Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Es entspinnt sich darauf eine Diskussion über die Vorteile und Nachteile des Proporzes bei der Konstituierung des Ausschusses. Eine auf Beschluß des vorigen Verbandstages eingesetzte gemischte Kommission hatte aus Antrag Cohn den Proporz a b g e l e h n t. (15 gegen 8 Stimmen.) Loewe-Berlin gcht eine Schilderung der Entstehung des Proportionalwahlrechtes und verteidigt den Beschluß der gemischten Kommission. M. A. L o e b führt die vom Vorredner vorgebrachten Bedenken gegen den Proporz auf ihr richtiges Maß zurück. Wenn der Vorredner behauptet habe, daß dem ganzen Charakter des Ausschusses die Notwendigkeit eines gewissen Vertrauens von seiten des Plenums innewohne und darum, schon aus Gründen der Homogenität, die im Vordergründe der religiösen Kämpfe stehenden Männer als Ausschußmitglieder nicht geeignet wären, so sei dem entgegen zu halten, daß der Ausschuß und mit ihm der D. I. G.-B. in seiner Gesamtheit vor allem -das Vertrauen aller Kreise der deutschen Judenhoit genießen müsse, wenn man in ihm eine Vertretung der Gesamtheit Deutschlands erblicken solle. Dies sei aber gefährdet, sobald der Ausschuß homogen zusammengesetzt würde. Die Folgen dieser einseitigen Politik, die schon im Schritte der Freien Vereinigung zum Ausdruck gekommen, ließen sich dann auch für die Zukunft nicht hintanhalten. Daß ein Zusammenarbeiten der Vertreter verschiedener Richtungen wohl möglich sei, beweise die Tatsache, daß die Freie Vereinigung und der Verband der deutschen Juden in Sachen des Sonntagsruhegesetzes Hand in Hand gearbeitet haben. (Als zweites Beispiel erwähnt Redner das neue Staatsangehörigkeitsgesetz.) Selbst die Berliner Große Gemeinde habe sich entschlossen, den Proporz zur Wahl der Repräsentanten einzuführen. Ein Bund, der sich als Vertretung sämtlicher deutschen Juden Die letzten Leidensstunden Bertis. In dem in letzter Nummer wiedergegebenen Interview des Korrespondenten des „New-Pork American" mit Beilis, berichtet letzterer über die letzten Tage und Stunden seines Leidens noch folgendes: Am vorletzten Abend bemerkte ich, daß man die Türe meiner Kerkerzelle absichtlich offen ließ, als ob man das Schließen derselben vergessen hätte. Offenbar wollte man mich zur Flucht verleiten und mir eine Falle legen. In der folgenden Nacht sperrte ich die Türe selber zu und dann schaute ich vorsichtig durch das Schlüsselloch auf den spärlich erleuchteten Gang hinaus. Da bemerkte ich, wie draußen eine dunkle Gestalt mit einem Revolver in der Hand lauerte. Kein Zweifel! Wenn ich einen Fluchtversuch gemacht hätte, wäre ich'schonungslos niedergeschossen worden! Endlich kam die letzte, die schrecklichste der Nächte. Diesmal trat ein ganz fremder Wächter in meine Zelle; er schrie mich an, ich solle mich entkleiden. Er vollzog eine Leibesuntersuchung an mir und riß mich fürchterlich an meinem Bart. Flehentlich bat ich ihn, mich doch in Ruhe zu lassen. Doch er schrie mich an: „Und wenn ich dich wie einen wütenden Hund Niederschlage, macht es auch nichts. Ich würde damit nur das tun, was man mir angeraten hat!" Auf meine Wehrufe kam ein Aufseher herbei und machte der schrecklichen Szene ein Ende. Den übrigen Teil der Nacht verbrachte ich im Gebete, bis es Tag wurde. Dann führte man mich wieder in den Verhandlungssaal. Nach einer kurzen Rechtsbelehrung unterbreitete der Präsident die an die Geschworenen zu richtenden zwei Fragen. Darauf zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Alle betrachte, müsse auch sämtliche Richtungen in seinem Ausschüsse aufweisen. Cohn-Dessau: Der Ausschuß sei ein Ministerium, das möglichst homogen zu gestalten sei. Auch die Berliner Gemeinde habe nur für die Repräsentanten-Wahlen, nicht aber für ihre Ministerium, den Vorstand, den Proporz eingeführt. Auch sei der Wahlmodus zu kostspielig. Die in nichts motivierten Anklagen des Redners gegen die F r e<i e Vereinigung werden später von einem konservativen Mitgliede zurückgewiesen. Der Antrag der gemischten Kommission wird angenommen. Es ist ein fernerer Antrag Loewe-Berlin eingegangen, der den Gemeindetag zu beschließen ersucht, daß in Fragen der Jüdischen Volksschule die „Autonomie" der Gemeinden gewahrt werden soll und der D. I. G.-B. grundsätzlich keine Stellung hierzu nehme. Ein von Victor-Wandsbeck, dem Vorsitzenden des schleswig-holsteinischen Verbandes eingebrachter Gegenantrag wird zurückgezogen, weil dem Einbringer ein vertrauliches Schreiben des D. I. G.-B. zugeangen sei, in dem dieser die Gemeinden auffordert, nur solche Herren zu delegieren, die in dieser Frage auf dem ablehnenden Standpunkte des D. I. G.-B. stünden. Stein har dt -Magdeburg nimmt Stellung zum Antrag Loewe. Die Schulsrage sei keine Partei-, sondern eine religiöse und pädagogische Frage. Nicht ohne Eindruck auf die Versammlung, die ein Freund des D. I. G.-B. eine gut politisch-liberale genannt hatte, kann der Vorwurf des Redners bleiben, durch den Mangel an Interesse für die jüdische Schule habe der Gemeindebund dem Paritätsprinzip, das er auf fe(ne Fahne geschrieben, zuwidergehandelt. Das Wort „A u t o n o m i e" sei wohl nur eine Verlegenheitsphrase, die von Berlin aus in die Welt gesetzt wurde. Denn es bestünde gar keine juristische Unterlage, die Autonomie anzutasten. Aber eine moralische Wirkung sollte man wenigstens auszuüben versuchen. Die Autonomie der Gemeinde sei doch stärker gefährdet, wenn man ein Mindestgehalt für die Beamten der Gemeinde festgesetzt habe oder wenn man eine Revision der Schulen vielleicht gar durch Rabbiner fremder Richtungen durchführen wolle. Der Gemeindebund säge den Ast ab, auf dem er sitze, wenn er eine so eminent jüdische Frage nicht zu der seinigen mache. gingen sie an mir vorbei, aber sie mieden absichtlich meinen Blick. Mich führte man in meine Zelle. Dort wartete ich, bis man mich zur Verkündigung des Urteils rufen würde. Was ich während dieser 80 Minuten gelitten habe, kann unmöglich mit Worten geschildert werden. Mich schüttelte der Frost, der Schweiß trat mir auf die Stirn. Ich glaubte, ich sei dem Wahnsinn nahe. Ich verfiel in einen fieberhaften Traumzustand und sah mich, wie ich mich in den sibirischen Bergwerken unter Peitschenhieben krümme. Zugleich glaubte ich das Weinen meines Weibes und das Schreien meiner Kinder zu hören. Da ertönte ein Glockenzeichen. Ich hörte Stimmen; jemand rief: „Führe den Angeklagten in den Beratungssaal!" Neun Soldaten umringten mich. Aus dieser Vermehrung der Wache folgerte ich, daß ich sicher verurteilt bin. Ich nahm alle meine Kräfte zusammen und eilte, von den Soldaten umgeben, in den Verhandlungssaal. Es sauste mir in den Ohren, es wurde mir dunkel vor den Augen. Die Geschworenen nahmen ihre Plätze ein; sie waren sichtlich erregt. Mich schaute keiner an, alle hatten sie ihre Blicke gesenkt. Ich glaubte bei meinen Richtern ein Gefühl der Scham zu entdecken. Da trat der Obmann der Geschworenen vor und las die erste Frage vor, ob ein Ritualmord stattgefunden habe. Als er mit kraftvoller Stimme „Ja" sagte, erstarrte mir das Blut in den Adern und es schwindelte mir vor den Augen. Nun begann er die zweite, längere Frage vorzulefen, unter der ich entsetzliche Qualen litt. Endlich, endlich rief er: „Nicht schuldig!" Schluchzend stürzte ich zusammen. Als ich die Besinnung wieder erlangt hatte, sagten mir meine Verteidiger unter Tränen lächelnd, daß meine Leiden ein Ende haben und daß ich frei bin!