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Das jüdische Blatt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Das jüdische Matt. Nr. 47. die City vor allen anderen daraus drang, daß Mitglieder der Gemeinschaft, der ich angehöre, in Ihre Körperschaft ausgenommen werden. Und es war wieder die City, die den Kampf für die Vertretung durch meine Religionsgenossen im Unterhause führte. Ich habe einen Augenblick diese Dinge berührt, welche vielleicht nicht besonders zu dem Toaste geeignet sind, den ich erwidern soll, es geschah, weil ich wider alles, was in mir ist, gehandelt hätte, wenn ich diese Gefühle nicht geäußert hätte, weil ich weiß, daß die Erinuerung so schnell vergeht, und daß jetzt eine ganze Nation will, daß eine völlige religiöse Freiheit und Gleichheit hier herrsche, das noch nicht der Fall war, als die City den Kampf führte, der mich hierher st eilte. Das ist ein Mann, der auch als Justizminister als selbstbewußter Jude auftritt. Rußland. In seinem soeben erschienen Buche „Die Gezeichneten" schildert der schwedische Dichter Aage Madelung, der längere Zeit in Rußland gereist ist, die traurige Lage der Juden in Rußland. Er zeigt darin, daß an all den Leiden, Verfolgungen, Qualen der Juden in Rußland nicht so sehr der Jahrtausende alte Haß gegen den jüdischen Stamm schuld habe, der ja auch anderwärts rege fei, sondern allein das offizielle regierende Rußland, welches allein diesen Haß schüre, um der Wut und Leidenschaft der Massen Befriedigung zu gewähren und Opfer hinzuwerfen. Die Empörung der Intelligenz wird, so gut es eben geht, in den Gefängnissen und Bergwerken Sibiriens erstickt. Die gefährlichere Empörung des Volkes wird abgelenkt, indem man Judenhetzen veranstaltet, indem man den Pöbel plündern und morden läßt. Aus der Reichsduma. In der Sitzung vom 11. November verhandelte die Reichsduma weiterhin über den Antrag der Kadettenpartei, eine Kommission zu bilden zur Ausarbeitung eines Initiativantrages auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Der Kadett Schingarew wies darauf hin, daß das Fehlen der Gleichberechtigung dem Staatsorganismus schade; deshalb sei es notwendig, daß die Rechtsbeschränkung der einzelnen Nationalitäten aufhöre. Der jüdische Kadett Friedmann begann die Beilis-Affäre zu besprechen. Der Präsident der Duma bat, das zu unterlassen, da die Sache noch nicht alle Instanzen passiert habe; da sich der Abgeordnete aber nicht fügte, wurde ihm das Wort entzogen. Der Kadett Roditschew drückte die Ansicht aus, daß Rußland ohne die Gleichberechtigung der Juden kein Rechtsstaat werden könne. Purischkewitsch (äußerste Rechte) sagte, heute dürfe man weniger denn je an die Gleichstellung der Juden denken, denn eine Vergrößerung der Rechte der Juden würde Uebelstände Hervorrufen und vor allem den bäuerlichen Landbesitz vernichten. Die Juden beherrschten die Advokatur und die Presse und griffen die Orthodoxie an. Man könne die Gleichberechtigung der Juden nicht mit der Gleichberechtigung der übrigen Fremdvölker verbinden; geschehe dies, so würde es zum Untergang des Staates führen. Markow (Rechte) meint, eine derartige Weltfrage werde noch vor dem Schluß der Sitzung eingebracht, um durch ein solches talmudischjüdisches Mittel der Duma einen Beschluß zu stehlen. Auch Autonom (Oktobrist) vertrat die Ansicht, daß die Frage der Gleichberechtigung der Juden angesichts der Verschärfung des Nationalitätenstreites unzeitgemäß sei. Nachdem die Vorlage der Kadetten mit 152 gegen 92 Stimmen abgelehnt worden war, wurde die Sitzung geschlossen. Rerr-Griechenland. Die Lage der Juden in Saloniki. Der „N. I. K." wird aus Saloniki geschrieben: Die griechischen Staatsbeamten und leitenden Behörden machen der hiesigen jüdischen Bevölkerung bei jeder Gelegenheit Komplimente. Diese schmeichelhaften Erklärungen können jedoch den Kenner der Verhältnisse nicht darüber hinwegtäuschen, daß die griechische Bevölkerung den Juden durchaus feindlich gesinnt ist. Diese Haßgefühle des herrschenden griechischen Elements äußern sich in fortwährenden Zeitungsangriffen und böswilligen Anklagen gegen die Juden. Die traurige Wirklichkeit steht in seltsamem Kontrast zu den Versicherungen der griechischen Regierungskreise. Einem jüdischen Journalisten aus Saloniki gegenüber hat Herr R e p o i r l i s, der neuernannte Minister des Innern und Generalgouverneur von Mazedonien, wieder einmal eine „freundliche" Erklärung abgegeben. Der neue Minister sagte: „Saloniki ist eine Stadt voll Bewegung und. regen Lebens. Unter der jetzigen klugen und weitschauenden Leitung wird Saloniki ein blühenderes und bedeutenderes, vielleicht sogar das wichtigste Zentrum des ganzen Orients werden. Da nun die Juden hier das in kommerzieller Hinsicht am besten organisierte Element bilden, werden sie auch vor allen anderen Bevölkerungsgruppen an der neuen Gestaltung der Dinge beteiligt sein. Die Juden, denen der Aufschwung Salonikis am Herzen liegt, werden beträchtlich zur Hebung der Stadt beitragen. Ihre Zusammenarbeit mit den übrigen Nationalitäten wird allmählich einheitliche Interessen und feste Bande schaffen, durch welche die verschiedenen Teile der Bevölkerung einander näher gebracht werden müssen. Außerdem wird die jüdische Bevölkerung dank ihrer intellektuellen und moralischen Gaben sich durch ihre Mitwirkung am öffentlichen Leben eine günstige Stellung schaffen und sich allmählich zu einer maßgebenden Position aufschwingen. Unter der griechischen Konstitution, die allen Elementen des Landes Gleichberechtigung gewährt, werden sich die Juden bald ihrer Stärke bewußt werden. Die griechische Regierung weiß auch sehr gut, daß es durchaus in ihrem eigenen Interesse liegt, wenn sie das jüdische Element zur Mitarbeit heranzieht. Speziell im Hinblick auf Saloniki handelt es sich nicht nur darum, die liberalen Grundsätze der griechischen Konstitution anzuwenden, sondern hier ist es das ureigenste Interesse des Staates, der jüdischen Bevölkerung volle Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Das waren Erklärungen, die ich gern einmal abgeben wollte, und ich bin froh, daß Sie mir durch Ihren Besuch hierzu Gelegenheit gegeben haben." Gegenüber allen diesen schönen Beteuerungen weist man in jüdischen Kreisen Salonikis darauf hin, daß die Juden dieser Stadt unter der griechischen Herrschaft vielfach eine übelwollende Behandlung erfahren, wie sie ihnen zur Zeit des türkischen Regimes niemals zuteil wurde. Aus einem ganz harmlosen Vorgang, der sich am jüngsten jüdischen Neujahrsfeste zutrug, wo jüdische Frauen in der Synagoge sich gegen das grelle Sonnenlicht durch Verhängen der Fenster mit — türkischem Flaggentuch schützten, machte die griechische Gendarmerie Salonikis eine politische Affäre, nahm Verhaftungen in der Synagoge vor, und die gesamte griechische Presse bemächtigte sich des Vorfalls, um gegen die jüdische Bevölkerung in gehässigster Weise herzufallen, ohne von den Behörden, die den ganz unschuldigen Hergang der Sache kannten, in die Schranken gewiesen zu werden. Ein anderes Beispiel: Aus Anlaß des schändlichen Kiewer Ritualmordprozesses wollten die jüdischen Vereine Salonikis eine öffentliche Protestversammlung einberufen, die Polizeibehörde verbot jedoch die Abhaltung der Versammlung mit der Begrün-

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