Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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‘JU. 48 Aas jüdische glatt. 3 Der Hilfsverein der Deutschen Juden wird daher an seinem bewährten Programm festhalten: mit Hilfe der deutschen Judenheit und im Vertrauen auf ihre fortdauernde Unterstützung ein vielseitiges Kulturwerk für die Juden des Orients zu schaffen, das ihren Bedürfnissen und den Forderungen der Zeit gerecht wird. Die großen Ziele der Erziehung und Bildung lassen sich auf verschiedenen Wegen erreichen. Der Hilfsverein wird sich seine Freiheit, sein Schulsystem im bisherigen Geiste fortzuführen, nicht antasten lassen und sich am allerwenigsten durch demagogische Umtriebe und terroristische Methoden, durch die ein unmittelbarer Zwang zur Aufgabe seiner Prinzipien ausgeübt werden soll, beirren lassen. Es muß natürlich allen, die sich dazu gedrängt fühlen, überlassen bleiben, durch Austritt aus den Anstalten des Hilfsvereins die Konsequenz ihrer Ueberzeugung zu ziehen. Aber keine Schulleitung kann es dulden, daß durch revolutionäre Sitten jeder geordnete Betrieb, alle Disziplin untergraben wird. Es ist im Interesse der bildungsbedürftigen Jugend zu hoffen und zu wünschen, daß die Beunruhigung bald ihr Ende findet, und der Unterricht wie bisher wieder in geordneter und fruchtbringender Weise fortgeführt werden kann. Die Feier des 70. Geburtstags des h. Rektors des Rabbinerseminars zu Berlin, Dr. D. hoffmann. Die Feier des 70. Geburtstages des H. Dr. D. Hoffmann, des Rektors des Rabbinerseminars zu Berlin, findet am 30. November und 1. Dezember d. I. statt. Am 30. November vormittags werden die Abordnungen der verschiedenen Körperschaften vom Jubilar empfangen werden. Eine Deputation der ehemaligen und gegenwärtigen Schüler wird deren Glückwünsche darbringen und eine Ehrengabe überreichen. Für diese hat Herr Grünberg eine hebräische Uebersetzung des Hoffmannschen Werkes „Die erste Mischnah" hergestellt, die in 600 Exemplaren dem Herrn Rektor überreicht werden wird. Am Nachmittag des 30. November wird vom Kuratorium des Rabbinerseminars eine größere Feier veranstaltet werden, bei der ein Dozent, eine ehemaliger und ein gegenwärtiger Schüler An> sprachen an den Jubilar richten werden. Am 1. Dezember wird von den gegenwärtigen Schülern (Dibbuk cliawerim) ein Festabend mit gemütlichem Beisammensein veranstaltet werden. Oesterreich-Ungarn. Antisemitismus in den Krankenhäusern Wiens. In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 12. d. M. richteten die Abgeordneten Breiter und Genossen eine Interpellation an den Minister des Innern wegen der immer mehr überhand nehmenden antisemitischen Strömung an den Krankenhäusern Wiens. Namentlich am Kaiser-Franz-Joseph- Spital haben sich echt russisch anmutende Zustände herausgebildet, die, wie in der Interpellation ausgeführt wird, auf eine planmäßige Verdrängung der jüdischen Krankenhausärzte abzielen. Es heißt in der Interpellation unter anderem: Seit einiger Zeit gibt es in Wien Spitäler, in denen seit Jahren überhaupt kein Jude mehr angestellt wird, so im Sophien- und Elisabeth-Spital. Bezeichnend ist, daß dem letztgenannten Spital eine jüdische Abteilung, die Bettina-Abteilung, eine Rothschild-Stiftung, angegliedert ist. In den anderen Spitälern sind zwar noch jüdische Hilfsärzte angestellt, doch trachtet man, diese hinauszudrängen. Besonders charakteristisch äußert sich dieses Bestreben am Kaiser-Franz- Joseph-Spital. Auch diesem Spital ist eine jüdische Millionenstiftung, die Kinderabteilung des Bernhard und der Regina Pollak von Parnegg, angegliedert. In diesem Spital geht der Antisemitismus so weit, daß sich da zwei durch einen Strohsack getrennte Speisezimmer für die Aerzte befinden, ein arisches und ein jüdisches. Im Kaiser-Franz-Joseph-Spital existiert ein Tennis-Platz mit einer separaten Stunden-Einteilung für die jüdischen und nichtjüdischen Aerzte; es gibt eine „arische Kegelbahn" und ein „jüdisches Billard". Die jüdischen Aerzte werden angewiesen, nach Galizien zu gehen, oder es wird ihnen unverhüllt gesagt, daß man sie nicht gern aufnimmt, ja es wird gedroht, daß man einen uumerus clausus werde einführen müssen. Die jüdischen Sekundarärzte werden systematisch umgangen. Als im Oktober 1913 die Stelle eines Assistenten auf der ersten medizinischen Abteilung besetzt wurde, und die ältesten jüdischen Sekundarärzte sich bewarben, wurde der jüngste von allen Bittstellern, ein Nichtjude, ernannt. Auf die zweite medizinische Abteilung des Prof. Türk wird seit Jahren kein jüdischer Sekundärarzt geschickt. Der Assistent dieser Abteilung, Dr. Schuster, ging so weit, daß er einem christlichen Arzt, der sich auf Waffenübung befand, telegraphierte: „Komme sofort, sonst bekommen wir Juden." Die Interpellanten fragen schließlich, ob der Minister geneigt sei, die in der Interpellation angeführten Umstände genauestens prüfen zu lassen und geeignete Vorkehrungen zu treffen, um diesen skandalösen Zuständen ein Ende zu machen. Italien. Die vor kurzem vollendeten Abgeordnetenwahlen zur Italienischen Kammer haben die Wahl von 13 jüdischen Abgeordneten ergeben, von denen 9 schon im ersten Wahlgang gewählt worden sind. Darunter befinden sich der Expremierminister Luzatti und andere hervorragende Persönlichkeiten wie Romanin Jacur und Barzilai. Mit den 14 jüdischen Mitgliedern des Senats haben jetzt nicht weniger als 27 Juden Sitz im italienischen Parlament. Schweiz. Basel. Herr I. Dreyfus-Brodsky hat aus Anlaß der 50 jähr. Emanzipationsfeier dem schweizerischen Gemeindebund Fr. 50 000 für einen Emanzipationsfonds überwiesen, dessen Statuten wir demnächst veröffentlichen werden. — Hier hat sich eine Agudas-Jisroel Frauen- und Mädchengruppe gebildet. Sie bezweckt, Kenntnis der jüd. Religionsgesetze zu verbreiten und Interesse für die das Judentum bewegenden Fragen zu erwecken. .. Die Sitzungen finden an jedem zweiten Mittwoch jeden Monats im Logenheim statt. Als Sekretärin fungiert Frl, Friderike Dreyfus. Am jüngsten Mittwoch hielt der Verein seine erste Propaganda-Versammlung ab, zu der mehr als 150 Damen erschienen waren. Herr Rabbiner Dr. Cohn hielt einen Vortrag über das Ritualmord-Märchen. Rußland. Nachlese vom kiewer Prozeß. Von den Verhandlungen der Geschworenen vor dem Urteilsspruch werden jetzt einige interessante Einzelheiten bekannt. Wie ein Geschworener berichtet, waren 5 Stimmen gegen die Bejahung der ersten Frage, also gegen die Erklärung, der Mord Justinskys habe in der jüdischen Ziegelfabrik Seizew stattgefunden! In betreff des Beilis, sagte ein anderer Geschworener, war anfangs die Lage der Stimmen nicht günstig. Die Geschworenen, lauter einfache Bauern, hatten offenbar große Mühe, sich zum richtigen Verständnis durchzuarbeiten. Ein Geschworener bat einen seiner Kollegen kniefällig, doch nicht einen Unschuldigen zu verurteilen. Endlich haben sich ebensoviele Stimmen für Beilis Schuld wie solche für dessen Freisprechung ergeben und dies bedang nach russischem Gesetze die Freisprechung.