Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052844--0781-9052848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 Das jüdische Mtt. Nr. 47. derart gestellt, das; die Ueberzeugung, es liege ein Ritualmord j vor, hervorgrrufen werden kann; dadurch gewinnt das Urteil , einen zweideutigen Sinn." Der Abgeordnete Roditschew (Kadett) sagt: „Die Geschworenen besaßen gewissen, jedoch nicht ausreichenden Verstand." Adshemow (Kadett): „Das Geschworenengericht in Rußland ist gerettet. Schidlowski (Oktobrist): „Ein vernünftiges Urteil." Rhomjakow (früherer Dumapräsident, Oktobrist): „Die Geschworenen sind ihrer Aufgabe gerecht geworden." Tschcheidse (Sozialdemokrat): „Die Wahrheit hat gesiegt." Die geistlichen Abgeordneten erklären übereinstimmend, die Frage des Ritualmordes habe vom Gericht gar nicht angeregt werden dürfen. Diese Frage könne nur eine internationale Kommission von Gelehrten entscheiden. Im Justizministerium hat das Urteil angeblich einige Ueberraschung hervorgerufen, doch soll die Absicht vorliegen, keine Berufung einzulegen, un, den Prozeß nicht zum zweiten Male aufleben zu lassen.. Die allgemeine Stimmung. Die Verteidiger haben zahlreiche Glückwunschtelegramme aus den verschiedensten Städten des In- und Auslandes, von Staatsmännern und Parlamentsmitgliedern, von geistlichen hohen Würdenträgern erhalten. Unter der jüdischen Bevölkerung Rußlands herrscht Freude. Tausende, die sich in der letzten Zeit aus Furcht vor einem Progrom nicht mehr auf die Straße gewagt hatten, zeigten sich öffentlich in festlicher Kleidung. In sämtlichen Städten des Westgebiets wurde der Freispruch überall mit Enthusiasmus ausgenommen. Die Redaktionen der Zeitungen wurden in den Abendstunden förmlich vom Publikum belagert, das das Urteil erfahren wollte. In Moskau, wo der Freispruch die größte Befriedigung hervorrief, verbreitete sich in den Abendstunden das Gerücht, daß Beilis nach der Verkündigung des Urteils am Herzschlage gestorben sei. Dieses unbegründete Gerücht rief neue Erregung und einen neuen Sturm gegen die Redaktionen hervor, bis es sich dahin aufklärte, daß Beilis einen Schwächeanfall hatte. Nur alle Organe der Verbändler erklären sich mit dem Urteil unzufrieden und hetzen ruhig weiter. Aus verschiedenen Teilen Rußlands liegt eine Reihe von Nachrichten über Gewalttaten gegen Juden durch russische Verbändler vor, doch sind die Einzelfälle glücklicherweise nirgends zum Progrom ausgeartet, wie die Verbändler so gerne möchten. Beilis. Noch einige Tage nach dem Urteilsspruch war Beilis' Haus voll von lärmenden Menschen, während der von der langen, schweren Haft außerordentlich geschwächte Mann dringend der Ruhe bedürfte. Eine Studentenvertretung überbrachte dem Befreiten die Glückwünsche ihrer Kommilitonen. Kurz zuvor hatten den Beilis zahlreiche christliche Nachbarn besucht und wie Kinder schluchzend ihre Freude über seine Befreiung ausgedrückt. Daß ihn Pressevertreter aus aller Herren Länder unausgesetzt interviewen, ist selbstverständlich. Zwei amerikanische Impresarios haben sich gleichzeitig eingefunden, die dem Befreiten enorme Summen für eine Tournee durch Amerika anbieten. Der Mann, der massenhaft briefliche und telegraphische Sympathiebeweise erhält, kann sich in seine Rolle nicht hineinfinden. In wenig beredten Worten erzählt der invalide und kranke Mann von seinen traurigen Erlebnissen, von seinen Qualen im Gefängnis, in dem bei ihm täglich eine oder mehrere Leibesvisitationen vorgenommen wurden. Dazu muhte er sich stets nackt ausziehen und selbst die Zunge hochheben und untersuchen lassen, ob nicht darunter irgend ein Geheimmittel versteckt wäre. Oft habe er sich mit Selbstmordgedanken getragen, aber zuletzt hätte er sich entschlossen, das Martyrium, wenn es fein sollte, geduldig zu ertragen, als er gemerkt habe, daß er als Opfer für Millionen seiner Brüder ausersehen sei. Wie sehr er sich auch heute noch in acht nehmen muß, haben ihn gestern bereits Fanatiker wissen lassen; durch einen anonymen Steinwurf wurde nämlich der Wächter des Hauses, in dem Beilis sich aushält, schwer verletzt. Die Spitzen der Verwaltungsbehörden haben übrigens den jüdischen Vertretern erklärt, daß sie am liebsten sehen würden, wenn Beilis von Kiew abreifen würde. Die Kiewer Juden wollen davon aber nichts wissen und wittern Hintergedanken. Würden doch die echten Russen eine Wegreise des Beilis als ein Verschwinden des Schuldbewußten ausposaunen und auf dieser Grundlage eine wirkungsvolle Progromaaitation entfalten tonnen, zumal sie ohnehin die Waffen nicht strecken wollen und mit gleichem Fanatismus für Exzesse weiteragitieren. Beilis Schwester, die in Amerika lebt, kabelte sofort nach Empfang der Nachricht des Freispruchs, nach Amerika zu kommen. Beilis erhält unaufhörlich Briefe und Glückwunschtelegramme. Der englische jüdische Hilfsverein übersandte ihm 1000 Pfund. Beilis dankt ... In Kiew sitzt im verfallenen, ärmlichen Häuschen ein Mann; müde, abgehärmt, krank an Leib und Seele. Die stärksten Lustgefühle sollten sein Inneres in maßlose Schwingung versetzen: nach langer Hast ist ihm die, seit Unfreiheit besteht, als das höchste Gut gepriesene Freiheit wieder gegeben worden. Alle Bitterkeit, alles unverdiente Leid, alle sinnverwirrende Angst vor dem Lauf der irdischen Ungerechtigkeit sollten wie Nebel unter dem Strahl der Sonne von ihm weichen und einem einzigen Jubelgefühl Platz machen, das der namenlosen Freude Florestans nicht nachzustehen brauchte. Aber seiner Seele hat das Erlebte dis Elastizität gsnommen; sie ist zu müde, um rasch zu schwingen und hoch zu fliegen. Und, wer weiß, vielleicht bringt der Morgen neue Qual, neue Angst. Jetzt schon fliegen Steine durch das Fenster, von der Straße tönt dumpf das Grollen einer unzufriedenen Menge, er und die Seinen sind vor ihrer Wut nicht übermäßig sicher geschützt. Der Mann sitzt bleich, mit gebeugtem Nacken und gefurchtem Antlitz in seinem ärmlichen Zimmer. Da klopft es an die Türe und herein tritt -- der Impresario. Ter Westen kommt zu dem Osten, das zwanzigste Jahrhundert zum Mittelalter. „Komm," spricht der Impresario, „ich führe dich fort von hier und wandte dein Leid in Gold. Dein Name, grau zuerst, dann von blutigem Schimmer beschienen und durch die Welt gellend, wird dir und mir metallisch glänzen. Dein Schicksal ist Geldeswert, dein Martyrium eine Goldgrube." Und Beilis dankt. Still nnb müde. Der Osten lehnt den Westen ab. Aber auf dem Tisch in der armen Kiewer Vorstadtstube häufen sich die Briefe und Depeschen aus dem Westen, dazwischen blinkt es von dem Gelde der Barmherzigen und Mitleidigen. Es wird immer mehr, bald wird sein Schein zu dem Auge des armen Mannes dringen und es blenden. Und dann wird ein Impresario kommen, der nicht mehr entschieden abgewiesen wird, und der dritte wird die Hütte vielleicht mit einem Kontrakt in der Tasche verlassen. Der Kiewer Prozeß ist dann den Jmpresarii zuliebe geführt, Beilis den internationalen Neugierigen zuliebe angeklagt, gepeinigt und freigesprochen worden. So grotesk sich der smarte Amerikaner in der kümmerlichen Kiewer Hütte ausnimmt, so peinigend scharf hebt sich die weitest wirkende technische Errungenschaft der Neuzeit, die Jmpresa, von der mittelalterlichen Atmosphäre dieses Prozesses ab. Es hat hier orthodoxe Theologen gegeben, die im Talmud blätterten und den Ritualmord suchten, und die Inquisition funktionierte wie zur Zeit Jgnatii von Loyola. Die gesamte rabbinische Wissenschaft! war aufgeboten, das Märchen vom Ritualmord zu widerlegen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.