Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Das jüdische Statt 5 Ruhe gab cs bei ihm nicht. Selbst wenn Gemeindeangelegenheiten mit Gemeindevertretern zu besprechen waren, setzte er auch nicht eine Minute länger als nötig das Studium aus und griff nach Erledigung der Sache oft noch im Beisein der Anwesenden wieder zu seiner lieben Gemoro. Seine Bibliothek soll eine der größten Sammlungen von ppp^p sein und einen sehr hohen Wert haben. In seiner Jugend hatte er unter der Verfolgung der Neologen zu leiden. Als er nach dem Ableben seines Vaters die verwaiste Rabbinerstelle in Munkatsch übernahm, wurde er von Neologen beim Ministerium angezeigt, daß ihm das Zeugnis der Absolvierung der vier Klassen der Bürgerschule fehle und er daher zum Oberrabbiner nicht geeignet sei. Das Ministerium versagte ihm daher anfangs die Bestätigung. Nichtsdestoweniger behielt er die Stelle, er überließ eben die amtlichen Zivilangelegenheiten wie Trauungen anderen. Er erlangte jedoch infolge seines Wissens und Wirkens bald ein so großes Ansehen, daß ihm auch das Ministerium die Anerkennung nicht versagte. Unter den Juden Ungarns nahm er eine hervorragende Stelle ein. Er gehörte der orthodoxen Landesrepräsentanz und der aus fünf rabbinischen Mitgliedern bestehenden orthodoxen Zetralkommifsion an. — Außer dem dreibändigen ppy^p ''PPP 'D hat er noch veröffentlicht: ipj» ppp? rrni ^lpn) rni Tib und pp^pp. An der ppb die noch am Tage des Verscheidens, am zweiten Tag Sukkaus, stattfand, nahm ganz Munkatsch und die umliegenden Dörfer teil, soweit die Entfernung dies gestattete. Als man den pp^ aus dem Beth Hamidrasch heraustrug, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte, blieb kein Auge tränenleer. Schon am Donnerstag nach Sukkaus wurde seine pppp unter imposanter Trauerfeierlichkeit errichtet, ppi’jP- England. London. Zum Justizminister (Lord-Oberrichter) ist Sir Rufus Isaacs ernannt worden. Die Amtseinführung des neuernannten Iustizministers erfolgte unter großer Pompentfaltung in Anwesenheit eines überaus zahlreichen, den vornehmsten Kreisen angehörigen Publikums. Sir Rufus Isaacs leistete den Amtseid auf das Alte Testament wie folgt: Ich Sir Rufus Isaacs schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich ehrlich und treu Sr. Majestät dem König Georg >5, seinen Erben und Nachfolgern, den Gesetzen gemäß Gehorsam bewahren werde, so wahr mir Gott helfe! Ich Sir Rufus Isaacs schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich gut und treu unserem Herrscher König Georg 5". im Amt eines Lord-Oberrichters dienen werde, und ich werde Recht tun allen Arten von Leuten nach den Gesetzen und nach den Gebräuchen dieses Reiches ohne Furcht oder Gunst, Leidenschaft oder bösen Willen. So wahr mir Gott helfe! Rußland. Der kiewer Prozeß in der Reichsduma. In der Reichsduma hat am 28. Oktober die Kadettenpartei eine dringliche Interpellation wegen allgemeiner Bedrückung der Presse eingebracht. Der Führer der Kadetten, Miljukow, äußerte in seiner Begründung der Interpellation, die Bedrückung der Presse hätte in diesem Jahr einen Rekord erreicht. Insbesondere sei versucht werden, den Beilis-Prozeß durch Repressivmaßnahmen gegen die Presse der Oeffentlichkeit zu entziehen. Der Präsident bittet, den Prozeß nicht zu berühren. Miljukow erwiderte, die Abgeordneten hätten das Recht, sich über eine ganz Rußland aufregende Frage auszusprechen und bat die Duma, gegeu die geheimen Kräfte Stellung zu nehmen, deren Wirkung Rußland mit Schmach bedecke. Der Präsident verwarnte den Redner abermals. (Beifall rechts und im Zentrum.) Miljukow fuhr fort: Die enge Verbindung zwischen Dieben, Einbrechern und dem Dumaabgeordneten Samyslowsky erregt allgemeines Erstaunen. (Großer Lärm und Widerspruch rechts.) Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung. Dieser schloß, es sei die höchste Zeit, zu erklären, daß seine Partei keine Verantwortung für den Beilis-Prozeß tragen wolle. (Beifall links.) Purischkewitsch (äußerste Rechte) erklärte, die dressierten Stare der Iudenschaft könnten dem ehrlichen Namen Samyslowskys nichts anhaben. (Stürmischer Beifall rechts.) Die Interpellation sei ein verdeckter Versuch, in die Rechte des Gerichtes einzugreifen. Ter erste Arbeitstag der Duma dürfe aber nicht ein Sympathie- Meeting für die Juden darstellen, welche in Kiew Spuren eines Verbrechens zu verwischen suchten, das die Aufmerksamkeit Rußlands und ganz Europas erregt habe. Die Juden hätten alle Mittel zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung angewandt, hätten Bestechungen begangen und sogar zum Gift gegriffen. Der Präsident bittet, Einzelheiten eines schwebenden Verfahrens nicht zu erörtern. Purischkewitsch erklärt, trotz der Versuche, die Rechte zu Ausschreitungen herauszufordern, werde sie den Gerichtsspruch schweigend erwarten. Rußland sei nicht Frankreich. Es werde also nicht gelingen, die Dumatribüne auszunutzen, wie seinerzeit die Deputiertenkammer für Dreyfus ausgenützt worden sei. Eine Duma, die sich in ein Meeting verwandele, müsse aufgelöst werden. Graf v. Benningsen (Oktobrist) erklärte, die Oktobristen würden für die Dringlichkeit stimmen, aber in der Diskussion nicht über den Gegenstand der Interpellation hinausgehen, da sie der Duma keine Ecrichtsbefugnis beimäßen. (Beifall im Zentrum.) Tie Dringlichkeit wurde gegen wenige Stimmen der Rechten und die Interpellation selbst mit 149 Stimmen der Linken und Oktobristen gegen 106 der Rechten und der Nationalisten angenommen. (Franks. Ztg.) Rumänien. Ein Brief König Karols. Als Moses Montefiore 1887 in Rumänien von König Karol, damals noch Fürst, eine Audienz gewährt wurde, hat dieser M. Montefiore das feste Versprechen gegeben, die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien innerhalb kurzer Frist durchzusetzen. Nach England zurückgekehrt dankte Montefiore dem König für sein Entgegenkommen. Darauf antwortete König Karol in folgendem Briefe: „Herr Baronet! Ich erhielt Ihr Schreiben vom 27. August und habe es mit lebhaftem Interesse gelesen. Wie ich schon Gelegenheit hatte, Ihnen mündlich zu erklären, sind die Wünsche, denen Sie im Interesse Ihrer Glaubensgenossen Ausdruck verleihen, bereits fast erfüllt. Die Israeliten sind Gegenstand meiner Sorge, sowie diejenige meiner Regierung, und ich freue mich, daß Sie nach Rumänien kamen, um sich zu überzeugen, daß die religiöse Verfolgung, wegen welcher böswillige Elemente so viel agitieren, in Wahrheit nicht existiert. Wenn es hie und da vorgekommen ist, daß hiesige Juden in ihrer Ruhe gestört wurden, so hat es sich bloß um vereinzelte Fälle gehandelt, für welche meine Regierung keine Verantwortung trifft. Ich werde immer meinen ganzen Einfluß aufwenden, daß die religiöse Freiheit der Juden respektiert werde, und ich werde alle Mühe aufwendcn, um Gesetze ins Leben zu rufen, welche die Juden hinsichtlich ihrer Person und ihres Besitzes ebenso schützen, wie die anderen Rumänen. Genehmigen Sie, Herr Baronet, die Versicherung meiner ganz besonderen Wertschätzung Karl. Controceni, August 1887, Fürstliches Palais." Man weiß ja, wie Rumänien seither sein Versprechen gehalten hat. Wird es heute besser gehen?