Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 'Jtr. 49. Das jüdische Matt. Wie trefflich versteht es dieser Minister, mit der linken zu geben und mit der rechten zu nehmen. Eine Gefahr für den Staat sind die 300 000 Juden nicht, dennoch müssen sie entrechtet bleiben. Und die Juden Silistriens werden zwar rumänische Bürgerrechte haben, aber ihre Freizügigkeit und ihr Recht am Boden wird verkümmert werden. Liberale Phrasen und reaktionäre Pläne! Ueu-Grrecherrlimd. Die Befürchtung der Juden in Saloniki, daß der Handel unter griechischer Herrschaft darniederliegen werde, scheint leider nur zu begründet. Die Türkei hat auch bereits, diese Stimmung ausnützend, Versuche gemacht, die jüdischen Kaufleute von Saloniki gegen das Versprechen zehnjähriger Steuerfreiheit und andere Vergünstigungen zu veranlassen, sich in den bedeutenderen Handelsplätzen der Türkei anzusiedeln. Inwieweit diesen Verlockungen Folge geleistet wird, läßt sich noch nicht übersehen. Tatsache aber ist, daß die griechische Regierung den jüdischen Handel Salonikis einige Tage völlig lahm gelegt hatte. Der Getreidehandel wird nämlich in Saloniki fast ausschließlich von den Juden besorgt und zwar wird Getreide von Saloniki aus nach Alt- Griechenland exportiert. Eines Tages nun erläßt die Regierung eine Verordnung des Inhalts, daß künftig kein Getreide von Saloniki nach Alt-Griechenland eingeführt werden dürfe. Die Regierung wollte offenbar den Getreidehandel Thessaliens gegen den von Saloniki schützen. Die schlimmen Folgen dieser Verordnung für Saloniki traten sofort ein. Die Getreidehäuser hatten große Getreidemengen auf Lager, die sie noch zu dem in Alt-Griechenland üblichen Preisen gekauft hatten. Konnten sie diese Getreidemengen nicht in dem Lande absetzen, .im Hinblick auf welches sie sie gekauft hatten, so mußten sie große Verluste erleiden. Die Käuferschichten hielten sich zurück, es trat ein beängstigender Stillstand im Verkehr ein, die Schiffe wurden nicht mehr gelöscht, die Träger und Arbeiter, ebenfalls Juden, verloren ihre Arbeitsgelegenheit, kurz, die Krisis war groß. Zum Glück wurde die Keilis Leiden nach seiner eigenen Schilderung. Der Petersburger Korrespondent der ZMung „Nerv-Park American" hatte in Kiew mit Beilis nach dessen Freisprechung eine Unterredung, in welcher dieser folgendes mitteilte: „Am 22. Juli 1911 wurde ich um 3 Uhr morgens durch Klopfen und Schreien geweckt. Ich öffnete und fand vor mir eine Schar Polizisten, eine Abteilung Soldaten und einen Gerichtsbeamten, der mich für verhaftet erklärte. Ich war so entsetzt, daß ich die Sprache nicht fand, meine Frau fiel in Ohnmacht und meine Kinder weinten. Sie führten mich ins Gefängnis und eine halbe Stunde später hörte ich draußen ein Kind bitterlich weinen und schreien. Ich erkannte die Stimme meines kleinen, damals achtjährigen Sohnes David. Das Herz stand mir vor Entsetzen fast stille und ich schlug in meiner Verzweiflung mit dem Kopf gegen die Mauer der finsteren Zelle. Bald darauf kam der Gefängnisdirektor und sagte: Der kleine Sohn der Tschebriakowa erklärt, daß er mit Justinski in Saizews Ziegelwerken gespielt hat. Ihr Sohn sagt, es sei nicht wahr, Ihr Sohn lügt, und er wurde daher verhaftet. Der Direktor ließ mich nicht zu Worte kommen, sondern schrie nur: Gestehe, oder ich schicke dich nach Sibirien! Ich verbrachte den Tag in einem fast wahnsinnigen Zustande, bis mir der Direktor mitteilte, mein kleiner Junge sei wieder nach Hause geschickt worden. Von da an wurde ich wieder ruhiger und vertraute auf den allmächtigen Gott. Noch wußte ich nicht, warum ich eigentlich verhaftet worden > wenigstens teilweise Zurückziehung der unseligen Verordnung durchgesetzt, es darf jetzt ein gewisser Tonnengehalt nach Altgriechenland exportiert werden und das ärgste der Krisis ist überwunden. Aber der Fall zeigt wieder einmal, wessen man sich von seiten der griechischen Behörden zu gewärtigen hat. gp Korrespondenzen. 18 - Glsast Lollirinlierr. - aljS Slraßburg. Geburtstagsfeier. Aus einem frohen Anlaß, zur Feier des 70. Geburtstages ihres Präsidenten, Stadtrat Marc Blum, versammelte sich am verflossenen Samstag fast vollzählig die Ist. Gemeinde im festlich mit Blattgrün geschmückten Gotteshaus. Unmittelbar an den üblichen Morgsngottesdienst schloß sich der Festakt an. Herr Oberkantor H e y - mann trug in gewohnt trefflicher Weise das „Osi wesimchos joli" vor. Hierauf bestieg Herr Oberrabbiner Ury die Kanzel und schilderte in ergreifender Rede den frommen und bescheidenen Lebenswandel des Jubilars sowie all die großen Verdienste, die dieser sich um das Gemeindewohl erworben habe. Ihm folgte der Konsistorialpräsident, Justizrat Dr. Schmoll, und führte ungefähr folgendes aus: Wenn heute in der Gemeinde Friede und Eintracht herrsche, wenn wir einen so schönen Gottesdienst haben, wenn wir einen Friedhof besitzen, der die Bewunderung aller errege, wenn die Steuerlasten so gerecht verteilt seien, so sei dies in erster Linie mit das Verdienst des Jubilars. Mit dem Wunsche, es möge Herrn Blum noch lange vergönnt sein, die Geschicke der Gemeinde zu leiten, schloß der Präsident seine Rede. Namens der Verwaltungskommission und der Gemeinde beglückwünschte der Schriftführer H. Sylvain K r a e m e r den Präsidenten unter Hervorkehrung aller Verdienste, die Herr Blum sich während seiner fast 30 jährigen Tätigkeit als Verwar. Als ich einige Tage später die gegen mich gerichtete Anklage kennen lernte, stürzte ich ohnmächtig zusammen. Beilis erzählte dann von seiner Gefangenenzeit. Er kam in einen mittelgroßen Raum zusammen mit anderen 60 Gefangenen, wo es kalt, naß und finster war. Die anderen Häftlinge sangen, schrien, prügelten einander. Als sie aber erfuhren, wer der neue Ankömmling war, da trösteten sie ihn und einer rief: Dir geht es wie Dreyfus, auch seine Unschuld hat sich herausgestellt. In der Nacht lag Beilis auf dem kalten, harten Zementboden neben einem schweren Verbrecher, der demnächst nach Sibirien geschafft werden sollte. Dieser Mann versuchte Beilis auf jede Weife zu erschrecken und zeigte ihm, daß er ihn mit den Ketten an seinen Händen erdrosseln könnte. Da sich einige Häftlinge einmischten, kam es zu einer furchtbaren Schlägerei. Alle Gefangenen erhielten 8 Tage Einzelhaft bei Brot und Wasser und Beilis wurde dann in eine andere Zelle mit 30 Raubmördern und Totschlägern gebracht. Meine Füße bluteten von den Nägeln der schweren Gefängnisschuhe. Müde und weinend kauerte ich mich in eine Ecke, als ein Raubmörder auf mich zukam und mir mit der Faust einen Hieb ins Gesicht versetzte, daß mir das Blut aus der Nase lief und die Lippen anschwollen. Als der Aufseher den Mann fragte, warum er mich mißhandele, erwiderte er: Weil er christliche Kinder ermordet hat! Nach einiger Zeit erbot sich ein Mitgefangener, einen Brief von mir an meine Frau durchzuschmuggeln. Der Plan mißglückte und ich wurde in eine Einzelzelle, die drei Meter lang und zwei Meter breit war, verbracht. Es war eiskalt und Halbdunkel,