Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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•fit. 50 Ha» iSdifch- Klatt 3 Was wird aus Beilis werden?*) Der Vorhang hat sich über einem der letzten Akte des großen jüdischen Dramas gesenkt. Kiew und ganz Rußland kocht noch vor Erregung. Es ist daher, besonders wegen der verwickelten Lage dieses „Ritualmordprozesses" angezeigt, dem Publikum einen vollständigen Bericht meiner eigenen Erfahrungen während des Falles vorzulegen. Ich war Vertreter des „Nerv-Park American" und kann für die Zuverlässigkeit meiner Angaben bürgen. Erst vom 25. November (russischen Datums) wird das Schicksal des Mendel Beilis entschieden; erst am 8. Dezember (deutschen Datums) wird die Welt erfahren, ob es bei dem in Kiew gesprochenen Urteil bleibt, oder ob die Sache einem Appellationsgerichtshof zum weiteren Verfahren überwiesen wird. Ich möchte erwähnen, daß der zweideutige Wahrspruch der Geschworenen, welche infolge ihrer Unfähigkeit, die erste Frage zu zergliedern, entschieden, daß der Mörder des Knaben auf jüdischem Gebiet zu suchen sei — übrigens läßt der Wahrspruch die Lage so dunkel wie zuvor —, dieser Wahrspruch läßt kaum eine andere Möglichkeit zu, als die Berufung an den höchsten Gerichtshof Rußlands. Nur auf diese Weise kann die in dem Wahrspruch liegende Deutung aus der Welt geschafft werden. Dieser Schritt kann jedoch für Beilis verhängnisvoll werden, da seine Gesundheit unter der unwürdigen Behandlung, der er unterworfen war, vollständig untergraben ist. Sorge und Kummer haben in dieses Opfer des russischen Bureaukratismus ihre unverwischbaren Spuren eingegraben. Tag und Nacht weinte er, aber niemand hatte Mitleid mit ihm, er schluchzte, sie beachteten seine Tränen nicht; er beteuerte seine Unschuld, sie lachten ihn aus bis zum Spott und Hohn, denn sie sahen in ihm den Mörder des christlichen Knaben und gingen mit Verachtung unbekümmert an ihm vorüber. 34 Tage lang vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er auf demselben Platz, fieberhaft lauschte er dem Fortschreiten der Verhandlung. 34 Tage prüften alt und jung ängstlich die schwarzumrahmten Kolumnen, die über die Ergebnisse des Verhörs berichteten, und frugen sich, was das für ein Ende nehmen würde, ob Beilis freigesprochen oder für schuldig befunden werden würde. Jammer und Klage ertönte in gar manchem Haus, die Gebetshäuser waren mit Arbeitern gefüllt, die während des ganzen Tages fasteten, der den Schiedsspruch bringen sollte. Zuletzt kam die gute Nachricht: „Beilis freigesprochen!" Die Wahrheit hatte gesiegt, hatte die Mauer von Unwissenheit durchbrochen, und war mit einer Woge menschlichen Erbarmens in den Busen der bäuerlichen Geschworenen gedrungen. Alle, Juden und Christen, die die Hinfälligkeit der Beschuldigung erkannt hatten, waren einig m ihrer Freude, und das kleine, bescheidene Wohnhaus, wo Beilis lebt, wurde zu einem Wallfahrtsort. . . . Eine Abteilung Soldaten umgab das Haus, aber die beiden Räume, die er bewohnt, waren voll von einer sich drängenden Menge. Er stand da, ein Fremder im fremden Land, zahllose Glückwünsche empfangend; er war bleich und hocherregt und sehr abgespannt. Ich hatte den Vorzug, Beilis mehrmals nach seiner Befreiung sprechen zu dürfen, ich war Zeuge von Zwischenfällen, die in manchem Auge Tränen hervorriefen. Hier war ein alter russischer Pgiester der Ortskirche erschienen, um seine Glückwünsche darzubringen. „Meine Frau und ich haben während der Verhandlungen für Sie gebetet", sagt er, und mit diesen Worten umarmt er Beilis und segnet die fünf unglücklichen Kinder, die während mehr denn zwei Jahren vaterlos gewesen waren. Dort nähert sich ein gewöhnlicher Bauer, rauh und bärtig. Schüchtern ergreift er Beilis' Hand, bedeckt sie mit Küssen, und vor Rührung zitternd bricht er in die unartikulierten Worte aus: „Lieber Beilis, ich kannte Euch nicht, Beilis, ich danke Euch, Ihr versteht, was ich fühle, Beilis!" Solche Worte äußert er, von Bewegung erschüttert, die Gefühle der Masse offenbarend. Da ruft plötzlich eine barsche Stimme: „Platz, Platz!" Der Zauber ist gebrochen. Es ist ein Polizeioffizier, der so rauh *) Der folgende Artikel ist dem „Jewish World" entnonimen. die Gemüter der Besucher in die grausame, bittere Wirklichkeit zurückwirft. Die Nacht ist gekommen, aber noch lange zögert die Menge, immer noch hoffend, Beilis zu erblicken. Bevor ich wegging, hatte ich mit Beilis eine private Unterredung, seine Zukunft betreffend. „Es ist schwer für mich", bemerkt er, „zu sagen, was ich tun werde, bis ich weiß, daß ich ein ganz freier Mann bin." Als ich ihn fragte, ob er beabsichtige, Kiew zu verlassen, antwortet er: „Ich sollte Rußland verlassen, da ich viele Drohbriefe von Mitgliedern des „Zweiköpfigen Adlers" erhalten habe. Ferner haben die „Schwarzen Hundert" feierlich meinen Tod beschlossen, seitdem das russische Gericht ihnen diesen Gefallen verweigert hat. Sie sehen also, daß es das Beste für mich ist, mein Geburtsland zu verlassen, und in ein anderes Land zu gehen, wo ich ein neues Leben beginnen kann. Aber ich bin ganz mittellos und vollständig heimatlos. Allerlei Angebote, mich auszubeuten, sind mir gemacht worden, aber ich habe sie alle zurückgewiesen, denn ich möchte das endgültige Ergebnis des Verfahrens abwarten." So ist vorläufig die Lage. Eine unglückselige Beigabe des Falles ist die Uneinigkeit unter den Mitgliedern des Vorstands der dortigen jüdischen Gemeinde. Einige möchten den Beilis nach Palästina auswandern lassen, wo eine Kolonie auf seinen Namen gegründet werden könnte. Dies ist praktisch unmöglich wegen seines schlechten Gesundheitszustandes. Andere find dafür, ihn nach Frankfurt zu schicken, wo viele Juden wohnen, andere endlich möchten ihn ein neues Leben in Amerika anfangen sehen, von wo er viele Angebote bekommen hat. Aus der Unterredung, die ich mit Beilis hatte, schloß ich, daß er gerne nach Amerika gehen würde, vorausgesetzt, daß er dort eine sichere Lebensmöglichkeit hätte. Ein anderer interessanter Zug in dieser Sache ist, daß während Beilis immer noch ein armer Mann ist, die Berichte über die Angebote, die ihm von Amerika und Frankreich gemacht wurden, ihm eine große und zunehmende Zahl von Bettelbriefen brachten. Aber Beilis kann selbst für sich nichts tun. Seine Angelegenheiten sind in der Hand eines gewissen Mannes, der nicht zugeben wird, daß er Rußland verläßt, bis die Zustimmung der amerikanischen Juden erlangt ist. So liegen, in Kürze, die Verhältnisse des Mannes, der, obgleich er bitterste Leiden erduldete, immer dieselbe Haltung bewahrte und seine Unschuld beteuerte. Mendel Beilis verdient, von den kommenden Geschlechtern in ehrender Erinnerung gehalten zu werden, als das Beispiel eines treuen Juden, der trotz der schwersten Prüfungen ein kindliches Vertrauen zu Gott zeigte. Viele fragten, wie englische und amerikanische Juden den Opfern helfen könnten, die unter einer aus gewissenlosen Demagogen und unwissenden Fanatikern zusammengesetzten Regierung zu leiden haben. Die Antwort ist schwierig. Es gibt viele Wege zur Hilfe, finanzielle und andere, aber in jedem Fall sind freies, offene Bekennen der Meinung und der ungehinderte Ausbruch der Sympathiebeweise von Seiten derer, die ein freies Land bewohnen das Geringste, das geleistet werden kann, denn es wird gewiß viel dazu beitragen, den Betroffenen Vertrauen einzuflöhen, und obgleich die Mißstände, die in Rußland um sich gegriffen haben, nicht ganz beseitigt werden können, können wir wenigstens hoffen, daß energische Proteste als Ausdruck des Abscheus und der Verachtung, wie sie von der ganzen zivilisierten Welt herausgekommen sind, nicht ohne Erfolg sein werden. Schließlich darf noch folgende Seite des Falles nicht übersehen werden. Fälschlicherweise sind Juden eines abscheulichen Verbrechens angeklagt worden. Die Anklage wurde, wie schon so oft als unbegründet befunden, aber bevor die russische Regierung die Urheber des Verbrechens entdeckt, kann die Wolke von Mißtrauen, die immer noch über den russischen Juden schwebt, nicht zerstreut werden. Wir wollen hoffen, daß die russischen Behörden endlich einsehen, daß die öffentliche Meinung Europas nicht beruhigt werden kann, bis die strengste Untersuchung über die Aussagen der Zeugen Singagloki, Rudzincki und Wera Tschebriak erfolgt ist. Dann erst wird die Gerechtigkeit triumphieren. Mögen sie sich die Worte Montequieus zu Gemüte führen: fl n'v a point de plus cruelle tvrannie quo eollo qu'on exerce a l’oinbre dos lois ot avoo Ja couleur de la justice.