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Das jüdische Blatt · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Da« jüdische Kiatt. Nr. 46. diesem Gebiet sehen, nicht als Juden, sondern als Deutsche, als Menschen." Nachdem sich der Redner scharf gegen die Mißwirtsckmft im russischen Preßwesen gewendet und betont hatte, daß es dem Auslands gegenüber keine Protestanten, Katholiken oder Juden gibt, sondern nur deutsche Staatsbürger, vor deuen die russische Brutalität Halt zu machen habe, schloß er unter großem Beifall mit den Worten, eine Zeit werde kommen, wo die Gleichberechtigung ein Ruhmestitel Deutschlands sein werde. Daran müsse man glauben, da die Vorwärtsentwicklung stärker sei als olle Vorurteile. Die Versammlung faßte einstimmig eine Resolution, welche die wichtigsten Grundsätze des Verbandes umfaßt. Sie lautet. Wir erstreben: Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Religion und dadurch die gerechte Würdigung ihrer grundlegenden Lehren. Wir bekämpfen: alle Darstellungen vom Judentum, durch die der Anschein erweckt wird, als entsprächen seine Lehren nicht den höchsten Forderungen der Sittlichkeit. Wir erstreben: uneingeschränkte Durchführung der Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf ihre Religion. Wir bekämpfen: jeden Versuch, durch Vorwände die Verletzung jener Bestimmungen zu beschönigen. Wir bekämpfen amtliche Befragungen und Aufzeichnungen über die Religion der Staatsangehörigen, auch der Heeresangehörigen und Beamten, soweit nicht Rechte oder Pflichten gesetzlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft abhängen. Wir erstreben: gleichmäßige Zuweisung von Staatsmitteln zu kirchlichen Zwecken an alle Religionsgemeinschaften, so lange der Staat an einzelne von ihnen Zuschüsse leistet. Wir bekämpfen: Heranziehung von Vermögen der Juden zugunsten der christlichen Kirchen durch Beitragsleistung aus den auch von Juden aufgebrachten Staatssteuern allein für christliche Kultuszwecke. Wir erstreben: tatkräftige Stellungnahme der deutschen Behörden gegen die Zurücksetzung deutscher Juden bei Reisen nach Rußland und grundsätzliche Ablehnung jeder Mitwirkung an Religionsunterscheidungen bei Paßerteilung. Wir bekämpfen: alle Maßnahmen, durch welche bei Ausweisung und Einbürgerung Juden anders behandelt werden als Ehristen. * In allen Synagogen Hamburgs wurden Festgottesdienste gehalten. Dr. Spitzer hielt eine Ansprache beim Gottesdienst in der Eemeindesynagoge am Bonnplatz. Es fand eine Theatervorstellung statt, zu der nur geladenes Publikum zugelassen war. Bei den Einladungen wurden alle zionistischen und orthodoxen Vereine iibergangen. Dies geschah vielleicht im Dienste der vielgepriesenen „Einheit". Die Glanzpunkte der Aufführung im Theater waren das Fragment „Esth er" von Grillparzer, ein Ausschnitt aus Lessings „Nathan", die Ringerzählung. Der einleitende Prolog ließ den Schwung vermissen, Grillparzers Fragment dagegen brachte reiche Entschädigung. Nach einer Pause trug Alex Otto drei Gedichte des Hamburger Lyrikers Jakob Löwenberg vor, „Isaak Löwenthal", „Im Kreise" und „A h a s v e r", die Helle Begeisterung erweckten. Den edlen Abschluß bildeten Nathan und Saladin. Am Sonntag abend war großes Diner. Die Damen waren im L o g e n h e i m, die Herren im Hamburger Hof — wegen Raummangel. Wieder waren nur Delegierte und geladene Gäste zugelassen. Am Montag fand die Besichtigung der Auswandererhallen ltatt. Rumänien. In Rumänien scheint die antisemitische Bewegung nach dem Kriege wieder das frühere Gesicht angenommen zu haben. Alle Versprechungen des Königs können daran nichts ändern. Neulich ist ein geheimer Erlaß an das Offizierkorps bekannt geworden, der die Offiziere davor warnt, fremde, nicht naturalisierte Militärs zur Beförderung vorzufchlagen, namentlich Juden. In besonderen Ausnahmefällen, wo die Beförderung geboten erscheint, soll diese in einem geheim zu behandelnden Schriftstücke von dem Offiziere, der den Vorschlag macht, näher begründet werden, bei Juden muß auch dies unbedingt ausgeschlossen bleiben. Zwar hat sich in Rumänien eine jüdische Liga zur Erlangung des Bürgerrechts gebildet, aber ihre Arbeit und ihre Ausbreitung wird sehr erschwert. Der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des englischen Gemeindeverbands in London hat sich zwar an den englischen Premierminister G r e y mit der Bitte gewandt, den Juden in Rumänien wenigstens in den Gebietsteilen, die von Bulgarien abgetreten sind, die Bürgerrechte zu sichern und womöglich gleichzeitig die Ausdehnung der Bürgerrechte auf alle in Rumänien geborenen Juden zu erstreben. Grey hat zwar einen günstigen Bescheid gegeben, er werde' den Augenblick benützen, in dem vor die Großmächte die Frage der formellen Anerkennung der durch die Valkankriege von den Balkanstaaten herbeigeführten Gebietsoeränderungen kommen wird, um zusammen mit den übrigen Großmächten die Versprechungen des Berliner Vertrags den Balkanstaaten in Erinnerung zu bringen und deren nochmalige Erklärung durch die Balkanstaaten herbeizuführen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, daß solche auf dem Papier stehende Erklärungen gar nichts nützen. Es müßte denn schon sein, daß der gemeinsame Druck der Großmächte auf Rumänien denjenigen Politikern in Rumänien den Rücken stärkt, die im Gegensatz zu den Antisemiten gewillt scheinen, die Versprechungen des Berliner Vertrags zu verwirklichen. Optimismus ist hier allerdings nicht am Platze. Bulgarien. Auf Veranlassung des Gemeinderates von Sofia fand in der hiesigen israelitischen Hauptsynagoge ein Trauergottesdienst für die während des Krieges gefallenen Juden statt. Während des Gottesdienstes, welchen der Ministerpräsident Radoslawow, der Vorsitzende des Heiligen Synod Metropolit Wassili, Vertreter des Hofes, der Ziviluüd der Militärbehörden beiwohnten, hielt Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis eine ergreifende Rede, worin er das Kiewer Blutmärchen als unbegründet und der christlichen Lehre unwürdig zurückwies und ausführte, daß der bulgarische Synod allen Versuchen einer Verbreitung des Blutmärchens stets entgegen getreten sei. Serbien. Im erfreulichen Gegensatz zu Rumänien genießen die Juden Serbiens alle Bürgerrechte. Der Krieg hat ihr Ansehen erhöht, denn sie haben an Patriotismus, Opferwilligkeit und Soldatenmut mit den übrigen Teilen der Bevölkerung gewetteifert. Die Anerkennung der Regierung und des Volkes konnte nicht ausbleiben. Ein äußeres Zeichen dafür war die Ehre, die der König den Juden erwies, indem er persönlich der Einweihung der Belgrader sephardischen Synagoge beiwohnte. Die serbische Regierung ihrerseits hat ihrer Würdigung der Bürgertugenden der Juden dadurch Ausdruck verliehen, daß sie der Vertretung der Juden Serbiens folgendes Angebot macht: Das von Serbien eroberte neue Gebiet ist trotz seiner Ausdehnung dünn bevölkert. Die Bevölkerung ist nicht imstande, das außerordentlich fruchtbare Land zu bearbeiten, dazu ist sie einerseits zu gering an Zahl, andererseits ist ihr kulturelles Niveau hiezu noch zu gering. Wir

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