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Das jüdische Blatt · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · p. Seite 11

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44. Das jüdische Matt. 11 tausende menschheitlicher Hochkultur durchlebt und die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Solidarität der gesitteten Menschheit fordert die Versamlung die ganze Kulturwelt auf, gemeinsam mit dem jüdischen Volke den Kampf gegen die finstere Barbarei zu führen und ihm zu helfen, die geschändete Menschenwürde und verletzte Volksehre zu verteidigen und zu schützen." England. Briefwechsel zwischen Lord Rothschild und Kardinal-Staatssekretär Rlerry del Bat. Zwischen Lord Rothschild und dem Kardinal-Staatssekretär Merry del Val hat anläßlich des Kiewer Ritüalmordprozesses ein Briefwechsel stattgefunden. Lord Rothschild ersucht in seinem Schreiben, in dem er ausführt, daß gerade zahlreiche Mitglieder des Heiligen Kollegiums das Ritualmordmärchen bekämpft hätten, den Kardinal-Staatssekretär, zwei Dokumente, die sich im päpstlichen Archive befinden sollen und deren Inhalt Lord Rothschild in seinem Schreiben widergibt, auf ihre Echtheit nachzuprüfen. Das eine Dokument ist eine vom Papst Jnnocenz IV. im Jahre 1247 erlassene Enzyklika, das andere ein ausführlicher Bericht des Kardinals Ganganelli, des späteren Papstes Clemens XIV. vom Jahre 1758. In der Enzyklika erklärt Papst Jnnocenz IV. in energischen Worten die gegen die Juden gerichtete Ritualmordbeschuldigung für falsch und die Behauptung, der Ritualmord sei in der jüdischen Lehre enthalten, für u n w a h r. Der Bericht des Kardinals Ganganelli hat einen dem Falle Beilis sehr ähnlichen Prozeß zum Gegenstand, der merkwürdigerweise die geistlichen Behörden von Kiew betraf. In diesem Bericht entscheidet sich der Kardinal gegen die Verfolgung des Falles und gibt gleichzeitig eine Uebersicht über viele andere derartige Fälle. Ganganelli spricht darin seine Meinung dahin aus, daß in keinem dieser Fälle, mit Ausnahme von zwei Fällen, der Beweis für die Schuld der Juden erbracht worden sei. Was die Frage des Ritualmordes bei den Juden im allgemeinen anbelangt, hält der Kardinal die Enzyklika von Jnnocenz I V. und ähnliche Enzykliken anderer Päpste, in denen den Juden Schutz gewährt wird, woraus hervorgehe, daß die Kirche niemals daran geglaubt habe, daß Ritualmorde bei den Juden vorkämen. In seinem Antwortschreiben bestätigt Staatssekretär Merry del Val die Echtheit der beiden Dokumente, von der er sich im päpstlichen Archive, in dem sie ausbewahrt seien, überzeugt habe. Der Brief des Lords Rothschild an den päpstlichen Staatssekretär Merry del Val mit der Bitte, um Aufklärung über das Gutachten des Kardinal Ganganellis in Sachen der Blutlegende ist geschrieben worden, weil der im Kiew-Prozeß als Sachverständiger geladene katholische Priester Pranaitis in seinem schriftlichen Gutachten erklärt, er habe die von Ganganelli als Konsultor des heiligen Tribunals 1758 verfaßte Widerlegung des Blutmärchens nicht in den Nachschlagewerken auffinden können und halte sie nicht für authentisch. Korrespondenzen. Elsaß-Lothringen. Straßburg. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltet am Samstag, den 1. November 1913, abends halb 9 Uhr, im Festsaale des Grand Hotel „Stadt Paris" (Eingang Blauwolkengasse) eine Versammlung mit dem Thema: Unsere Kämpfe und unsere Pflichten. (Referent: Herr Dr. Rudolf Geiger- Frankfurt a. M.) Nach dem Vortrag findet freie Aussprache statt. Slraßburg. Infolge des Todes seines Vaters wird unser Präsident, Herr Edmond Weill, vorläufig leider an der Leitung der Freitagabende verhindert sein und Herr Felix Bloch inzwischen an seine Stelle treten. Beginn jeweils pünktlich 9 Uhr. Slraßburg. Jüdischer Jugendbund. Das diesjährige Winterfest des Straßburger Jüdischen Jugendbundes am 25. Oktober nahm einen glänzenden Verlauf. Nach einem von Frl. Klara Kaufmann vorgetragenen Prolog, der einen feurigen Aufruf an die jüdische Jugend darstellte, hielt Dr. B l o ch, der leitende Arzt des hiesigen israelitischen Krankenhauses, die Festrede. Der Redner wies auf die steigende Bedeutung hin, die der Jugendbewegung überhaupt zukomme und die auch vom Staat anerkannt werde. Der jüdische Iugendbund zähle 113 Vereine und üh^r 15 000 Mitglieder. Er sei der deutschen Zentrale für Jugendfürsorge angeschlossen. Daneben trete die besondere jüdische Jugendpflege, die bestrebt sei, das jüdische Selbstbewußtsein zu heben und jüdische Ethik und Literatur zu vermitteln. Alle religiösen und politischen Anschauungen seien im Bund vereinigt, denn nur Einigkeit macht stark. Zum Schluß seiner trefflichen Ausführungen zeigte der Vortragende das der Unterhaltung und Ausbildung dienende Programm des Vereins auf und wies auf die Absicht hin, auch für die weibliche jüdische Jugend einen Mittelpunkt zu schaffen. — Der künstlerische Teil des Abends war überaus reichhaltig. Frl. Suzanne Ackerm a n n und Richard Born vom Stadttheater trugen meisterhaft Rezitationen von Gedichten aus der jüdischen Sage und Geschichte vor und ein Orchester, bei dem Mitglieder des Jugendbundes mitwirkten, brachte mehrere Stücke prächtig zum Vortrag. Besonderen Beifall erntete auch Konzertsänger L. L o e b, der mit seinem feingebildeten, warmen Tenor mehrere Lieder, darunter eine eigene Komposititon mit Orchesterbegleitung, vortrug. Ein wohlgelungener Ball bildete den Abschluß des schönen Festes, bei dem es an Ueberraschungen nicht fehlte. Die Veranstaltung hat sicherlich dazu beigetragen, dem Bunde neue Freunde zu erwerben. Slraßburg. Joseph Weill. Einen braven, rechtschaffenen Mann, einen treuen und aufrechten Juden haben wir am zweiten Sukkothtage zu Grabe getragen: ein Vorbild echtester Pflichttreue, strengster Rechtschaffenheit und edelster, aufopfernder Nächstenliebe ist aus unserer Mitte entrissen worden. Bestürzung und fassungslosem Staunen begegnend, verbreitete sich am ersten Sukkothtage die Kunde des traurigen Ereignisses unter der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde. Den Jom Kippur noch hatte der wackere Mann, der weder Schwäche noch Ruhe kannte, bis zum Ausgange in der Synagoge verbracht, er rüstete sich, Sukkoth im Kreise der Familie festlich zu begehen, als ihn der Machtspruch des Ewigen jäh und unerwartet aus allen Freuden und Mllhsalen des Erdenlebens hinwegberief. Am Abend noch war er von einer Geschäftsreise, zu der er sich frühmorgens aufgemacht hatte, gesund und fröhlich zurückgekehrt, und noch vor Mitternacht mußte er abermals aufbrechen zu einer Reise, zu der Reise, von der es keine Rückkehr gibt, muhte er sich anschicken, heimzukehren zum ewigen Frieden. Ein Herzschlag setzte dem Leben des 55 jährigen ein viel zu frühes Ende. Ein Menschenleben, reich an Inhalt, reich an Taten und reich an Verdiensten, hat in ihm seinen Abschluß gefunden, ein Leben, erfüllt von Liebe zum Iudentume, erfüllt insbesondere von der Treue an die höchste und vornehmste Satzung unserer Lehre, an das Gebot der hilfreichen, werktätigen Liebe. Aus der Gemeinde Fegersheim aus frommem, gottesfürchtigem Hause stammend, hat er in allen Wechselfällen des Lebens die Tradition seiner Familie hochgehalten: strenge Rechtschaffenheit, gepaart mit selbstloser, aufopfernder Hilfsbereitschaft. Kein Armer hat je vergebens an seine Türe geklsopft, kein Bedrängter je erfolglos seinen Rat und seine Hilfe erbeten. Und die Früchte

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