Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Das jüdischr Klatt. 7 r 5.v:;.. 7 ■ :; v- . -. ' -•••*• , ' :■:* - -:;' i**': : ,.\b '- Aufklärungen nötig geworden. Bekanntlich hat die Oberschull behörde den jüdischen Oberlehrern zwei Stunden an Iomkippur! freigegeben. Sonst wurde keinem Urlaubsgesuch stattgegeben, nur konnten sich diejenigen Herren, die Rosch Haschono und Iomkippur frei sein wollten, durch Stundentausch frei machen, soweit dies möglich war. Selbstverständlich war es kaum möglich, sich am Rosch Haschono vier Stunden frei zu machen, denn man war auf die Zuvorkommenheit der Kollegen angewiesen. Am Jomkippur haben sogar an manchen Anstalten jüdische Oberlehrer Unterricht erteilt. Zur Regelung dieser Frage werden die drei Konsistorien nochmals beim Oberschulrat vorstellig werden, damit die jüdischen Oberlehrer an den Hauptseiertagen auf ihren Wunsch ganz vom Unterricht befreit werden können. Hoffentlich wird der Erfolg nicht ausbleiben, und bis nächstes Jahr die Frage zugunsten der jüdischen Oberlehrer geregelt werden, kl. L. Slraßburg. Wie wir erfahren, ist in B r e st Herr Gaston U r y, Sohn des Herrn Oberrabbiners von Straßburg, nach kurzer Krankheit gestorben. Die Beerdigung findet Donnerstag in Straßburg statt. Wir sprechen dem verehrten Herrn Oberrabbiner unser herzliches Beileid aus. Slraßburg. Herr Dr. Bloch von hier hat nach seinem Probejahr am Gymnasium in Zabern bis zu seiner Einberufung in den Staatsdienst eine Oberlehrerstelle an der Israelitischen Höheren Mädchenschule in Hamburg angenommen. Slraßburg. Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. In einer am Samstag abend abgehaltenen, gut besuchten Versammlung sprach Dr. Geiger- Frankfurt a. M. über „Unsere Kämpfe und unsere Pflichten". Der Redner behandelte den Kampf gegen den Antisemitismus, der deshalb schwierig sei, weil die Gegner unwahrhaftig seien. Im Elsaß seien zwar die Juden besser dran als in anderen Bundesanrühren darf: die Beschimpfung des jüdischen Heiligtums, des Alten Testaments ist zugleich die Beschimpfung des christlichen Heiligtums, des Neuen Testaments, denn beide Testamente sind von ejnem Gott. Das Christentum ist die Erfüllung des Judentums . Was hier prophezeit wird, geht dort in Erfüllung. Die Beschimpfung Israels ist die Beschimpfung des Leibes Christi, denn der Leib Christi ist Israel. Das Heil kommt von den Juden. Wir sind in Christo alle „beschnitten", wir sind alle Juden in Christo. Ein göttlicher Wille hat uns an sie gebunden, und kein Menschenwille kann uns von ihnen lösen. Die Lossagung vom Judentum ist eine Lossagung vom Christentum. Wenn der Gott Israels ein menschenmordender Gott, ein Teufel ist (was doch dienotwendige Folgerung aus der Blutbeschuldigung ist), — wer ist denn Christus, der Sohn Gottes? Um den Ritualmord als eine juridische Anklage zu widerlegen, bedarf man nicht des religiösen Bewußtseins: dazu genügt gewöhnliches Wissen, gewöhnliches moralisches Gefühl. Diese Anklage ist aber ihrem Wesen nach nicht nur juridisch, sie ist auch religiös. Also muß auch die Rechtfertigung eine religiöse sein. Wo ist aber heute in Rußland die Stimme, die eine solche Rechtfertigung aussprechen könnte? Jedenfalls ist es nicht die Stimme der Kirche. In diesem Falle empfinden wir besonders deutlich die Wehrlosigkeit und Ohnmacht unseres religiösen Gewissens und die Notwendigkeit seiner Wiedergeburt, seiner Erhebung. Der Prozeß hat natürlich nicht jene „universelle" Bedeutung, die „sie" ihm beimessen: für die „Welt" ist die Frage des Ritualmordes längst gelöst. Für Rußland ist aber das, was sich heute in Kiew abspielt, eine Erniedrigung, eine Niederlage vor der ganzen Welt. Man denke sich nur folgenden Fall (wenn auch nur als einen möglichen Fall): die wahren Mörder sind Leute vom staaten, doch habe man auch hier unter dem gesellschaftlichen Anti-! semitismus zu leiden. Der Redner wandte sich gegen den deutschnationalen Handlungsgehilfenverband und sprach von Mißbrauch des geistigen Kapitals der Juden, der Jahrzehnte währe und den Juden die Tätigkeit, nicht aber die Ehrungen und das Gehalt höherer Stellungen zukommen lasse. Zum Schluß sprach sich Dr. Geiger gegen die Taufe aus als einer Stärkung des Antisemitismus und einer Entwürdigung des religiösen Empfindens und forderte zu einer Stärkung der Organisation auf. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt B e r n h e i m, berührte die Vorgänge in Kiew, die an dre dunkle Zeit des Mittelalters gemahnen und durch die das Ansehen der Juden in Rußland durch Vernichtung der Gerechtigkeit künstlich geschädigt werden solle. Für jeden billig denkenden Menschen liegen die Vorgänge dort so klar, daß es sich erübrige, eine Protestversammlung abzuhalten. In der anschließenden Diskussion sprach Lehrer M e tz g e r für die jüdische Volksschule und die Herren Braunschweig und E p st e i n wiesen auf die kommenden Kaufmannsgerichtswahlen hin, in denen sich der Verein nicht für eine, doch gegen die antisemitische Liste aussprechen will. Arlolsheim. Als heute Abend der Metzger Biehler einen jungen Ochsen schlachten wollte, riß dieser nach dem ersten Streich los, brach wütend durch die Schlachthauswand, riß den Gartenzaun zusammen, warf den Sohn des Metzgers über den Haufen, und war nur mit Hilfe hinzueilender Leute wieder einzufangen. Beinahe wäre es ihm gelungen, ein zweitesmal auszubrechen. Den Schächtgegnern zur Beachtung. Barr. Es sind jetzt genau 50 Jahre, seitdem der erste Israelit (Leon Bloch aus Zellweiler) sich in hiesiger Stadt niederließ. Dieser Umstand bot unserem verehrten Gemeindepräsidenten, Herrn Beigeordneten E l i e Weil, Veranlassung, den Ge- Verband der echten Russen und sie haben gestanden, daß sie den Mord verübt haben, um die Schuld auf das ganze jüdische Volk zu wälzen; und wenn Rußland dieser Verleumdung Glauben schenkt, nimmt es auch die Mitschuld an diesem Verbrechen auf sich: „Sein Blut kommt über uns und über unsere Kinder!" Der Apostel Paulus wollte für seine Brüder im Fleische, d. h. die Juden, „verbannet sein von Christo". Und wir wollen von Christo verbannt sein aus Haß gegen unsere Brüder im Geiste, d. h. die gleichen Juden. Wehe uns, wenn unser Wunsch in Erfüllung geht! Nicht umsonst haben die Juden in unserer revolutionären Bewegung eine solche Rolle gespielt; auch unsere Zukunft wird wohl von der Zukunft der Juden abhängen. Die Lösung beider Fragen — der Iudenfrage und der Frage von unserer politischen Befreiung — liegt in Rußland in der gleichen religiösen Ebene. Solange Rußland seine Sünde an den Juden noch nicht abgebüßt, noch nicht gut gemacht hat, wird es keine Verzeihung, keine Freiheit erlangen können. Ein Mensch hat seinen Bruder ermordet und die Leiche im Keller versteckt. Als er aber sah, daß die Leiche sein Haus verpestete, begann er sein Opfer zu hassen. Es scheint ihm immer, daß der Ermordete noch nicht ganz tot sei, daß er sich noch rührt. Es ist aber gar nicht der Ermordete, es ist das Gewissen des Mörders, das sich rührt und das sich nicht gänzlich totmachen läßt. Es ist jetzt nicht geheuer in Rußland, wo die Leiche versteckt ist. Der Haß der Russen gegen die Juden ist der Haß der Henker gegen ihr Opfer; die Furcht der Russen vor den Juden ist die Furcht des Mörders vor der Leiche seines Opfers. „Kain, Kain, wo ist dein Bruder?" Wann werden wir endlich diesen Ruf vernehmen?