Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Klatt. Nr. 45. überzeugt ist, dessen Unschuld jedem Vorurteilslosen in die Augen springt, protestiert mit Entrüstung im Namen der Zivilisation und Gewissensfreiheit gegen den Kiewer Prozeß und die Verkürzung der Verteidigungsrechte im Laufe des Prozesses sowie gegen die Beschuldigung, die bei diesem Prozeß gegen die russischen Juden erhoben wird. Die Versammlung hält es für ihre Pflicht, überall wo dieser Irrtum begangen wird, ihn zu bekämpfen, einen Irrtum, der in der Vergangenheit zahllose Opfer gefordert hat und eine von Vorurteil und von Voreingenommenheit vergiftete Quelle bleibt, von Vorurteilen gegen Unschuldige, die einer Religion angehören, welche dasselbe Anrecht auf die Achtung der zivilisierten Nationen hat wie alle anderen." Auch in Z ü r i ch und London haben Protestversammlungen stattgefunden. In B e r l i n war eine Versammlung vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf 3. Oktober abends einberufen. Sie war sehr zahlreich besucht. Dr. Werner- München hielt eine mit vielem Beifall aufgenommene Rede über „Talmud und Schulchan Aru ch". In einem Schlußwort erklärte der Vorsitzende Justizrat Dr. M. Horwitz, er halte Protestversammlungen für schädlich. Dadurch würde Beilis geschadet. Man sollte sich hüten, in ein schwebendes Prozeßverfahren einzugreifen. Böswillige und niederträchtige Menschen seien eben nicht zu belehren. In dieser Woche hat auch in Breslau eine Protestversammlung stattgefunden. -^- Brief vom Lande. I.XXX. Noch immer zehre ich an meinen Jomtof-Erinnerungen und da wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht wissen, wie eine Aveiroh oussieht. Nicht? Na, Sie sind wirklich ein naives Mannsbild. Nun, weil Sie es sind, will ich Ihnen mal was erzählen. Es gibt wirklich keine Einheit des Judentums mehr. Denn in einem der umliegenden Nester war der Simchas-Thora-Ball am Mittwoch-, in dem zweiten am Donnerstag- und in dem dritten (die haben den Vogel abgeschossen) gar am Freitag-Abend. Und da ich es zu hören glaube, wie Sie fragen: Ja, muß denn ein Simchas-Thora-Ball sein, na, dann kann ich nur wieder sagen: Sir dreimal naives Mannsbild. Glauben Sie wirklich, man hätte etwas Besseres zu tun an dem Tage, an welchem man dem Allmächtigen für seine Lehre dankt, für die Lehre der Sittlichkeit und Keuschheit, für die Lehre der Heilighaltung von Sabbat und Feiertagen? Haben Sie übrigens schon einmal gehört, daß anständige Christen etwa am Weihnachtsabend oder an Ostern einen Ball veranstalten? Ich in meiner Einfalt meine nur, es ist kein besonders gutes Zeichen wirklicher Bildung, wenn man sich gar nicht mehr anders zu unterhalten weiß, als im Kirmeßton. Und sehen Sie, es reichen wirklich meine zehn Finger nicht aus, um all die Aveiros aufzuzählen, die da geschehen: natürlich muß da auf den nobelsten Tanzkärtchen geschrieben werden, anders tun wirs nicht; haben Sie eine Ahnung, was wir für feine Leute sind. Und unsere Krawatten, pickfein. Daß die Synagoge am Simchas- Thora früh leer war, das ist klar.... Aber eben guckt mir wieder einmal meine liebe Frau über die Schulter, gibt mir einen liebenswürdigen Puff, hebt an und spricht: Na, liebes Männchen, brauchst Dich gar nicht so wichtig zu machen; meinst wohl, weil hier kein Simcha-Thora-Ball war? Na, bist Du schön auf dem Holzwege. Weißt Du, was die aus der unteren Gaß gemacht haben? Ins große Mokem sind sie gefahren, um in den Zirkus zu gehen. Und zu Ehren des Tages sogar zweiter Klasse.Ach ja, beneiden Sie bitte Ihren Rosch Hakohol. Wä m Aus aller Welt. m Jüdisches Institut für technische Erziehung in Palästina. Berlin. Am Sonntag, den 26. Oktober, fand in Berlin unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James Simon eine Sitzung des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina statt. In der Sitzung wurde beschlossen, am 26. April 1914 das Institut zu eröffnen. Bis dahin werden die Bauten fertiggestellt sein, sodaß der Unterricht in den folgenden Klassen beginnen kann: 1. In den fünf untersten Klassen der Mittelschule; 2. in der untersten Klasse der Realschule; 3. in der untersten Klasse der Werkstätten; 4. in der untersten Bauklasse. Auch die erforderlichen Lehrkräfte sind bereits engagiert. Das Kuratorium genehmigte bei einer Vertretung von 16 Stimmen mit allen gegen 3 Stimmen das vorgelegte Programm, das in bezug auf den jüdischen Charakter der Anstalt das Folgende besagt: Im Lehrplan nimmt der hebräische Unterricht gemäß der Entwicklung und der Bedeutung der hebräischen Sprache in Palästina einen breiten Raum ein. Das Hebräische wird so eingehend gelehrt, daß die Schüler im Stande sein werden, die hebräische Literatur im Urtexte zu studieren und sich der Sprache als Ursprungssprache zu bedienen. Auch für die religiöse Unterweisung wird in ausgiebiger Weise gesorgt werden. In bezug auf die Sprachenfrage wurde folgende von Herrn Dr. Nathan vorgeschlagene Resolution angenommen. Resolution. Als Richtlinie in bezug auf die Lösung der überaus schwierigen Sprachenfrage wird beschlossen: 1. Eine offizielle Unterrichtssprache, die für alle Fächer der Institute bleibend obligatorisch ist, wird nicht eingeführt. 2. Beim Hebräischen wird die eingehende Pflege zuteil, entsprechend dem jüdischen Charakter des Technikums. 3. Arabisch und Türkisch wird so intensiv getrieben, daß die Schüler mit der eingesessenen Bevölkerung des Orients und den ottomanischsn Behörden in enge bürgerliche und geschäftliche Beziehungen zu treten vermögen. 4. Die naturwissenschaftlich-technischen Unterrichtsgegenstände werden in deutscher Sprache gelehrt, um den Schülern so den Anschluß durch eine der großen Kultursprachen an die wissenschaftliche Entwicklung der modernen Zeit zu vermitteln. 5. Englisch und Französisch werden in den höheren Klassen in einem Umfange betrieben, der den Schülern es ermöglicht, ihr späteres Fortkommen auch in Gebieten leicht zu finden, in denen Englisch und Französisch die herrschende europäische Sprache ist. Ungarn. Das ungarische Judentum und mit diesem die Judenheit hat in der Person des am zweiten Tag Sukkaus verstorbenen O b e rrabbiners Zwi Hirsch Spira in Munkatsch einen schweren Verlust erlitten. Aus einer Familie von □'OIH stammend, wurde Zwi Hirsch Spira der Nachfolger seines Vaters auf dem Rabbinat in Munkatsch und noch vor der j-pib wurde sein Sohn Chajim Eleasar an seiner Stelle zum Rabbiner gewählt. Der verstorbene Oberrabbiner ist nur 62 Jahre alt geworden. Sein Wissen war staunenerregend. Wer sein großange- ' legtes Sammelwerk *01“! 'D kennt, kann sich annähernd einen Begriff machen nicht nur von der großartigen Meisterschaft, mit der der Verblichene das unermeßliche Gebiet des Talmud und Responfenliteratur beherrschte, sondern auch von dem beispiellosen Fleiße, mit dem er dem Studium der heiligen Lehre ergeben war.