Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Nr. 45 Das jüdische Matt. Spanien. Dem Orientalisten und Dozenten an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Dr. I a h u d a ist durch königliches Dekret der Auftrag geworden, im Frühjahr eine Reihe von 12 Vorträgen über „jüdische Zivilisation in Spanien" und „die gegenwärtige Lage der spanischen Juden („Spaniolen") in Marokko und im Orient" und im Anschluß daran einen seminaristischen Übungskursus abzuhalten. Das Bedeutsame dieser Einrichtung, die von den zuständigen amtlichen Stellen mit außerordentlichem, durch den persönlichen Wunsch des Monarchen angeeifertem Interesse betrieben und in politischen und Gelehrtenkreisen mit lebhafter Sympathie begrüßt wurde, ist vor allem in der Tatsache zu suchen, daß damit der erste Schritt getan ist zur Verwirklichung des in der letzten Zeit in den Kreisen der spanischen Intelligenz vielerörterten Gedankens einer Ueberbrückung des seit vier Jahrhunderten klaffenden Abgrunds zwischen dem Judentum und der Nation, in deren Mitte es die Blütenperiode seiner nachpalästinensischen Kultur erlebte. Gerade deshalb ist ja die jüdische Zivilisation in Spanien ein ungemein reiches und fesselndes Thema, das durch die Vermittlung der treu erhaltenen Sprache zwanglos zu den heutigen Spaniolen in Marokko und im Orient hinüberführt. Es ist eine eigentümliche Fügung des Schicksals, daß die einst vor der spanischen Verfolgung nach Marokko geflüchteten Juden heute unter der eingeborenen Bevölkerung wie Vorposten des Vaterlands der Vorfahren wirken und von Spanien in der Tat als solche in Anspruch genommen werden. An sie hat man bei Dr. Jahudas Berufung, der, nebenbei bemerkt, selbst spaniolischer Abstammung ist, in erster Linie gedacht, wie denn auch geeignete junge Leute aus der marokkanischen Judenschaft zu den Kursen herangezogen werden sollen. Doch eine Gewähr dafür, Der Kiewer Minakmordprozeß.*) Wer ist der Mörder? Von Dmilrij TNereschkowskij (Petersburg). Deutsch von Alexander Eliasberg. . Der russische Dichter Mereschkowskij sendet uns den folgenden Protest gegen den Kiewer Iustizskandal zur Veröffentlichung. Er bittet darauf hinzuweisen, daß die russische intelligente Gesellschaft gar keine Möglichkeit hat, sich irgendwie zu diesem Thema zu äußern: die Presse ist mundtot gemacht worden, Zeitungen werden wegen der harmlosesten Glossen zum Kiewer Prozeß konfisziert und gegen die Redakteure wird Anklage erhoben auf Grund von Gesetzesparagraphen, die mit Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien drohen. Nun ist Rußland wieder in zwei feindliche Lager getrennt: „wir" und „sie". Für s i e wie für uns ist am Himmel ein flammendes Zeichen erschienen, doch sind die Deutungen verschieden und einander entgegengesetzt: für sie ist der kleine Märtyrer Andrjuscha Justinsky das unschuldige Opfer — das ganze christliche Rußland, die ganze christliche Welt, die von den Juden gepeinigt und gekreuzigt wird, das sanfte Lamm, stumm in den Händen seiner Henker; der Peiniger Beilis, der mit dem Messer in der Hand das Kind ausbluten läßt — ist der verdammte Jude, der Ewige Jude, derselbe, der vor Pilatus gefchrien hat: „Kreuzige ihn! Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!", kurz, das ganze jüdische Volk. Darum hat der Prozeß auch für dieses eine große Bedeutung: *) Aus der „Frankfurter Zeitung". daß die Bedeutung der zugleich als Vorstufe zur Schaffung eines Ordinariats an der Madrider Universität aufzufassenden Institution weit über solche gelegentliche Absicht hinausreicht, wird schon dadurch geboten, daß die in ihllen enthaltene allgemeine Idee ja durchaus auf der Linie des fortschrittlichen Spanien liegt, das sich abseits von allem politischen Betrieb mehr und mehr durchsetzt. m Korrespondenzen. ii MM - Elsa st-Lot1lri,raeir. - Straßburg. Das KomiteederFreundedesDeutsch- Jsraelitischen Gemeindebundes, das alle Gegner der jüdischen Volksschule sammeln möchte, bemüht sich jetzt schon, die Mandate der Gemeinden für den demnächstigen Gemeindetag seinen Anhängern zu verschaffen, wohl um die Stellung des Gemeindebunds gegen die etwaige Errichtung jüdischer Volksschulen, besonders in größeren Städten, zu stärken. In einem unter dem 19. September 1913 verschickten Rundschreiben wird angeregt, lokale Organisationen dieses Komitees zu bilden, um in dieser Schulfrage, die vielmehr eine Frage gegen die jüdische Schule ist, die Gemeinden aufzuklären. In diesem Flugblatt wird auch die Liste der Mitglieder dieses gegen die jüdische Volksschule arbeitenden Komitees mitgeteilt. Unter den 18 Rabbinern, die diese Kundgebung unterzeichnet haben, sind zu finden aus dem Elsaß: Ginsburger - Gebweiler und K o ch - Weißenburg. Slraßburg. Zu der in einer früheren Nummer gebrachten Notiz über die Beurlaubung der jüdischen Oberlehrer sind einige die ganze Welt wartet auf die Verurteilung des Verruchten, auf die Freisprechung des Lammes. Diese Erwartung ist vergeblich, denn das Gericht hat schon in der Anklageschrift den Ritualmord anerkannt und folglich sein Urteil noch vor der Verhandlung gefällt. Es ist ja ganz gleich, ob der Jude Beilis der Mörder ist oder nicht: ist er nicht der Mörder — um so schlimmer für euch, Juden; folglich seid ihr alle die Mörder des Unschuldigen: sein Blut kommt über euch und eure Kinder! Bischof Sergius von Finnland verteidigt die Juden auf eine höchst doppelsinnige Weise: wer weiß, vielleicht gibt es bei ihnen auch den Ritualmord; es hat aber nichts zu bedeuten, — wenn sie Buße tun, wird ihnen Gott vergeben. Der gelehrte Professor B r o n s o w von der Petersburger Geistlichen Akademie verdächtigt die ganze jüdische Moral („Das Gebot Hillels"): „Was kann von Nazareth Gutes kommen?" Und der Philosoph R o s a - n o w von der „Nowoje Wremja" leitet den Ritualmord schon ganz unzweideutig aus der Beschneidung, der wichtigsten religiösen Institution des Volkes Israel ab. Was ist in der Tat der „Ritualmord"? Doch nichts anderes als ein Menschenopfer. Doch eine Religion, aus der etwas so Ungeheuerliches entstehen könnte (nur könnte!), ist die Religion des Moloch, des menfchenmordenden Gottes, sogar keines Gottes, sondern eines Teufels. Das ist auch so eine Schlußfolgerung von gewaltiger, welterschütternder Bedeutung! „Es gibt Dinge, es gibt Tempel, die man nicht ungestraft stürzen kann!" rufen „sie" pathetisch im „Kiewljanin" aus. Sie haben ja schon selbst alles gestürzt, alles vernichtet, so daß kein Stein mehr auf dem andern übriggeblieben ist, — und da heißt es auf einmal: „Man darf nicht stürzen." Diese Worte werden sich gegen sie selbst richten. Ja, es gibt Heiligtümer, die man nicht