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Das jüdische Blatt · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · p. Seite 5

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 Das jüdische Statt. 5 Brief vom Lande. LXXXI. Ja, ja, man erlebt doch noch niedliche Ueberraschungen. Kommt da jüngst ein Brief von meinem Herrn Bruder, dem Herrn Nuntius (Sie erinnern sich doch), er habe seinem Vorstande so viel wunderbares von meiner gemeindepolitischen Weisheit iin allgemeinen und im besonderen, sowie von der großartigen Idylle unserer Gemeinde erzählt, daß derselbe sich entschlossen habe, ihn auf seinem üblichen Cholhamoädbesuche zu uns zu begleiten; „denn solch eine seltene Größe (lies: Wundertier) müsse man doch kennen lernen". Na, geliebter Herr, merken Sie was? Also ich warf mich stolz in die Brust und wandelte wie im Traume. Anders meine liebe Frau, die zappelte ein bißchen, ob wohl unser bescheidenes Haus und unser noch bescheidenerer Tisch würdig wäre zum Empfang eines solch erlauchten Gastes. „Na, was das anbetrifft," sagte ich, Du wirst sehen, es ist leichter, den Vorstand zu befriedigen, als den Nuntius." Und so war's auch. Es war ein ganz gemütlicher Nachmittag. Nachdem frugal getäfelt war, kamen wir so allmählich auf Gemeindeangelegenheiten zu sprechen. Ich mit meinem Talent zum Schweigen hörte zu und nur manches Mal nickte und schüttelte ich das weife Haupt. Es ist halt doch ein Unterschied. In dem großen Mokem ist es doch so ein bißchen zusammengewürfelt. Der eine ist von Dingsda, der andere von Jensda zugezogen und dies will sich nicht recht ineinander fügen. Es ist wirklich kein Vergnügen, dort Vorstand zu sein. Ich kann Ihnen sagen, so sagt der Herr Collega, ich bin der reinste Flickschneider. Bis man da all die Risse so notdürftig verkleistert, kann man alt und grau werden. Und nichts geht zusammen. Und dazu kommen die verflixten sozialen Unterschiede. Das klappt nicht. Der Kaufmann verkehrt nicht mit dem Handelsmanne, der staatliche Beamte nicht mit beiden und selbst in die Synagoge hinein werden diese Unterschiede getragen; von Gesellschaftlichem will ich schon lieber gar nicht reden. Mies ist's. Na, fragte ich, und die Damen? Wirklich, Sie haben recht, sagte er, da gibt's einen Einigungspunkt, das ist die Nachbarschaft in der Synagoge; das Unterhaltungsbedürfnis überwindet jede Kluft. Sehen Sie wohl, sagte ich, loul connne cliez nous, oder ganz Aschkenas ist eine Medine, oder des Weibes Zartsinn siegt allezeit. Allwomit sich herzlich freut Ihr R o s ch H a k o h o l. Derrtschland. Der Verband der Deutschen Juden. Hamburg. Aus Anlaß der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden, an der sich eine große Zahl von Delegierten und Rabbinern beteiligte, veranstaltete die Gabriel Rießer-Vereinigung einen Fest-Abend im Curio-Haus; Prediger Dr. Leimdörfer hielt einen Vortrag über „Die Erziehung zur Einheit"; der Verein für jüdische Volkskunde veranstaltete zu Ehren der Delegierten eine Festsitzung. In der heutigen Hauptversammlung begrüßte Justizrat Dr. Horwitz, der den Vorsitz führte, die zahlreich erschienen Delegierten, insbesondere auch den Vertreter der Hamburger staatlichen Behörde, Senator v. Melle, und die Vertretung der Bürgerschaft. In einer kurzen Ansprache hob alsdann Senator v. Melle die Bedeutung der Juden in der Entwicklungsgeschichte von Hamburg hervor. Der Vorsitzende erstattete den Geschäftsbericht über das abgelaufene Jahr. (April 1912 — April 1913.) 216 Gemeinden leisteten jährliche Beiträge. Außerdem 14 Verbände, 4 Vereine, 2 Stiftungen, 2 Einzelpersonen. Rege Tätigkeit hat der Verband entwickelt in bezug auf das Schächtwesen, die Sonntagsgesetz- und in einigen weiteren preußischen Angelegenheiten. Bh JnlK gebung (es wurde nicht erwähnt, daß der Verband in diesen Fragen mit anderen Verbänden zusammengearbeitet hat, die mindestens ebensoviel geleistet haben. Red.), die Stellung der Juden im Heere und in einigen weiteren preußischen Angelegenheiten. Dr, Goldschmidt erörterte an der Hand von zahlreichen Zitaten aus Bibel und Talmud die Bedeutung der sozialen Fürsorge in der jüdischen Religion und wies insbesondere auf die Sabbatgesetze, auf die Fremdengesetzgebung und die humane Behandlung der Sklaven im Judentum hin im Gegensatz zu dem Verfahren der übrigen Völker. Bei der Rede herrschte leider große Unruhe und Unaufmerksamkeit. Im Anschluß daran behandelte Abg. Dr. Haas aus Karlsruhe das Thema: „Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands". Dem interessanten, äußerst lebhaft gehaltenen Vortrag wurde mehrfach starker Beifall gezollt. Der Redner warf zunächst einen historischen Rückblick auf die Befreiungsbewegung der Juden. Dann berührte er die Betätigung der Juden im öffentlichen Leben, die keine jüdische sei, sondern die Juden stünden im öffentlichen Leben als Deutsche und als Menschen. Gegenüber dem weitverbreiteten Vorurteil der Gegner von dem „einheitlichen" zersetzenden Einfluß der Juden hebt der Redner die Grundverschiedenheit der Anschauungen der Juden hervor, die sich nach den verschiedensten Seiten und nicht nur nach einem Gesichtspunkt betätigt haben. Er verwies auf die hervorragenden Verdienste Gabriel Rießers, auf die Bedeutung Laskers und Bambergers und Sonnemanns im politischen Leben. Dann behandelte der Redner die Lage der Juden in der Gegenwart. Die Gleichberechtigung der Juden sei zwar verfassungsmäßig garantiert, in Wirklichkeit werde sie aber nicht durchgeführt. Man brauche nur auf die Verhältnisse in der Armee und in der Beamtenschaft hinzuweisen. „Nicht als Juden, sondern als Deutsche führen wir den Kampf um die Gleichberechtigung." Ganz besonders schlimm ist der Zustand, daß der deutsche Jude sein Recht erhält, wenn er seinen Glauben wechselt. Wenn irgendwo konfessionelle Unterschiede gemacht werden, dann ist es Sünde gegen das Gesetz, wenn aber der Jude, der seinen Glauben gewechselt hat, vor den Aufrechten bevorzugt wird, dann ist dies noch schlimmer. Das ist Sünde gegen die Moral. Der deutsche Jude muß nach Gesetz und Recht behandelt werden, aber wer ohne Ueberzeugung seinen Glauben gewechselt hat, eignet sich nicht zum deutscheu Beamten, der ist nicht mehr intakt. Wir fordern bedingungslos Gleichberechtigung der deutschen Juden. Viele von uns sind eingeborener in unserm Lande als die, welche ihr Deutschtum gegen uns ausspielen. Die Grundlage unserer nationalen Größe ist die wirtschaftliche Größe, auf diesem Gebiete haben wir dein Vaterland gegenüber unsere Pflicht erfüllt. Man macht den Juden den Vorwurf, daß sie sich meist in den Reihen des Liberalismus befinden. Das ist nicht eine Folge jüdischer Eigenart - die eigene Geschichte der Juden beweist ihren konservativen Geist —, sondern es ist eine Konsequenz der Gesinnung der konservativen Partei." Der Redner hebt das weitgehende soziale Verständnis in jüdischen Kreisen hervor, das starke Gefühl für die Notwendigkeit politischer und religiöser Duldsamkeit. Ueber die Bedeutung der Juden für das Pressewesen führt der Redner aus, daß mit dem Wort „jüdische Presse" viel Mißbrauch getrieben werde. Die deutsche Presse sei mustergültig, sowohl was ihre Wissenschaftlichkeit als auch was ihre Reinheit betrifft. „Mit besonderem Stolze dürfen wir daher auf unsere Arbeit aus

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