Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Da» jüdische Klatt. Ri. 48. durch Folterqualen, weil man sie zu einem Geständnis zwingen! wollte, auf welches sie niemals eingingen. Es würde uns zu I weit führen, wollte man auf alle Einzelheiten eingehen, welche Herr Rabbiner Schwarz geschildert hat. Wir haben historische Fakta angehört, die für uns um so interessanter waren, weil sie mit der stattgefundenen Beilis-Affäre sehr viel Aehnlichkeit haben. Mit Recht betonte der Referent, daß es noch lange dauern werde, bis das Beschuldigen des Ritualmordes von der Bildfläche verschwunden sein wird. Es liegt an uns Juden, der Welt zu bekunden und zu beweisen, daß ein Ritualmord unmöglich ist und daß unsere Thora das Blutvergießen strengstens verbietet. Aber die richtige Wirkung bei dem niedrigen und fanatischen Volke müssen die Führer dieses Volkes erzielen, indem sie selbst die Ueberzeugung gewinnen, daß es an der Zeit wäre, derartige Ungeheuerlichkeiten aus der Welt zu schaffen. 'Eine rege Diskussion schloß sich dem Referat an. Herr Geißenberger warf einige Fragen auf, die sich besonders auf die Jugend bezogen und die auch in mancher Beziehung gerechtfertigt waren. Herr stud. med. Oskar Roos behauptete, daß seitens der Gelehrten und hervorragender Männer unter den Juden aller Länder, sowie den Zentralvereinen der ganzen Welt nicht genug getan wurde in der letzten traurigen Angelegenheit. Es ist unbegreiflich, meinte er, daß so viele hervorragende Männer anderer Konfessionen ihre Proteste gegen den Ritualmord in der Welt verbreitet haben, während auf unserer Seite nur spärlich vorgegangen wurde. Herr Rabbiner Schwarz erwiderte, daß viel mehr getan wurde von jüdischer Seite, als es Herr Oskar Roos glauben mag, anderseits fei es aber zu begrüßen, daß gerade die andersgläubigen gelehrten Männer sich derartig vorgetan haben, zumal ihre Proteste viel mehr gewirkt haben als diejenigen der Rabbiner oder anderer gelehrten Juden. Es ist wirklich zu begrüßen, daß der hohe Gerichtshof lauter Andersgläubige als Sachverständige gewählt hatte, sonst hätte das Volk gesagt: Ja, es nimmt uns kein Wunder, es sind ja lauter Juden. Lmgolsheim. Vom jüdischen Jugendbund. Letzten Samstag Abend hielt Herr Simon Bloch einen sehr interessanten Vortrag über die Falaschas oder die Juden in Abessinien. In anderthalbstündigem freiem Vortrage bewies er, daß er durch jahrelanges Studium zu einer umfassenden Kenntnis des alten Landes Kusch (Abessinien) und der dort lebenden Juden gekommen ist. Da der Herr Referent diesen Winter noch in einem anderen Vereine den gleichen Vortrag halten wird, soll auf den Vortrag nicht näher eingegangen werden. Die etwa 30 Erschienenen brachten dem Vortrage reges Interesse entgegen, auch die Diskussion war recht lebhaft. Den großen Vorteil hat der Vortrag gehabt, daß den jungen Leuten die Erkenntnis wurde, daß nur durch bessere Kenntnis der jüdischen Geschichte ein solcher Vortrag auch wirklichen Nutzen haben kann. Weh. In der letzten Versammlung des lothringischen Konsistoriums sind unter anderm zwei folgende Fragen erledigt worden. In Sachen der Dienstbesreiung der Lehrer an höheren Schulen an den hohen Festtagen wurde beschlossen, diese Frage auf der nächsten Tagung der drei vereinigten Konsistorien zu debattieren, trotzdem das Straßburger Konsistorium in einer Eingabe an das lothr. Konsistorium der Ansicht ist, es ließe sich in dieser Sache nichts mehr machen. Dann wurde die schon öfters erörterte Frage, die Besetzung des Rabbinats Diedenhofen, besprochen. Der Kandidat, Herr Kohn, ist zur Ablegung seines notwendigen Examens zurzeit auf der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Trotzdem diese Anstalt seinerzeit vor dem Examen in Straßburg den Kandidaten, Herrn Kohn, nicht ausgenommen hatte, mit der Begründung, es würden Externe nicht ausgenommen, ist derselbe nunmehr doch ausgenommen worden. (?) Das Konsistorium hat jetzt auch seine Einwilligung gegeben, daß Herr Kohn an dieser Anstalt sein Examen ablegt. Metz. Letzte Woche hielt die Chevrah Hametarim ihre diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende wies in seiner Ansprache auf die Zwecke des Vereins und auf die in den letzten Jahren entfaltete Tätigkeit hin. Diverse Anträge wurden behandelt. Zu unserm Bedauern wurde ein sehr wichtiger Antrag nicht angenommen, was für die Chevrah sehr zu begrüßen gewesen wäre. S. Molsheim. In tiefe Trauer versetzt wurde eine hiesige Familie durch den Tod des Herrn Joseph Werth. Letzten Montag verließ er seine Familienangehörigen in bester Gesundheit und am Mittwoch traf schon die Nachricht seines Todes hier ein. Derselbe befand sich in Lun6ville im Caf6, als er plötzlich zu Boden siel und sofort verschied. Ein Hirnschlag hatte dem erst 57 Jahre alten Mann ein jähes Ende bereitet. Die Beerdigung fand in Lun^ville statt. Mülhausen. Die israelitische Handwerkerschule aus Mülhausen, die ärmere israelitische Knaben als Handwerker ausbildet, versendet soeben ihren Jahresbericht. Im Berichtsjahre war die Schule von 25 Zöglingen besucht, darunter mehrere aus dem Bezirk Lothringen, da das Oberelsaß infolge der steten Abnahme der jüdischen Landbevölkerung nur wenig Schüler in die so segensreich wirkende Anstalt schickt. Fünf Schüler, die mit Erfolg die Lehrlingsprüfung bestanden, kamen zur Entlassung. Die Einnahmen betrugen 16 702,85 Ji. Ihnen standen 15 280,73 Ji Ausgaben gegenüber, so daß der Kasse ein Einnahme-Ueberschuß von 1422,12 Ji verblieb. Die Stadt Mülhausen steuerte 2000 Ji und die Regierung 800 Ji bei. Gaben und freiwillige Beiträge von Wohltätern ohne Unterschied der Konfession wurden 6533 Ji gespendet. Das zinslich angelegte Stammkapital brachte 5969,55J1 Zinsen ein. Die Aerzte Dr. Elias und Dr. Cassauner besorgten unentgeltlich die kranken Schüler, und zahlreiche Glaubensgenossen spendeten bei Familienfesten reichliche Gaben, wie Wein, Kuchen, Früchte usw. Die Anstalt steht unter der bewährten Leitung des städtischen Lehrers G. Schwarz, der wie ein liebender Vater sich seiner Schutzbefohlenen annimmt. Rappoltsweiler. Sonntag den 23. d. M. ist Herr Adolf Weil! nach langem Leiden im hohen Alter von 83 Jahren entschlafen. Ein Mann von klarem Geiste und edlem Herzen ist mit ihm dahingegangen. Adolf Weill war kein Mann vieler Worte, aber wo es galt, zu helfen, war er sofort zur Hand. Ein gut Stück Rappoltsweiler Geschichte ist mit ihm entschwunden. Er war lange Zeit Vorstand der Synagogenkommission. In seinem Hause weilte jeder gerne. Laarburg. Rur 53 Jahre alt, starb in der vergangenen Woche, allgemein betrauert, Isidor Weiß, Metzger. Der Verstorbene erfreute sich der Achtung seiner Mitbürger, dies kam bei seinem Leichenbegängnis zum Ausdruck, Alt und Jung beteiligte sich daran und folgte der Leiche bis zum Gottesacker, allwo Rabbiner Dr. Levy warme und treffende Worte fand, die Trost und Balsam für die Hinterbliebenen waren. 8. Slruth. Der Lehrer Salomon Lang in Schwelm ist an die hiesige israelitische Elementarschule versetzt, und wird am 1. Dezember die Stelle antreten. Weiler (Kr. Schlettstadt). Ueber „orthodoxes Judent u m" sprach am Dienstag Abend, den 18. d. M. im Hotel Weill hier Herr I. Kahn, Kaufmann aus Frankfurt a. M. Der Redner, der aus Ueberzeugung und mit Begeisterung sprach, wußte auch Begeisterung zu erwecken. Sämtliche Anwesenden ließen sich nach dem Vortrag als Mitglieder der „Freien Vereinigung" einfchreiben.