Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052806--0742-9052809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•Jl c. 45 Das jüdische Statt. 3 phantastischer Märchen. Auch andere ähnliche Werke müßten sehr vorsichtig benutzt werden. Es ergibt sich, daß das von Pranaitis ebenfalls zitierte Werk Serafimowitschs die blödsinnige Angabe enthält, das von Juden Christenkindern entzogene Blut sei weiß wie Milch. Das nun folgende Gutachten Professor Kokowzows von der Petersburger Akademie der Wissenschaften, des ersten russischen Hebraisten, stimmt im ganzen mit Troitzki überein. Kokowzow erläutert eingehender einige spezielle Fragen. Der Talmud enthalte in der „Haggada" viele angreifbare Stellen, die abtt praktisch bedeutungslos seien. Dort stehe auch: „Die beste Frau ist eine Hexe". Das habe aber ebenso wenig Bedeutung wie haßerfüllte Ausfälle gegen Andersgläubige. Die „Kabbala" sei ein großartiges theosophisches System, aber ihre Verordnungen seien für die Juden unverbindlich. Auch die Kabbala enthalte nicht den geringsten Hinweis auf Menschenopfer. Den Blutgebrauch verabscheuen alle Juden, auch die Sekten. Der Chassidismus sei eine Reformbewegung gegen den Zeremonialismus. Kokowzow schließt sein Gutachten mit der Erklärung: Wenn ein vollkommen entbluteter Körper eines Kindes gefunden und ein Jude als Täter festgestellt würde, so müßte ich eher annehmen, der Jude wollte die Leiche verzehren und habe sie dazu entblutet, als daß er Blut genießen wollte. Von zwei Torheiten wäre dies die geringere." Vor dem Gutachten Kokowzows bat der Obmann der Geschworenen um Abkürzung der Erörterungen der Sachverständigen, da die Frage des Ritualmordes hinreichend aufgeklärt sei. Rach dem Zusammenbruch des Pranaitisfchen Gutachtens wird dies allgemein in einem Beilis günstigen Sinne gedeutet. Man sieht aber für den Fall der Freisprechung ernste Unruhen voraus. Bestimmt verlautet, die Gendarmerie habe der Regierung auf ihre Anfrage erklärt, ein Teil der hiesigen Truppen sei zur Unterdrückung eines Progroms unzuverlässig. Der Präsident will den Prozeß jetzt beschleunigen. Er hat die Anwälte gebeten, ihre Reden schon jetzt vorzubereiten, dabei aber sich möglichst knapp zu fassen. * * * Die Folgen dieses Prozesses sind noch nicht abzusehen. Trotz allem will man in Kiew nicht recht an die Freisprechung des Beilis glauben. Durch die Verlesung ausführlicher Gutachten für die Berechtigung der Blutanklage, sogar der Akten des früheren russischen Ritualmordprozesses in Saratow, will man offenbar die Geschworenen beeinflussen.. Wie dem auch sei, ob Beilis freigesprochen wird oder nicht> eine ungeheure Progromgefahr wird auf den Juden-Rußlands lasten. Es müßte denn geschehen, daß die Riedertretung der Gerechtigkeit die Gewissen aufrllttelt, nicht nur in Rußland, sondern überall in der gesitteten Menschheit. Protestversamlungen haben zwar stattgefunden, aber diese waren meistens von Juden angeregt und können deshalb die Tragweite nicht haben, die ihre Einberufer ihr beimessen. Das Gewissen der Menschheit spricht heute durch die Presse. In Rußland ist die Presse geknebelt. Aber im übrigen Europa ist die Presse gegen die russische Barbarei auch lendenlahm. Die Presse Europas und Amerikas hätte die Pflicht, die Finger auf die Wunde Europas zu legen, die russische Verwilderung. Aber die Presse hat bis jetzt den richtigen Mut dazu nicht gefunden. Die Regierungen umschmeicheln so wie so das barbarische Rußland. Die Staaten, die an der Spitze der Zivilisation marschieren, England und Frankreich, sind die besten Freunde dieser Barbaren. Die Politik hat den Sinn für Gerechtigkeit und Freiheit, die die Welt früher beherrschte, abgestumpft. Die „Kiewljanin", ein reaktionäres Blatt, hat es offen ausgesprochen, schreibt die Franks. Ztg. in einem dem Kiewer Prozeß gewidmeten Leitartikel, daß weder der Staatsanwalt noch diejenigen, die hinter ihm stehen, an die Schuld des angeklagten Juden glauben, daß sie ihn vielmehr lediglich als ein Versuchsobjekt betrachten, um den Ritualmord zu beweisen. In der Tat hat das ganze Verhalten des Staatsanwalts und teilweise auch des Gerichts gezeigt, daß dieser Prozeß eine große Komödie ist. Man hat alle Bemühungen der Verteidigung, das Geheimnis des Mordes aufzuklären, rücksichtslos unterdrückt. Wo sich die Möglichkeit zeigte, vielleicht die wirkliche Spur zu entdecken, da hat der Staatsanwalt sich schützend vor die Verdächtigen gestellt. Es ist kaum glaublich, daß vor einem Gericht in einem anderen Lande Europas, vor dem so deutliche Spuren der wirklichen Urheber des Mordes aufgedeckt wären, wie jetzt in Kiew, man nicht sofort dazu geschritten wäre, wenigstens die verdächtigen Zeugen in Haft zu nehmen. Ist nicht dieser Prozeß, so schließt der Artikel, ein schmachvolles Schauspiel? Ganz Europa schüttelt in Entsetzen und Staunen den Kopf ob den Kiewer Vorgängen, es protestiert dagegen, daß so dicht an seinen Grenzen noch das grausigste Mittelalter weiterbesteht. Aber das amtliche Rußland kümmert sich nicht darum. Die französische Republik, die Mutter der europäischen Freiheit und Aufklärung, ist seine Bundesgenossin, das humane und demokratische England steht mit ihm in der Entente, Deutschland pflegt die „traditionelle Freundschaft". Was sollte es noch mehr wollen? Und doch gäbe es für Europa nur eine Aufgabe: einen heiligen Bund zu bilden gegen das System der Verderbnis, Knechtung und Ungerechtigkeit, das in dem größten europäischen Staatswesen regiert und unter dem niemand so schwer leidet als Rußland und das russische Volk selbst. Proleslversammlungen gegen den kiewer Prozeß. Genf. Die interkonfessionelle russische Studentenverbindung „Wissen und Leben" hatte gestern Abend ein großes Protestmeeting gegen die Vorgänge in Kiew einberusen, das von mehr als 2000 Personen aller Konfessionen besucht war und einen internationalen Charakter trug. Den Vorsitz führte Nationalrat Willemin. Professor Moriand von der juristischen Fakultät gab an der Hand der Anklageakten einen historischen Überblick über den Prozeß und setzte die Haltlosigkeit der gegen Beilis gerichteten Anklage auseinander. Professor Montet von der theologischen Fakultät beleuchtete die Affäre vom theologischen Standpunkt und zeigte an zahlreichen Zitaten aus wissenschaftlichen Werken, die sich mit dem Ritualmord beschäftigen, daß dieser bei den Juden nicht vorhanden sei: Der Nationalökonom Professor Milhaud entwarf ein Bild der traurigen Lage der russischen Juden, die wie Tiere geknechtet und fast all ihrer bürgerlichen Rechte beraubt sind. Er schloß seine Ausführungen mit einer schneidenden Kritik der politischen Zustände in Rußland und der russischen Reaktion, die allein einen solchen Prozeß, wie er in Kiew geführt werde, habe heraufbeschwören können. Als Mensch, als Genfer Bürger und als Christ endlich protestierte Pastor Frank Thomas gegen die Verfolgungen und Beschuldigungen, deren Opfer die Juden in Rußland sind. Das jüdische Volk hat ein Recht auf unsere Achtung, sagte Thomas, denn einer der größten Juden, Jesus Christus, fei der größte Apostel des Humanitätsgedankens gewesen. Abbü Blanchard, der ebenfalls auf der Rednerliste figurierte, war verhindert und gab in einem an die Versammlung gerichteten Sympathieschreiben zur Kenntnis, daß die Katholiken nicht glauben, daß die jüdische Religion jemals den Ritualmord zugelassen hätte. Am Schluß der Versammlung wurde folgende Resolution zur Verlesung gebracht und einstimmig angenommen: „Die am 28. Oktober in Genf vereinigte Versammlung, welche von der Ungerechtigkeit der gegen Beilis gerichteten Verfolgungen