Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052878--0819-9052886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 Das jüdische Statt. Nr. 49. Grussenheim. Von dem Israel. Konsistorium erhielten wir heute die Mitteilung, das; von der hohen Regierung beschlossen worden ist, die hiesige israelitische Schule nicht aufzuheben. Bekanntlich hatte der hiesige Gemeinderat mit allen gegen eine Stimme beschlossen, die hiesige israelitische Schule zum 1. April 1914 aufzuheben. Hagenau. Voriges Jahr wurde durch den Vorstand unseres Feuerwehrkorps beschlossen, jedem Feuerwehrmann, der über 25 Jahre gedient hat, eine prächtige Uhr zu schenken. Ein solches Ehrengeschenk erhielt jetzt H. Arthur Hemmerdinger, Feuerwehrleutnant, und es gereicht ihm doppelt zur Ehre, weil er vielleicht der einzige Israelit ist, welcher schon über 26 Jahre bei einem Feuerwehrkorps dient und einen solchen Grad besitzt. Anfänglich schon, als er in das Korps eintrat, wußte er sich nützlich zu machen durch seine Gewandtheit in der Buchführung und durch seine Pünktlichkeit im Dienst und heute noch mehr als einmal werden seine Räte und Vorschläge mit Beifall angenommen. Möge es ihm beschieden sein, noch lange Jahre dieses Ehrenamt bekleiden zu dürfen. M. W. hattslatt. Ein unabsehlicher Leichenzug bewegte sich vergangene Woche zum Beth-Olam. Die Frau unseres früheren langjährigen Gemeindevorstands, Frau Max B e r n h e i m, geb. Ginzburger, ist von langem Leiden durch den Tod erlöst worden. Nachdem schon in Straßburg im Sterbehause der Herr Oberrabbiner in warmen Worten die Vorzüge der Verstorbenen geschildert, widmete Rabb. Dr. Weil-Bollweiler in Hattstatt, wo sie zur letzten Ruhe gebettet wurde, einen Nachruf, worin besonders die Reinheit ihres 'Charakters hervorgehoben wurde. Wie sehr Frau Bernheim beliebt war, bewies die starke Teilnahme. verurteilt war. Ich erzählte ihm meine Geschichte, da streckte er mir seine Rechte entgegen mit den Worten: „Ich bin ein guter, gläubiger Katholik und weiß, daß du unschuldig bist." Eines Tages wurde der Pole zum Direktor gerufen; als er wiederkam, war er sehr aufgeregt und erzählte: Der Direktor sagt mir: „Du mußt uns als Christ helfen, zu beweisen, daß Beilis den Justinsky ermordet hat, um mit seinem Blut Osterkuchen zu backen." „Ich würde Ihnen gern helfen, aber ich weiß nicht wie." „Nun, wenn Beilis auch leugnet, im Schlafe wird er sicher zugeben. Wenn durch dein Zeugnis bewiesen werden kann, daß Beilis den Mord begangen hat, so wird sich für dich sicher Gnade finden." „Ich höre Nachts nichts als das Weinen des Unglücklichen, und wie er unter Tränen die Namen seiner Frau und Kinder flüstert. Ich weiß, daß dieser Mann unschuldig ist." Am nächsten Tage trat der Pole, der wegen eines angeblichen Attentats verurteilt worden war, feine Reife nach Sibirien an. Ich werde ihn nie vergessen. Unser Abschied wird mit mir leben so lange ich denke. Und nun kam der Tag, an defn ich meine eigenen Kleider anziehen durfte, um vor die Geschworenen zu treten. Der Wärter, der mich stets wie ein Tier behandelt hatte, trat bei mir ein und sagte: Nun, ich glaube, du wirst freigesprochen werden. Von Soldaten umringt, verließ ich das Gefängnis. Nach zwei Jahren sah ich zum erstenmal den Himmel über mir, atmete reine Luft, sah freie Menschen, elegante Herren und Damen, die mir mit Tüchern zuwinkten und sich die Tränen aus den Augen wischten. Immer größer wurde die Menschenmenge und ich sah, daß alle Menschen an meine Unschuld glaubten. So kam ich vor das Gerichtsgebäude. Bevor ich die zitternden geschwollenen Füße auf die ersten Stufen setzte, betete ich und sprach, ohne daß ich gehört werden konnte: Gott zeige ihnen die Wahrheit und verteidige du mich! Der Präsident des Israel. Konsistoriums sowie der ganze Gemeinderat ließen es sich nicht nehmen, bis zum 20 Minuten entfernten Beth-Olam mitzugehen. Metz. Zwei der ältesten Frauen unserer Gemeinde sind diese Woche am selben Tage zur letzten Ruhe gebracht worden. Die 87 jährige Frau Wendel, die im Hospiz verstorben ist, und im hohen Alter von 91 Jahren Frau Cers. Metz. Der Verein für Jüd. Geschichte und Literatur, der in der letzten Zeit nicht zu viel an die Oeffentlichkeit getreten ist, will dieser Tage an alle Gemeindemitglieder eine Einladung zum Beitritt in den Verein ergehen lassen. Ein Vortragsabend mit event. Generalversammlung wird hoffentlich so zahlreich besucht werden, daß der Verein wieder in die Höhe gebracht werden kann. Der Verein besitzt eine schöne Bibliothek, die feit einigen Jahren leihweise in den Besitz des Jüd. Jugendbundes, der sich inzwischen aufgelöst hat, übergegangen war. Hoffentlich werden alle jüdisch denkenden Gemeindeangehörigen diesem Verein, der für Metz unbedingt notwendig ist, beitreten. Metz. Sonntag Nachmittag wurde zum erstenmal wieder das jüdische Militärheim eröffnet, das seit seiner Gründung bei vielen Soldaten, besonders den jüdischen, sich großer Beliebtheit erfreut. Bei Spiel, Lesen von Zeitungen, Kaffeetisch und Vorträgen können die Vaterlandsverteidiger einen sehr angenehmen Nachmittag verbringen. Von nächster Woche ab wird im Militärheim auch gratis französischer Unterricht erteilt werden. Für Chanukka ist eine größere Festlichkeit geplant. Der Dank für diese Veranstaltungen gebührt vor allem dem rührigen Vorsitzenden, Herrn G o l d s ch m i d t. Aber auch für die religiösen Bedürfnisse unserer jüdischen Soldaten ist in vortrefflicher Weise gesorgt. Den Bemühungen des Herrn Oberrabbiners ist es gelungen, durchzusetzen, daß alle 4 Wochen die jüdischen Soldaten am Samstag Vormittag zum Gottesdienst abkommandiert werden. Bei diesem Militärgottesdienst, der mit gewöhnlichem Schabbesgottesdienst vereinigt ist, wird an die Soldaten eine Ansprache gehalten. Schirmeck. Auch Herr Daniel Alexandre von hier wurde vorige Woche von dem französischen Kriegsministerium mit der Medaille von 1870 ausgezeichnet. Er trat als Freiwilliger bei dem 12. Artillerieregiment in Lyon ein und machte den Feldzug bei der Armee de tu Loire mit. Herr Alexandre ist ein rühriges Mitglied hiesiger jüdischer Gemeinde und ein angesehener Bürger hiesiger Stadt. Möge es ihm vergönnt sein, seine Auszeichnung noch lange Jahre mit Stolz zu tragen. Sulzmatt. Von der einst blühenden Gemeinde ist bald nichts mehr zu sehen. Auch die wenigen Säulen, Zeugen der verschwundenen Größe, stürzen über Nacht, eine um die andere. David Bloch, Sohn des bekannten Lehrers Bloch, der 60 Jahre lang in Sulzmatt mit Erfolg fein Amt bekleidet hatte, ist uns plötzlich genommen worden. Von eiserner Gesundheit und daher von eisernem Willen und Fleiße, so rühmte ihm Herr Rabbiner Dr. Weil-Bollweiler nach, hat sich der Verstorbene seinen geräumigen Platz am Lebenstische erobert. Seiner Gemeinde war er fast 25 Jahre ein pflichtgetreuer Parnes. Erst die jüngsten Kämpfe im und ums Konsistorium haben ihm sein Amt entwunden. David Bloch ist 81 Jahre alt geworden. Kaycrn. Fürth. Die „Vereinigung ehemaliger Schüler der Israelitischen Realschule in Fürth", die anläßlich des 50jährigen Bestehens der Anstalt ins Leben trat, hat in diesem Winter ihre Wirksamkeit begonnen. Mit einem zahlreich besuchten, wohlgelungenen Familienabend, in dessen Mittelpunkt die Aufführung von Lessings „Juden" stand, führte sie sich vorteilhaft ein. Vergangene Woche