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Das jüdische Blatt · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 47. 2 Das jüdische Statt. Inhalt. Leitartikel: Eliesers Fehler. — Die Assimilation der Juden. — Nach dem Kiewer Urteil. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel- Ecke. — Vermischtes. — Bücherbesprechung. — Lustige Ecke. — Gedalja. — Inserate. Zu m» ”n 's. KNescrs Keßler. Eine prächtige, sympathische Gestalt, dieser Elieser! In lichten Farben hat ihn die Thora gezeichnet. Dieser Diener Abrahams ist seines Herrn würdig; er besitzt nicht nur dessen Vertrauen, er verdient es auch. Mit welcher Sorgfalt entledigt er sich seiner Ausgabe, die ihm so sehr die Hauptsache ist, daß er hinter ihr sich selbst und seine elementarsten Bedürfnisse zurücktreten läßt. Nichts hat er an sich von der Anmaßung eines „Herrn Lakaien" auf Reisen. Bei der Familie Rebakkas gibt er sich sofort als einen bloßen Diener zu erkennen und ist so für unsere Weisen die Illustration zu dem Sprichwort geworden: „Hast du einen Makel, nenne du selbst ihn zuerst." Elieser ist also das Muster eines pflichttreuen, gottesfürchtigen, umsichtigen und bescheidenen Dieners. Trotzdem haben unsere Weisen uns auch auf einen Schatten in diesem lichten Bilde aufmerksam gemacht. Im Talmud (Taanit 4 a) wird von ihm, von Saul und Jiphtach — im Midrasch (zu unserer Sidrah und 'inpfD Schluß) auch von Kaleb (Richter 1, 12 f.) — behauptet, sie hätten in ungebührlicher Weise Bedingungen an ihre Bitten geknüpft: das Mädchen sollte Jsaks Frau werden, welches Elieser und seinen Tieren zu trinken geben würde; wer den Riesen Goliath erschlagen würde, dem war die Hand von Sauls Tochter zugesagt, was zuerst herauskommen würde aus dem Haus des Richters Jiphtach, wenn dieser wohlbehalten vom Krieg mit Ammon heimkehren würde, das sollte als Opfer dargebracht werden. Wie aber, fragen die Weisen, wenn ein Mädchen wohl der von Elieser gestellten Anforderung entsprochen hätte und doch wegen irgend einer Ursache untauglich gewesen wäre, dem Sohne seines Herrn die Hand zu reichen? Wäre dieser Fall eingetreten, in welch schwere Gewissenspein wäre der Diener geraten. Und wäre es nicht möglich, daß ein einer Königstochter Unwürdiger den frechen Riesen erschlüge? Konnte nicht aus Jiphtachs Türe — den Fall, der dann wirklich eintrat, ganz beiseite gelassen — ein zum Opfer untaugliches Tier herauskommen? Die Weisen erinnern daran, daß Elieser und Saul trotz ihres Mangels an Ueberlegung im Gegensatz zu Jiphtach vom Glück begünstigt wurden. In der Tat hätten beide eine bessere Wahl gar nicht treffen können. Ihr Fehler war eben doch der geringere. Zunächst: Elieser und Saul stellten bei ihrem Verlangen ihre eigene Person in den Hintergrund, Jiphtach aber sagte: „Wenn i ch in Frieden heimkomme von den Söhnen Ammons." Sodann: Ein Mädchen, das den Beweis humaner Fürsorge für Menschen und Tiere gab, hatte jedenfalls eine wesentliche Eigenschaft einer Abrahamstochter, und wer mutig den Feind und Lästerer des gesamten Volkes erschlug, der hatte sicherlich einen königlichen Zug an sich. Jiphtachs Gelübde aber war ganz unsinnig. Es war derart, sagen die Weisen, daß er es sich von dem zeitgenössischen Hohepriester Pinchas hätte auflösen lassen müssen, aber ein unangebrachter Stolz auf seine Fürstenwürde ließ ihn diesen Schritt nicht tun. Im Fehler jedoch waren auch Elieser und Saul immerhin. Sie hätten von einem einzigen Kennzeichen nicht eine ganze wichtige Entscheidung abhängig machen dürfen, sondern sich den Blick auf das Ganze bewahren und Vorbehalten müssen. Im fünften Buch der Thora ward der Fall als möglich angenommen, daß ein falscher Prophet, der zum Götzendienst überreden will, ein Zeichen für die von ihm vertretene Sache angibt und dieses Zeichen auch eintrifft, „denn Gott versucht auch, um zu sehen, ob ihr wirklich liebt den Ewigen euren Gott mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele." Auch das merkwürdigste Zusammentreffen braucht noch kein Beweis für die Güte und Trefflichkeit einer Sache zu fein. Wir begehen im täglichen Leben oft den Fehler, daß wir unsere Entschlüsse und Entscheidungen abhängig machen von bestimmten Anzeichen. Wer eine wichtige Reise vorzunehmen hat, der soll wie Elieser Gott um seinen Beistand anflehen und seine Tefillas liaderecli inbrünstig verrichten, außerdem, eingedenk des Satzes £3“ pDS'lD j'tf, sein eignes Mögliche tun, nicht aber sich binden durch Stellung von Bedingungen. Wo aber eine Torheit wieder gut gemacht werden kann wie im Falle Jiphtachs, da soll nicht törichter Dünkel es verhindern. In jedem Falle gilt für den Juden, der es mit dem Ausspruch seiner Lippen besonders genau nehmen muß, das Wort des Kohelet: „Sei nicht vorschnell mit deinem Munde und dein Herz übereile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen." Dr. Schwarz, Sulz u. W. -^- Die Assimilation der Juden. In Berlin erscheint seit einiger Zeit eine Zeitschrift „Diskussion", die den Zweck verfolgt, Fragen, die das öffentliche Leben beschäftigen, zu behandeln. Doch lassen wir den Herausgeber selbst sprechen: „Die gesamte deutsche Geistesarbeit soll hier in leicht verständlichen und kurzen Aeußerungen zu Worte kommen. Und zwar soll in jedem Heft nur eine Frage behandelt werden, die gerade das öffentliche Leben beschäftigt und bewegt. So soll all das, was an hundert Stellen zerstreut war, in einem Heft vereinigt werden." Zweifellos kommt die Zeitschrift einem längst gefühlten Bedürfnis entgegen. Auch werden in den bisher erschienenen Heften Probleme behandelt, die der Gegenstand allgemeinen Interesses find, ich nenne nur: „Das gleiche Wahlrecht, das Flugproblem, Frauenbildung" u. a. Ohne eingebildet zu sein, dürfen wir Juden sagen, daß auch wir seit einem Jahrzehnt und noch länger das Interesse der gebildeten Volksschichten Deutschlands weit lebhafter erregen als in früheren Jahren. Das Judenproblem gehört zu den Dingen, über die man viel, vielleicht zu viel und mit zu wenig Verständnis sprechen hört. Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn auch die „Diskussion" das Judenproblem auffaßt und ein Heft veröffentlicht, das die Aufschrift „Die Assimilation der Juden" trägt. Begierig fassen wir darnach, um aber schon beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses recht enttäuscht zu sein. „Nicht parteilos wollen unsere Hefte sein, sondern alle Parteien treten gemeinsam vor den Leser, um sein Urteil zu schärfen. Er möge wählen, wessen Meinung die seine ist", so schreibt Hans Ostwald, der Herausgeber der „Diskussion" über den Zweck der Zeitschrift. Wenn das in Wahrheit die Tendenz der Zeitschrift ist, dann mußte doch wenigstens in der zur Diskussion gestellten Frage auch d i e Partei, die wirklich heute noch, auch in Deutschland, das alte überlieferte Judentum vertritt, es kennt und versteht, gehört werden. In Berlin einen Vertreter dieser Richtung zu finden, hätte wahrlich keine allzugroße Mühe gekostet. So aber kommen neben den Stimmen einiger christlicher Literaten von bekanntem Ruf nur Zionisten und Assimilanten zum Wort.

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