen Schulunterrichts. Amerika. Dr. Weiß hatte jüngst eine Audienz beim Präsident Wilson in Washington, um mit ihm und mit dem Sekretär Brian die russische Paßfrage zu besprechen. Der Präsident äußerte sich dahin, daß er die Hoffnung noch nicht verloren habe, einen neuen Handelsvertrag mit Rußland zu schließen, das schließlich genötigt sein wird, die Pässe der amerikanischen Bürger ohne Unterschied des Glaubens nnd der Rasse anzuerkennen. Die Lage des Präsidenten habe sich jetzt bedeutend gebessert, da er sich in den vergangenen sechs Monaten das Vertrauen und die Achtung des ganzen amerikanischen Volks erworben habe. Rußland werde daher verstehen, daß der Präsident mit seinen Forderungen nicht seiner persönlichen Meinung, sondern der Ueberzeugung des ganzen amerikanischen Volks Ausdruck verleihe. Korrespondenzen. Glsaß-Kothringen. Vom Jubiläumsfest der Anitas-Loge. Am 7. Dezember feierte die Unitas-Loge-Strahburg, die zu dem großen Wsltverbande des „Unabhängigen Ordens Bne Bris" gehört, ihr 25 jähriges Stiftungsfest. Die Unitas-Loge ist ja in unserem Elsaß nicht unbekannt, insbesondere seitdem sie die Einrichtung der Wanderbibliothek getroffen hat, durch die eine große Anzahl größerer und kleinerer Gemeinden mit guter Lektüre versorgt wird. Im allgemeinen erfährt aber der Außenstehende wenig von der sozialen Tätigkeit der Loge; sie wirkt, wie es echter jüdischer Wohltätigkeit geziemt, im Stillen. Aber an einem solchen Ehrentage, wo sie auf eine 25 jährige segensreiche Tätigkeit zu-