Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Klatl. Nr. 49 und harmonisch abgeschlossene Wesen unseres Meisters zu bewundern. Ein Schlußgesang „Xucliü Xutoiuoi" folgte. Als letzter Redner dankte Dr. Hartig C a r l e b a ch tiefbewegten Herzens den, väterlichen Freunde, der durch sein Haus und sein Wesen den aus der Ferne kommenden Jüngern das Elternhaus ersetzt. Nach dem Schlußgesang des Chors, einem Halleluja, wurde die erhebende Feier mit dem Maariwgebet geschlossen. * Der Festabend am Montagabend fand in der Ressource Oranienburgerstraße statt und war von den ehemaligen und gegenwärtigen Schülern des Rabbinerseminars veranstaltet. Lange vor Beginn drängten sich schon die zu Hunderten erschienenen Freunde und Verehrer des Jubilars. An langen Tafeln fassen wohl an die 400 Personen. Nach Eintritt des Jubilars wird der Kommers von dem Vorsitzenden Dr. Bleicherode eröffnet. Ein Prolog folgt. Dann werden mehrere Reden von den aus der Ferne zahlreich herbeigeeilten Rabbinern, Schülern des Gefeierten gehalten, in denen sie ihrer Verehrung für ihn Ausdruck geben, ein kräftiges Hoch wird auch seiner treusorgenden Gattin zuteil. Ein von Frau Kommerzienrat Marx gedichteter Hymnus auf Dr. Hoffmann folgt. Zwischendurch erschallen von Hunderten von Stimmen gesungene für den Festakt gedichtete deutsche und hebräische Lieder. Der Jubilar selbst antwortet in einer seiner Eigenart entsprechenden teils launigen, teils ernsten, eine tiefe Gelehrtheit zeigenden Weise. Den Schluß bildet ein launiges, mit zahlreichen Anspielungen versehenes Festspiel. Die Mitternachtsstunde ist längst vorüber, als der schön verlaufene Festabend beschlossen wurde. Aus aller Welt. Deutschland. Berlin. Sitzung des zionistischen Aktions- Komitees. Das vom 11. Zionistenkongreß in Wien neu gewählte große Aktionskomitee der zionistischen Organisation hielt vom 23.—25. November d. Js. seine erste Sitzung in den Räumen des zionistischen Zentralbureaus in Berlin ab. An der Sitzung nahmen neben einer Anzahl von Gästen nahezu sämtliche 30 Mitglieder des Aktionskomitees teil, die aus verschiedenen Städten Deutschlands, ferner aus Oesterreich, Rußland, Belgien, Holland, England, der Türkei und Palästina zu den Beratungen gekommen waren. Es wurden die Richtlinien der zionistischen Palästinaarbeit für die nächste Zukunft festgesetzt und unter anderem die Einsetzung einer Kommission zum Studium des Planes einer jüdischen Universität in Jerusalem beschlossen. Im Anschluß an die Sitzung des Aktionskomitees fanden auch Sitzungen des Direktoriums und des Aufsichtsrates der Jüdischen Kolonialbank statt, sowie des Direktoriums und der Generalversammlung des Jüdischen Nationalfonds und des Direktoriums und der Generalversammlung des Jüdischen Kulturfonds „Kedem". Berlin. Der achte Geschäftsbericht des „Verband der Deutschen Juden" für die Zeit vom 1. April 1912 bis 31. März 1913 gibt uns eine eingehende Darstellung seiner Tätigkeit. Einnahmen und Ausgaben bilanzieren in Summe von Jt 32 500. Jährliche Beiträge leisten Gemeinden, Verbände, Vereine, Stiftungen und Einzelpersonen. Oesterreich-Ungarn. Hilsner. 15 Jahre schmachtet der wegen Ritualmords unschuldig verurteilte Hilsner im Kerker. Neulich schrieb er aus dem Kerker in Stein an seinen Verteidiger Dr. Aurednidczek; in dem Briefe heißt es: Ich bitte Sie, lassen Sie mich doch nicht im Kerker sterben. Ein Lichtstrahl in der Finsternis, die mich umgibt, ist die Hoffnung, daß unser gnädiger Kaiser mich begnadigen werde, er, der jedem Hilflosen beisteht, wird auch meiner Pein ein Ende bereiten. Schreiben Sie mir doch, damit ich Mut und Kraft finde, meine Leiden zu ertragen. Durch die Erledigung des Beilisprozesfes ist tatsächlich die Bewegung zugunsten Leopold Hilsners wieder erwacht. In Wien ist ein Aufruf erschienen, in dem es u. a. heißt: „Juden! Zu lauge sind wir feige gewesen, zu lange haben wir uns knechten lassen, zu lange dulden wir schon, daß der langsame Mord an Leopold Hilsner, die Schändung unserer Ehre auf Befehl der verkommenen Gesellen, der christlich-sozialen Parteien- und Bankengründer weiter begangen werde. Langsam haben wir uns an das Furchtbare fast gewöhnt, wie sich ein Gefangener selbst an den Kerker, wie sich ein Sklave selbst an seine Schmach gewöhnt. Aber eine schwache Stimme, die 15 Jahre lang klagend und anklagend aus dem Kerker hervordrang, ohne gestört zu werden, schlägt jetzt wie Donner an unsere Ohren, jagt unser Gewissen auf, höhnt unsere Mannesehre, spottet unserer Kraft, macht uns erbleichen vor Scham und Zorn. In Rußland ist Beilis freigesprochen, Hilsner sitzt in Oesterreich auf Kommando verbrecherischer Elemente noch im Kerker. Es ist nicht zu ertragen, es ist eine Schmach, gegen die mit den letzten Mitteln protestiert werden muß. Auch wer für seine Person von den Gemeinheiten des Antisemitismus nichts mehr zu ertragen hat — hier muß er und hier wird er als leidenschaftlicher Streiter zu den Scharen der geeinten Juden zurückkehren, welche Hilsner aus dem Kerker befreien müssen. Nicht wir sagen das, auch nicht ein einzelner, es brandet und braust unter den Juden, man ruft und fordert, einer entschlossenen Führung steht eine gewaltige Masse zur Verfügung, in der jeder tun wird, was die Leitung fordert. Die Leiter und Vertreter der großen jüdischen Organisationen sollen sich der Wichtigkeit und Dringlichkeit des jetzigen Moments bewußt werden, der durch den Eindruck des Beilisprozesfes gegeben ist. Dieser große Moment darf keine kleinen Männer finden!" Frankreich. Abb6 Bacandard und der Rilualmord. Der Almosenier des Lyzeums in Rouen, Abb6 Vacandard, hat vor einiger Zeit eine Studie über die Ritualmordfrage veröffentlicht, die auch ins Russische übersetzt wurde. Interessant ist der Brief, den er dem Herausgeber der russischen Uebersetzung s. Z. sandte und der folgenden Wortlaut hat: Mein Herr! Als ich vor 10 Monaten mich daran setzte, die Ritualmordfrage bei den Juden zu studieren, da war ich weit davon entfernt, vorauszusehen, zu welchem Schlüsse diese Untersuchung gelangen würde. Die Fülle der Tatsachen, welche die Antisemiten und auch gewisse Katholiken, gleichgültige und überzeugte, anführten, um ihre Anklagen zu beweisen, sollten diese nicht wenigstens zum Teil historisch bewiesen sein? Ich war geneigt, dies zu glauben. Aber je mehr die Dokumente vor meinen Augen vorbeizogen, desto mehr schwand das Phantom des Ostermordes, um zuletzt sich ganz zu verflüchtigen. Von den Hunderten Ritualmorden, die historisch nachgewiesen sein sollten, bleibt, alles gerechnet, nichts, absolut nichts als falsche, gänzlich unbegründete Anklagen.