Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Dlatt. Nr. 46. Wie steht es nun mit den drei Autoritäten des Herrn Pranaitis? Aug. Rohling ist von Dr. Josef Bloch in 1883 ff. und von mir 1892 ff. mit starken Worten des Meineids und grober Fälschungen beschuldigt worden und hat geschwiegen (s. „Das Blut", 8. Aufl., S. 109 ff.). — Jakob Ecker hat das Buch „Der Judenspiegel im Lichte der Wahrheit" 1884 nicht selbst verfaßt, sondern, wie ich schon 1893 öffentlich erklärte, das Material von Aron Brimann erhalten. — Dr. Justus (Pseudonym für Aron Br.) hat im Jahre 1885 in der Broschüre „Die Kabbala" (Innsbruck) S. 44 über die Bosheit und schmähliche Unwissenheit Rohlings, der ihm blindlings geglaubt hatte, gehöhnt! (S. „Das Blut" S. 115.) Dieser Spott Brimanns trifft natürlich auch die, welche Rohling ausgeschrieben haben, also auch Herrn Pranaitis. Dazu kommt noch folgendes: Das von Rohling hauptsächlich zitierte Buch ist der Sohar, ein im 13. Jahrhundert vollendeter kabbalistischer Kommentar zum Pentateuch. Die jüdische Kabbala hat den Humanisten, besonders des 15. Jahrhunderts, als Produkt der höchsten Weisheit, und zwar einer dem Christentum sehr nahestehenden Weisheit, gegolten. Diese Geistesfürsten benutzten Handschriften und unzensierte Drucke und verstanden, was sie lasen. Ich nenne Giovanni Pico Fürsten von Mirandola (st. 1494) und Johannes Reuchlin („De arte cabbaüstia“ 1517). Der fromme evangelische Christ Christian Knorr von Rosenroth (st. 1689) Hut den Sohar 1684 in Sulzbach drucken lassen und unter dem Titel „Kabbala denudata“ einen zweibändigen Kommentar dazu verfaßt. Fleißige Benutzung der Kabbala zeigt sich auch in dem Werke des frommen (römischen) Katholiken Franz Josef Molitor. Und sogar im Interesse der Judenmission ist der Sohar benutzt worden, so von G. Chr. Sommer 1734, Aug. Tholuck 1824, J.H.R. Biesenthal 1876. 0. Pranaitis als Gutachter. 1. Nicht ein einziges seiner Zitate aus der jüdischen Literatur stammt aus selbständiger zusammenhängender Lektüre der Originale. Die meist ungenannten Quellen seiner „Weisheit" sind Rohling (besonders „Polemik und Menschenopfer des Rabbinismus" 1883), Ecker-Brimann, Buxtorf, Eisenmenger und an einigen Stellen Wagenseil und Edzard. Gar manche Zitate sind durch ihre Fehlerhaftigkeit als Plagiat zu erkennen; so wird die italienische Zeitung „Fanfulla", die Rohling als „Judenblatt" bezeichnet, zu einer „hebräischen Zeitung". 2. Pranaitis weiß nicht, daß das Wort Akum weder in den Handschriften noch in den ersten Drucken des Talmuds, des Schulchan Aruch und anderer jüdischer Schriften vorkommt, sondern lediglich ein Produkt der christlichen Zensur ist; eine bis vor kurzem sogar vielen Rabbinern unbekannte Tatsache. 3. Pranaitis weiß nicht (wie auch Rohling es nicht gewußt hat), daß uni lia-arez im jüdischen Schrifttum den nicht gelehrten (gesetzeskundigen) Juden bezeichnet, vgl. schon Evang. Joh. 7,49, und deutet daher die gegen diese gerichteten Worte als Beweise von jüdischer Mordgier gegenüber Christen! 4. Pranaitis führt eine Reihe angeblicher Geschichtsbeweise für das Vorkommen jüdischer Ritualmorde an, ohne zu wissen oder zu sagen, daß diese „Beweise" fast sämtlich schon in „Das Blut", Kap. 18 (das Buch ist 1911 auch in russischer Uebersetzung erschienen) widerlegt sind. 5. Pranaitis verkennt die Zahl und die hohe Bedeutung der teils ausdrücklich, teils indirekt gegen die Blutbeschuldigung gerichteten päpstlichen Bullen; s. „Das Blut" S. 177—184. Dort A tiber Jnnoncenz IV. und Ganganelli Auskunft gegeben, ^ord Rothschild in London hatte nicht nötig, deswegen nach Rom zu schretben. 6. Pranaitis weiß nicht oder er verschweigt böswillig, daß die Schriften Rohlings und der „Judenspiegel" oft und gründlich widerlegt sind; vgl. außer meinen Schriften namentlich Franz Delitzsch, Josef Bloch, David Hofsmann. 7. Zweimal zitiert Pranaitis den „Gelehrten Meyer". Das ist der wegen Verleumdung, Majestätsbeleidigung usw. wiederholt schwer bestrafte Paulus Meyer, s. „Das Blut" S. 160 f. 8. Noch weniger Glück hat Pranaitis mit der Autorität Neofit, dessen ebenso von Unwissenheit zeugendes wie verleumderisches Buch sogar in russischer Uebersetzung den Akten gegen Beilis beigefügt ist. (Wer für diese Maßnahme verantwortlich, entzieht sich meiner Kenntnis.) Das Wort Neofit ist gar kein Name, sondern bezeichnet den anonymen Verfasser als (durch die Taufe) „Neugeborenen", d. h. als Proselyten. Das Buch erschien zuerst 1803 in Jassy in moldauischer Sprache (aus dieser Tatsache hat Rohling den „Exrabbi Moldowo" entstehen lassen), dann 1834 in griechischer Uebersetzung. Ich besitze diese (aus welcher auch die oben erwähnte russische Uebersetzung gemacht ist), habe auch den zweiten moldauischen Druck und eine französische Uebersetzung (Paris 1889) vor mir, und ich kann auch sonst noch beweisen, daß dieses jämmerliche Machwerk nicht „so gut wie völlig seitens der Juden vernichtet ist". Pranaitis hat' für sein Gutachten nicht die ihm gegebene „Belohnung" (wosnagrashdenie, „Honorar"), auch keine Bezahlung verdient, sondern Strafe, weil er durch sein Gutachten den Untersuchungsrichter, das Gericht und die gesamte Kulturwelt tatsächlich verhöhnt hat. Da noch immer, und zwar gerade wieder gelegentlich des Kiewer Prozesses, von jüdischen Geheimschriften und Geheimsekten geredet und geschrieben wird, wiederhole ich hier, was ich schon mehrfach feierlich erklärt habe: Es gibt keine jüdischen Geheimschriften und Geheimfekten. Innerhalb des gesamten Judentums gibt es weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Weder suchen die Juden vor den Christen etwas zu verbergen, noch können sie vor ihnen etwas verbergen. Berlin-Lichterfelde, 1. November 1913. l). H e r m a n n L. Strack. Ein russischer früherer Premierminister (Gras Witte) über den kiewer Prozeß von einem Korrespondenten des „Berl. Tageblatts" befragt, hat darauf folgende bemerkenswerte Antwort gegeben: „Ich zweifle nicht, daß Sie mein Verhältnis zum empörenden Prozeß Justinskys kennen. Sie wollen meine Meinung über zwei Fragen wissen: 1. Welche konkreten Absichten sind mit diesem Prozeß verknüpft und wer sind seine Urheber? Diese Absichten bildeten einen Teil der Politik des unglückseligen Stolypin: Das Volksbewußtsein von der von ihm verletzten Verfassung und dem nicht durchgeführten Manifest vom 17. Oktober abzulenken — mittels eines von Stolypin erfundenen „Neonationalismus", der allen Söhnen des russischen Reichs nicht orthodoxer Konfession, besonders den Juden, die Menschenrechte raubt. Die Urheber des Prozesses Justinsky sind kleine Leute und frühere Mitarbeiter Stolypins. 2. Glauben Sie, daß Kokowzow diesen Prozeß hätte abwenden können, daß es ihm aber an Mut und Entschlossenheit mangelte? Ich glaube, daß er sich in eine solche Lage gebracht hat, daß er nichts abwenden kann — er kann aber jederzeit gehen, wenn er will."