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Das jüdische Blatt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47. Das jüdische Statt. 3 Auch hier macht sich wieder der schwere Irrtum geltend, in dem sich der gebildete Teil des deutschen Volkes befindet, der nur Zionisten und Assimilanten kennt, während in Wirklichkeit doch der Zionismus nur einen kleinen Bruchteil der deutschen Iudenheit erfaßt hat und der Assimilation der größte Teil feindlich gegenübersteht. Daß der weitaus größte Teil der deutschen Juden und 90 % der Gesamtjudenheit auf positivem Boden steht, ist in den weitesten Kreisen unbekannt. Den Reigen eröffnet ein Aufsatz vom Nervenarzt Dr. Max Marcuse-Berlin: „Die Assimilation der Juden in Deutschland". Wir müssen offen bekennen, wir schämten uns im tiefsten Herzensgrund, und Zorn und Empörung erfaßten uns, als wir diese Herzensergüsse eines modernen Assimilanten lasen, der dem Juden, der nicht fahnenflüchtig wird, Feigheit und Unaufrichtigkeit — so verstanden wir es wenigstens — vorwirft, ein Mann übrigens, der die Verhältnisse von Berlin ^V. in ganz Deutschland als das Normalverhältnis ansieht; denn sonst könnte er nicht gut von einer assimilationsfähigen und -gewillten Majorität sprechen. Wir danken im übrigen für seine Fürsorge für uns: „Die übrige Minderheit sei dem Zionismus zur Fürsorge empfohlen oder werde, wenn und soweit sie bei uns verbleiben will, unter humane und verständige, aber besondere Fremdengesetze gestellt", und für unsere armen russischen Brüder, „denen von seiten Deutschlands unbedingt die Zuwanderung gewehrt werden müsse und deren Schicksal ihn nicht mehr und nicht weniger interessiert als das „der Armenier und anderer Gruppen und Stämme, die wegen ihrer Rasse oder Religion verfolgt werden". Wir könnten noch mehr solch geschmackvolle und von Herzenswq.rme zeugende Aeußerungen dieses Herrn zitieren, doch wir verzichten darauf und wünschen nur, daß sich seine Tätigkeit auf andere Gebiete als gerade auf das der Judenfrage erstrecken möge, denn, um da mitreden zu können, muß man doch mehr als Mediziner sein. Was Richard Dehmel über Mischehen sagt, die er aus eigener Erfahrung kennt, sowie seine guten Ratschläge hinsichtlich unseres religiösen Standpunktes lehnen wir dankend ab. Man höre und — staune: „Allerdings müssen wir vom Juden fordern, die mosaische Konfession abzulegen, denn sie bindet ihn und seine Familie nicht sowohl an den mosaischen Glauben, als vielmehr an talmudischen Afterglauben, verhindert also die Anpassung an unsere besten Traditionen und erst recht an neue Kulturtendenzen. Aber die Forderung hat nicht zu lauten: werde Katholik oder Protestant! sondern: Werde Dissident! Das könnte noch wirklich religiösen und auch sozialen Zusammenschluß anbahnen. Religion heißt nämlich auf deutsch nichts weiter als innerliche Verbundenheit, williges Gemeinschaftsgefühl." Wer so schreibt, mag ein bedeutender Dichter sein, aber die jüdische Volkspsyche, das Judentum als solches kennt er nicht und versteht er nicht. Was Dr. Teilhaber: „Der Kinderstand in jüdisch-christlichen Ehen" und Prof. Dr. Sombart: „Die wirtschaftlichen Folgen der Assimilation" geben, ist den Lesern jüdischer Zeitungen genügend bekannt oder erweckt weniger unser Interesse. Die Worte Friedrich Naumans über den „Glaubenswechsel" enthalten manches Wahre. „Erst von da an, wo die Juden ihre Abgesondertheit schon an sich verloren haben, wird für sie die Frage der Taufe näherliegend. Das aber ist der Zeitpunkt, wo nichts Großes mehr durch die Taufe geändert wird. Sie wird dann leicht herabgedrückt zum kleinen Hilfsmittel für Eheschließung und Stellenerlangung. Das aber ist eine Entwürdigung. Man soll deshalb die Frage des Uebertritts zum Christentum bei diesen Erörterungen möglichst aus dem Spiele lassen." Wenn die Vertreter der christlichen Konfessionen alle so dächten und nur den aufnähmen, der aus Ueberzeugung die Taufe nehmen will, das Kapitel „Seelenfängerei" würde viel weniger widerliche und häßliche Züge aufweisen. Zangwills „Kurze Antwort" bewegt sich in den bekannten Gedankengängen, die von der Restitution eines Iudenstaates alles Heil erwarten. Die beiden letzten „Diskussionsredner", die zu Worte kommen, sind Richard Nordhausen und Fritz Mauthner. Wenn ich mich nicht täusche, sind beide getaufte Juden, müssen also letzten Endes so recht klar über „Assimilation" schreiben können. Doch nichts dergleichen ist der Fall. Schon die Ueberschristen ihres „Gutachtens" bekunden dies. Der eine nennt es „Verschmelzung und Assimilation". Der Zionismus kann wirklich auf diese Artikel der Diskussion stolz sein, denn nach ihnen gibt es in Deutschland innerhalb des Judentums nur zwei Richtungen Zionisten und Assimilanten, die übrigen Juden gleichen einem Tohuwabohu bezüglich ihrer Empfindungen und Gefühle. So meinen jene. Inhaltlich bieten beide manchen interessanten Gedankenblitz, haben aber keine Ahnung von den wirklichen Verhältnissen der deutschen Juden. Neben manchem aus „Berliner Tageblattartikeln" Bekanntem entwirft Nordhausen ein Bild vom großen Kladderatatsch in merkantiler Hinsicht, der für die Juden schlimm werden kann. Mauthner hingegen sieht die Jdealleistung des deutschen Zukunftsjuden im Austritt aus seiner Religionsgenossenschaft, im Austritt aus seiner rassenhaften Gemeinde. Schade für die viele Druckerschwärze. In der Diskussion über „Assimilation der Juden" hätten wir gerne weniger allzu leuchtendes, interessantes Brillantfeuerwerk gehabt, dafür aber desto lieber Meinungen gelesen, die den Tatsachen Rechnung tragen und mit den Verhältnissen der deutschen Juden vertraut sind. Bavarus. -^- Mach dem Krewer Urteil. Stimmen der russischen Presse. Die gesamte russische Presse spricht bis auf wenige ultrareaktionäre Organe über das Urteil im Beilis-Prozeß ihre Genugtuung aus. Das Kadettenorgan „Retsch" schreibt: Die Freisprechung Beilis' gibt der öffentlichen Spannung und Erregung eine weitgehende Ableitung und die aufklärende Wirkung des Urteils auf die Gemüter wird nicht spurlos vorübergehen. Die elementarste Ueberlegung hätte der Regierung sagen müssen, daß sie sich hinter einen Wahrspruch der Geschworenen nicht gut verstecken konnte. Man dürfe sich mit dem Spruch der Geschworenen nicht zufrieden geben, denn er enthalte die Behauptung, daß in der Saizewschen Fabrik ein Mord begangen worden sei. Es sei unumgänglich notwendig, die wahren Verbrecher ausfindig zu machen. Selbst das nationalistische „Nowoje Wremja", das mit großer Gewißheit die Verurteilung Beilis' vorausgesagt hatte, gibt sich mit dem Urteil der Geschworenen zufrieden und erklärt, daß der Prozeß nicht durch Berufung wieder aufleben dürfe. „Swet" meint, die Juden mögen sich noch so sehr eines Sieges rühmen, ihre Niederlage sei zweifellos infolge der Bejahung der zweiten Frage, ob der Mord in der Saizewschen Fabrik verübt wurde. Die Moskauer „Ruskoje Widomosti" schreibt, die Verurteilung des Beilis wäre eine Schmach gewesen. Das Volksgewissen sei nun durch die Einsicht der russischen Geschworenen erleichtert. Außerdem liegt eine Anzahl charakteristischer Urteile von Abgeordneten über den Ausgang des Prozesses vor. Der Kadettenführer Miljukow äußerte: „Das Gerichtsurteil ist. ein Sieg der Anschauung der Geschworenen, jedoch kein voller Sieg. Wohl ist Beilis freigesprochen, doch hat das Gericht die Fragen

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