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Das jüdische Blatt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · p. Seite 5

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47. Das jüdische Matt. 5 h- ■. 5r.;- :ü. f an-; **• **«!»(* ::~>önc ÄPD '■'"•V“‘: LL fe’k3«} i f »4s^ HP S<V kiSw; k o Z- CV:®' kli! & M S'fwMl M°! t'iiS'SkS ■: s;:: A: ik?S Da kommt der Impresario — was ist der Freispruch neben ihm! ----- und macht dem Streit ein Ende. Es gibt keinen Ritualmord, es gibt nur die Sensation und das Geschäft. Beilis hat gedankt. Ei dankt für Brief und Geld, für Glückwunsch und Beileid. Er ist so müde und möchte ausruhen. Aber der Impresario kommt, reißt ihn vom Stuhl, und Beilis, ob er nun will oder nicht, wird die Reise nach Amerika machen müssen. Die sittliche und geistige Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts hat ihn dem Henker entrissen. Der Geschäftssinn des zwanzigsten Jahrhunderts wird ihn am Nacken fassen und ihn als Schaustück durch die Welt schleppen. Der Impresario ist eine große Macht: wer kann gegen diese Macht aufkommen. („Pester Lloyd".) Der Groll der Regierungskreise. 110 russische Rechtsanwälte, die für eine Protestkundgebung gegen den Kiewer Prozeß gestimmt haben, werden sich deshalb vor Gericht zu verantworten haben. Der Staatsanwalt hat in deren Bureaus Durchsuchungen vorgenommen; auch hat er bei der Justizkammer zu Petersburg der Generalversammlung dieser Kammer den Antrag eingebracht, eine Disziplinär- und Strafverfolgung gegen diese Rechtsanwälte einzuleiten. Auch mit den Zeitungen wird sehr streng ins Gericht gegangen. Im Verlaufe des Prozesses wurden fünf Redakteure verhaftet, 6 in Anklagezustand versetzt; beschlagnahmt wurden 25 Zeitungen und fünf Flugblätter, 39 Zeitungen erhielten Geldstrafen und zwei Zeitungen wurden endgültig wegen ihrer Prozeßberichte unterdrückt. Der Professor Bechterew, der im Kiewer Prozeßsaal sich in unzweideutiger Weise gegen die Blutlüge ausgesprochen hat, soll ebenfalls gemaßregelt werden. Er ist bisher Präsident des psycho-neurologischen Instituts gewesen, das er gegründet hat und ist soeben auf weitere fünf Jahre zum Präsidenten gewählt worden. Die Regierung will ihn nun zur Strafe für seinen wissenschaftlichen Mut im Kiewer Prozeß die Bestätigung als Präsidenten versagen. Auch bei verschiedenen chassidischen Rabbinern Rußlands wurden plötzlich Haussuchungen vorgenommen. Ein großes Aufgebot von Polizei überwacht dabei die Ausgänge der Wohnungen der Rabbiner; alle hebräischen Bücher werden mit Beschlag belegt und die aufgefundene Korrespondenz wird auf Wagen fortgeschafft. Das Urteil der Geschworenen hat also den mittelalterlichen Aberglauben russischer Regierungskreise nicht überwinden können. Nicht ohne Interesse ist, daß die Vorgänge im Gerichtssaal auch im Film ausgenommen und in den russischen Städten in kinematographischen Bildern vorgeführt werden. In einem kleinen Städtchen trat bei diesen Vorführungen ein bemerkenswertes Ereignis ein. So oft die Bilder des Kiewer Prozesses an die Reihe kamen, verstummte die Musik, die sonst die Vorführungen begleitete. In dieser peinlichen Stille erblickte der Polizeimeister eine Demonstration. Er befahl deshalb, daß auch dabei die Musik zu spielen habe. Die Direktion fügte sich und seitdem wird bei diesen Bildern die Arie aus der Oper „Die Makkabäer" gespielt. Ter Prozeß hat das mittelalterliche Dunkel gezeigt, in das große Teile Rußlands gehüllt sind, vielleicht wird er den aufgeklärten Bevölkerungsteilen, die durch den Prozeß aufgerüttelt worden sind, neues Selbstbewußtsein und nachhaltigen Schaffensdrang einflößen. Die letzten Verhandlungen der Duma zeigen, daß bis in die Kreise der Oktobristen der Wille gedrungen ist, das Oktober-Manifest des Zaren zu verwirklichen, das Rußland eine Verfassung versprach. Aber auch die Rechte rüstet zum Sturm, besonders gegen die Juden. Die Rechte erklärt, die Geschworenen haben durch Bejahung der ersten Frage den Ritualmord bejaht. Damit setzt sie nun mit ihrer Hetze ein. Sie soll einen Gesetzantrag zur Unterdrückung des Schächtens in Rußland in Vorbereitung haben. Die Regierung wird zu wählen haben zwischen Reaktion und Reformen. Daß sie sich freiwillig für Reformen entscheidet, ist wenig wahrscheinlich. Vielmehr wird sie ihre bisherigen grausamen Grundsätze weiter verfolgen und die Juden noch mehr bedrücken wie bisher. Die Judenverfolgungen gehören in Rußland bereits zum Inbegriff der Staatsweiheit und des Regierungssystems. Das sind sehr trübe Aussichten für die Zukunft der Juden in Rußland. Ist es nicht ein Jammer, daß der größte Teil des jüdischen Volkes unter dem Joche des Zaren seufzt? Aus aller Wett Eesterreich-Urrgarrr. In Wien ist Rabbiner Dr. Schmied! im Alter von 93 Jahren gestorben. Zu Eibenschitz am 26. Januar 1821 geboren, begann er 1846 seine Wirksamkeit als Rabbiner in der mährischen Gemeinde Geurtsch. In Teschen wirkte er ö- 3ahre als Kreisrabbiner. Im August 1852 wurde er nach Proßnitz berufen, 1869 wurde er Rabbiner in Wien, Sechshaus. Als nach dem Tode Jellinecks Güdemann zu dessen Nachfolger gewählt wurde, berief man Dr. Schmied! in den Tempel der Leopoldstadt. Bekannt ist sein Buch „Sansinim", ein populäres jüdisches Buch. Er veröffentlichte auch mehrere Werke über die jüdische Religionsphilosophie, namentlich über Saadja Gaon. Er war als Redner und als Mensch beliebt. Men. Rabbinerwahl. Im Tempel der Leopoldstadt wurde zum Nachfolger Dr. Schmiedl's im dritten Wahlgange Dr. G r ü n e w a l d mit 18 Stimmen gewählt, gegen Dr. F e u ch t w a n g, auf den 12 Stimmen fielen. England. Ein bemerkenswertes Wort fand der Lord Oberrichter S i r I f a a c s R u f u s, als er als Vertreter der Richter bei des Lord Mayors Bankett einen Toast hielt. Er führte dabei folgendes aus: Sheriff Printer war so freundlich, einen Toast auf die Richter Seiner Majestät auszubringen, welchen zu erwidern ich zum ersten Male die Ehre habe. Sie werden mir sicher verzeihen, wenn ich, bevor ich im Namen meiner Kollegen spreche, zwei Gedanken äußere, welche sich meinem Geiste aufdrängen in dem Augenblick, wo ich hier stehe, in der historischen Halle der ehemaligen City, und Sie in Erwiderung des so freundlich ausgebrachten Toastes anspreche. Das erste ist, daß ich es als glückverheißend, und ich kann sagen als erwünscht ansehe, daß ich meine erste öffentliche Rede, außerhalb des Gerichtsfaales, hier in der City halte, ich, der ich feit frühester Jugend mit der City verbunden, der ich hier groß geworden und erzogen worden bin und der ich mich erinnere, wie mir vieles, was mir in späteren Jahren genützt hat, in der City und unter Geschäftsleuten eingeprägt wurde. Das zweite ist, wie Sie vielleicht glauben, etwas weniger wichtig, aber ich bin erst in meinen Anfängen als Oberlichter und deshalb werden Sie mir verzeihen, wenn ich auch Nebendinge berühre. Ich kann Sie heute abend in der City nicht ansprechen, ohne daran zu erinnern, daß ich diese Stellung jetzt nicht einnehmen würde ohne die vielen langjährigen Kämpfe für religiöse Freiheit in der City. Ich wäre undankbar, wenn ich diese Gelegenheit vorübergehen ließe, ohne Sie daran zu erinnern, daß

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