Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Das jüdische Klatt. Nr. 44. ilnruhigt wurden und hat eine Wanne und einen verpackten Sack gesehen. Auf die Frage, was in dem Sacke sei, habe Tschebriakowa geantwortet: Darin sind gestohlene Gegenstände. Auch erzählte ihm Diakonowa, daß Tschebriakowa und die Diebe, die sich bei ihr Stelldichein gaben, oft den Progrom von 1905 im Munde führten. Damals haben sie soviel jüdisches Eigentum heimgebracht, daß Tschebriakowa mit Seidenstoffen zu Heizen pflegte. D i e Krankheit der Kinder der Tschebriakowa trat ein gerade damals, als der Untersuchungsrichter begann, die Kinder zu befragen. Den Chenia nahm die Mutter Tschebriakowa aus dem Spital, gerade als er lebensgefährlich krank war. Krassowski hat damals den Aerzten Blutschuk und Wigranow befohlen, das Kind Chenia zu bewachen, vielleicht wird er reden, wenn er zu sich kommt. Er kam auch zu sich, als er aber reden wollte, bedeckte die Mutter ihn mit Küssen und schloff ihm den Mund. Als Valentina, das andere Kind, lebensgefährlich erkrankte, ließ es die Mutter allein, als es starb, mar die Mutter fröhlich, so versichert die Diakonowa. Der Brief mit der Unterschrift „ein C h r i st", des Inhalts, Justinski sei von Juden ermordet, hat nach Krassowski der Mörder geschrieben. Denn der Brief traf ein vor der Besichtigung der Leiche und damals kannte das Publikum die Stichwunden noch nicht. Als der Arzt Karfinski zur Besichtigung der Leiche ging, sagte er einem Beamten der Polizei: Ich soll die Leichenbesichtigung vornehmen, und schon ist ein Brief über Zahl und Charakter der Wunden vorhanden. Als Diakonowa das erstemal zum Untersuchungsrichter gerufen wurde, war sie noch mit Tschebriakowa befreundet. Daher bat die Tschebriakowa damals, sie solle nicht sagen, daß sie mit ihr bekannt sei und von den Personen nicht sprechen, die bei ihr verkehren. Sollte man sie zur Antwort drängen, so möge sie es ihr mitteilen, denn lebend wolle sie nicht in die Hände der P o,l i z e i. Durch B r a s u l s Vermittlung fand er an dem Studenten M i ch a l i n einen Gehilfen. Dieser war mit dem Verbrecher K a r a j e w bekannt geworden. Karajew brachten die anderen Verbrecher Vertrauen entgegen. Karajew regte den Verbrecher Sinkajewski, den Bruder des Tschebriak, einen der mutmaßlichen Mörder, an, den Mörder Betisow aus dem Gefängnis zu befreien, einen Berwandten Sin Kajewski's. Dabei hat Karajew hinzugefügt: Als man ihn in der Gendarmerieverwaltung herausgerufen habe, habe er gehört, wie man die drei Namen Sinkajewski, Rudsinski und L a t i s ch e w ausgerufen habe. Bei diesen Worten wurde Sinkajewski sehr unruhig. Auf Karajews Frage, woher die vielen Wenden an der Leiche Justinskis, sagte Sinkajewski: Das hat Rudsinski's findischcr Kopf ausgedacht. Dann hat Sinkajewski oorgeschlagen, in die Gendarmerieoerwaltung einzubrechen, das Protokoll zu rauben und Iwanow, den Gendarmeriebrigadier, umzubringen. Diesem Gespräch wohnte auch Michalin bei. Später hat Sinkajewski Verdacht geschöpft und hat nichts mehr gesagt. Eine neue Tatsache: Der Haarschneider Schwatschko hat, als die Photographien der mutmaßlichen Mörder veröffentlicht wurden, R u ds i n s k i wieder erkannt, mit dem er zusammen im Gefängnis gesessen hat. Dort hat er nachts gehört, wie ein Gefangener sagte: Warum habt ihr ihn so ausgezapft? Darauf hat Rudsinski geantwortet: Hätte er nicht verraten sollen, der Hund. Diese Tatsachen hat Krassowski dem Untersuchungsrichter Maschkewitsch mitgeteilt. Daraufhin wurde er fcstgenommen, wegen Verbrechen im Amte, aber vom Kiewer Gerichte freigesprochen. Weiter konnte er aber die Untersuchung nicht verfolgen. Krassowski hat noch mitgeteilt, auf dem Streifen Kopfkissen, der in Justinski's Tasche gefunden wurde, Spuren von Gummischuhen der Firma Columb gesunden wurden. Bei Beilis Haussuchung hat er vergeblich nach Gummischuhen einer Firma gesucht, doch hat er Schlitze der Firma Prowodnik gefunden. Die ganze Untersuchung hat ihm klar bewiesen, daß Justinski's Mörder in Tschebriakowa's Wohnung zu suchen sind. Im Kreuzverhör sagt Krassowski auf verschiedene Fragen, Lätischew habe im Gefängnis Selbstmord begangen, Sinkajewski habe sich des Diebstahls bezichtigt, um den Verdacht wegen der Ermordung Justinski's von sich abzulenken. Das Stückchen Kifsenüberzug, das nian bei Justinski gefunden habe, sei von der Wäsche der Tschebriakowa. Auch habe die Diakonowa erkannt, daß die Tochter Wassili's, Tschebriak, die Schuhe Justinskis trage, und auf die Frage, woher die Schuhe kämen, habe Wera Tschebriakowa einen Schrei von sich gegeben: Witzle nicht, Du machst mich ja unglücklich. Jnbetreff der Progromproklamationen sagte Krassowski, die Progromflugblätter habe ein Mitglied des „Doppelköpfige» Adlers", ein bekannter, wegen Einbruch verurteilter Dieb, verbreitet. (Wie die Zeitungen melden, suchen Staatsanwalt die Zeugen Polizcioberst Iwanow, Staatsanwalt Loschkariew und Untersuchlingsrichter Tcnenko die Nachforschungen Krassowski's zu widerlegen. Es liegt aber nichts neues vor. Der Vorsitzende verhinderte die volle Aufklärung der Einzelheiten der Voruntersuchung, indem er alle verfänglichen Fragen unter Berufung auf das Amtsgeheimnis der Zeugen abschneidet. Der Verbrecher Karajew, der trotz der Vorladung nicht nach Kiew gesandt wurde, hat seine Aussagen in Sibirien zu Protokoll gegeben. Sinkajewski erzählte ihm den Hergang der Ermordung genau, so wie es K r a s s o w s k i in seiner oben wiedcrgegebenen Vernehmung geschildert hat. Sinkajewski, Rudsinski und Lätischew wurden dabei in der Wohnung der Tschebriakowa von den zwei Schwestern Diakonowas fast überrascht, die nachher der Polizei darüber berichteten. Am selben Tag v e r r e i st e n Sinkajewski und Lätischew nach Moskau, wo sie verhaftet wurden. Der P o l i z e iw a ch t m e i st e r K i r i t s ch e n k o, der Krassowski bei seinen Nachforschungen unterstützte, sagt ausführlich aus und bestätigt alle Angaben Krassowski's. Seine Aussage ist bestimmt und ruhig und macht einen glaubwürdigen Eindruck. Die mutmaßlichen Mörder erscheinen unter Polizeiwache vor den Schranken, da beide wegen begangener Verbrechen, Strafen verbüßen. Sinkajewski gibt zu, daß er mit Karajew über den Mord gesprochen hat, leugnet aber sein Geständnis. M a ch a l i n, dem er gegenübergestellt wird, erkennt er erst auf dreimalige Frage des Vorsitzenden. Uebcr die Reise der drei Spießgesellen nach Moskau gibt er unzureichende Erklärungen. Rudsinski erklärt nichts zu wissen, und will nicht einmal die Tschebriakowa gekannt haben. —•< Man sieht, die Anklage hat großes Interesse daran, diese Verbrecher den lästigen Nachforschungen der Verteidiger zu entziehen.) Aus aller Welt Deutschland. Berlin. Sechs jüdische P r o t e st v e r s a m m l u n g e n in Berlin gegen den Kiewer Ritnalmordproz e sz. Der Neichsverein deutscher Juden hatte für den 20. Oktober zwei Protestoersaminlungen in dem Saal des Tiergarten- Hofes und in die Sophienfäle einberufen. Beide Säle waren lange vor der angesetzten Zeit überfüllt, so daß im letzten Moment noch weitere vier Versammlungen in einem zweiten Saal der Sophienfäle, in dem Motivhaus, der Brauerei Königstadt und dem Restaurant Hütte in der Bachstraße abgehalten wurden, die alle von zusammen über 6000 Personen besucht waren. In den Versammlungen sprachen insgesamt zwölf Redner, die alle gespannte Aufnierksamkcit und lauten Widerhall bei den Zuhörern fanden. Es war eine mächtige Demonstration der Judenschaft Berlins, die ihre Solidarität mit dem Gesamtjudentum in feierlicher Weise bekundete. Am Schlüsse der Hauptversammlung schlug der Vorsitzende, Herr Direktor L i ch t e n st c i n, nachstehende Resolution vor, die einstimmig angenommen wurde: „Die vom Neichsverein deutscher Juden einberufene jüdische Volksversammlung erhebt aus Anlaß des Kiewer Veilisprozesses feierlich Protest gegen die ungeheuerliche Beschuldigung, daß es Juden gäbe, die zu Religiouszwecken Menschenblut verwendeten. Sie brandmarkt es als einen Schandfleck unserer Zeit, daß man es wagen kann, einen solchen wahnwitzigen Verdacht zu erheben gegen ein Volk, das drei Jahr-