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Das jüdische Blatt · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Das jüdische Statt Nr. 46. eine Deputation von zwei der angesehensten Gemeindemitglieder nach Paris zu schicken, um dort gegen das Konsistorium und für den Oberrabbiner zu plädieren. Es waren die Herren Baruch Wahl und Raphael Dreysus, der Vater des später bekannt gewordenen Kapitän Dreysus, die sich von Mülhausen nach Paris begaben, um dort die Sache des Oberrabbiners zu vertreten. Der sehr fromme, bescheidene Baruch Wahl, der ganz gut französisch sprach, fand aber in Paris bei diesen vornehmen Herren nicht den Mut der Verteidigung des Oberrabbiners von Colmar. Sein Gefährte, Herr Raphael Dreysus, hätte wohl den Mut gehabt, zu sprechen, ihm fehlte aber die Fähigkeit, er konnte nämlich nicht französisch sprechen. Da auf einmal nimmt Herr Raphael Dreyfus das Herz in die Hand, holt aus zu seinem Plädoyer und sagt: Messieurs, je vouloir dire, grand rabbin brav homme, consisloire .— In Colmar hatte damals die Opposition beschlossen, eine schriftliche Eingabe zugunsten des Oberrabbiners Klein an das Ministerium nach Paris gegen das Konsistorium zu machen. Auf diese Eingabe kam nach einigen Monaten vom Ministerium von Paris die Antwort zurück, daß überhaupt niemals ein Antrag auf Absetzung oder Versetzung des Oberrabbiners Klein bei der Regierung eingelaufen sei. Das Konsistorium von Colmar hatte sich offenbar eines Besseren besonnen. Ingweiler. Eine unserer Besten, Frau Julie Bloch, haben wir vorige Woche, Donnerstag den 6. November, zur ewigen Ruhe begleitet. Erst 50 Jahre alt, ist sie uns unversehens entrissen worden. Ihr Heimgang ist nicht nur für ihre Familie ein schwerer, herber Verlust, er läßt auch in unserer Gemeinde eine empfindliche Lücke. Selbst von frommem Sinn, waren ihr die religiösen Überlieferungen ihrer Eltern Herzenssache. Auf dem Gebiete der Wohltätigkeit (-pn ppS'fcjp np“S) war sie immer unter den Vordersten. Nie hat ein gutes Werk umsonst an ihren guten Willen und an ihr gutes Herz Anspruch erhoben, nie haben Arme unbefriedigt ihr gastliches Haus verlassen. Menschenfreundlich gegen alle, hat sie sich durch den edlen Zug in ihrem Wesen die Herzen aller gewonnen. Manch einer in der Nähe und in der Ferne hat ihr wohl eine stille Träne nachgeweint; sie besaß nur Freunde, und die Gemeinde derer, die um sie trauern, ist daher eine große. Was ihre Freunde besonders an ihr schätzten, war ihr heiteres Wesen, ihr fröhlicher Optimismus. Auch über bittere Stunden hat ihr diese frische Zuversicht, dieser unverwüstliche Frohsinn hinweggeholfen. So war ihr denn auch das Los der Frommen beschieden, mitten aus freudiger Stimmung in ein besseres Jenseits hinüberzugehen. Ihr Andenken wird weit über ihre trauernde Familie hinaus in Ehren gehalten werden. Metz. Die Feiertage, die unsere Synagoge jedesmal wieder bevölkern, sind vorüber und seither steht sie Samstags und Wochentags fast leer da. Es ist kaum zu glauben, daß in einer fast 1900 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde die Jnteressenlosigkeit für alles, was mit Religion zusammenhängt, so groß ist. Deswegen freut man sich, wenn man sieht, daß endlich wenigstens versucht wird, manche Mitglieder zu jüdischem Wissen zurückzuführen. In den letzten Wochen hat sich unter der Initiative unseres Herrn Oberrabbiners ein Talmud-Thora-Verein gegründet, mit der Absicht, ein- bis zweimal in der Woche (regelmäßig am Schabbos nach Mincha) zu lernen. Der Anfang wurde mit gemacht. Eine Reihe von Herren traten dem Verein bei und wollen regelmäßig das Lernen besuchen. Bei der Eröffnung hob der Herr Oberrabbiner hervor, daß in demselben Hause (Israel. Krankenhaus) zur französischen Zeit das in aller Welt berühmte Rabbinerseminar von Frankreich war, welches lange vor dem Kriege nach Paris verlegt wurde. Von dieser Zeit ab habe auch das jüdische Wissen und Thoralernen in der Gemeinde allmählich abgenommen. Hoffentlich werden sich die Mitglieder eifrig an diesem Kursus beteiligen. Von einigen Herren ist auch die Gründung einer Agudah-Gruppe in Erwägung gezogen; eine große Zahl von Mitgliedern hätte man sofort bei den zahlreich hier wohnenden Galiziern und Russen, die gerne beitreten würden. Ueberhaupt könnte für die Agudah auf dem Lande mehr Propaganda gemacht werden. In Dörfern, wie Sierck, Königsmachern, Büdingen und anderen könnte man leicht kleine Gruppen bilden, um sie dann zu einer elsaß-lothringischen Agudah-Gruppe zusammenzuschließen. Die eben erwähnten Ausländer bilden zwei große Gemeinden, von denen jede ihren Betsaal von der jüd. Gemeinde Metz erhalten hat; als Geschäftsleute und Reisende verdienen sie ihr Leben, und durch ihre Tüchtigkeit und das Entgegenkommen der politischen und religiösen Gemeinde vergrößert sich ihre Gemeinde von Tag zu Tag. Sogar -ppD Restaurants haben sie in den von ihnen bewohnten Vierteln eröffnet. Weil wir von Restaurants sprechen, sei auch erwähnt, daß zur großen Freude vieler jüdischen Reisenden ein ritnelles Speisehaus unter Aufsicht des Hamburger Vereins seit zwei Monaten besteht, welches von Straßburgern, Frankfurtern und anderen eifrig besucht wird. Besitzer ist Herr Wolpe, Gartenstrahe. Was die jüdische Vereinstätigkeit anbelangt, so ist nicht viel zu berichten. Die Jeunesse Jsraelite, Zionistenverein und Zentralverein haben bis jetzt noch nichts von sich hören lassen. Der Jugendbund hat sich infolge innerer Differenzen aufgelöst, vielleicht ist eine Neugründung für diesen Winter möglich. Zuletzt sei noch erwähnt, daß für die jüdischen Soldaten, die während der Feiertage durch Vermittlung der Loge beköstigt wurden, am 18. Oktober eine Festfeier stattfand. Mülhausen. In diesem Monat sind es 25 Jahre, daß Herr Simon Deutsch, der Schauchet unserer Gemeinde, sein Amt angetreten hat. In diesem Zeitraum hat Herr Deutsch, dessen Gewissenhaftigkeit in seinem Amte allgeniein bekannt ist, es verstanden, sich die Zuneigung der ganzen Gemeinde zu erwerben. Möge es Herrn Deutsch vergönnt sein, noch lange Jahre in voller Gesundheit seines Amtes zu walten. Regisheim (Oberelsaß). Einst hatte unsere heute kleine Gemeinde bessere Tage gesehen. Unsere schöne, große Synagoge mit danebenstehendem Gemeindehaus sind stumme Zeugen früherer Größe. Heute fällt es uns schon schwer, einen Hilfsvorbeter für die hohen Feiertage zu bekommen, so klein ist unsere Gemeinde geworden. Wir sind daher Herrn Meier Blum aus Ensisheim sehr dankbar, daß er an den Festtagen zu uns herüber gekommen ist, um den Dienst des Bal Tephilah und Bal Teküoh zu übernehmen. Da in Ensisheim an den hohen Feiertagen kein Gottesdienst stattfindet, freuen wir uns, in Herrn Meier Blum einen tüchtigen Bal Tephiloh für lange Jahre, s. G. w., gefunden zu haben. Wir müssen Herrn Meier Blum doppelt danken, da er für die uns geleisteten Dienste jede Vergütung abgelehnt hat. Saarburg. Herrn Tr. M e y e n, der seit langen Jahren hier praktiziert und auch seit mehreren Jahren Kreisarzt ist, wurde der Rote Adler-Orden vierter Klasse verliehen. Saarburg. Auch in unserer so indifferenten Gemeinde scheint allmählich etwas jüdisches Leben Wurzel schlagen zu wollen. Eine große Menschenschar eilte gestern abend in dunkler Nacht zum Synagogengebäude, und das große Oratorium ward bis auf den letzten Platz besetzt. Viele Herren und auch ein großer Tamensior folgte gespannt den geistvollen Ausführungen des Herrn Professors Dreyfuß aus Straßburg über: Die Renaissance im Judentum, und dem interessanten Palästina-Referat des Herrn Assessors Edgar Weil aus Mölsheim. Man kann sich mit allem, was die Referenten vorbrachten, einverstanden erklären bis auf die witzelnden, antireligiösen Ausfälle des Herrn Professors, die

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