Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44. Das jüdische Klatt 9 Schmakow: Wie konnten Sie glauben, daß die Tschebriakowa, wenn sie etwas über den Mord weiß, es auch erzählen würde. —- Ans Rache begeht man nicht nur Verbrechen, sondern zeigt auch Verbrechen an. Samislowski: Wie erklärt der Zeuge, daß im Hotelzimmer eine so gemischte Gesellschaft zusammentraf, der Advokat Margolin, der Journalist Braful, der Chef der Geheimpolizei Wigranow, die Tschebriakowa? - - Eine ähnliche Gesellschaft kam ja auch beim Untersuchungsrichter Fenenko zusammen. Fünfzehnte Sitzung. Der Saal ist gefüllt. Man erwartet einen großen Tag. Zunächst wird die Vernehnmng Margolins fortgesetzt. Auf die Frage eines der Ankläger antwortet Margolin, beim Gespräch in Charkow frug ich die Tschebriakowa, woher kommt es, daß an Justinslys Leiche sich viele Stichwunden befinden, worauf sie geantwortet habe, diese stammen von Prichodka, der in seiner Jugend Medizin studiert habe. M a k l a k o w: Weih der Zeuge, daß einige Personen große Summen für die Entdeckung der Mörder ausgesetzt haben? - - Ein gewisser Kulischer hat dem Staatsanwalt mitgeteilt, daß er 2000 Rubel demjenigen bestimme, der den Mörder aufsinde. Aus die Frage, was der Zeuge von der Untersuchung Brasuls hält, antwortet Zeuge: Brasuls Beschuldigung des Mifle hat den Nutzen gehabt, daß Mifle den Vorhang ein wenig lüftete, der die verbrecherische Tätigkeit dieser Frau Tschebriakowa verhüllt. Karabtschewski: Weiß der Zeuge, daß 1911 Gerüchte eines bevorstehenden Progromes in Kiew verbreitet wurden? — Ich glaube nicht, daß heute ein Progrom möglich ist). Damals waren solche Gerüchte verbreitet. Sarudni: Wie hat die Regierung auf die Zeitungsmeldungen eines in 1911 möglicherweise bevorstehenden Progroms reagiert? Diese Frage, die sich mit der Tätigkeit der Regierung beschäftigt, läßt der Vorsitzende nicht zu. Die Gegenüberstellung mit Tschebriakowa. Tschebriakowa stellt sich frech hin und wiederholt nochmals die Geschichte mit den 40 000 Rubel, wenn sie die Schuld auf sich nehme, man habe ihr einen Auslandspaß und den besten Verteidiger in einem etwaigen Prozeß zugesagt. Staatsanwalt: Kennt Tschebriakowa Margolin als die Person von Charkow. Tschebriakowa: Mit Sicherheit kann ich dies nicht sagen. Die damalige Person ist stärker gewesen. Er sah wie eine große Persönlichkeit aus und hat keinem die Hand gereicht. Man hat ihr gesagt, es sei ein Abgeordneter. Margolin: Ich erkläre nochmals kategorisch, daß ich mit ihr wegen Geld nicht geredet habe und nicht reden konnte, denn sie sagte, der einzige Zweck ihrer Reise nach Charkow sei die Rache an Mifle. Von Geld hat sie kein Wort gesprochen. Ich erkläre weiter, ich bin dort gewesen in einem Arbeitskleide, die Hand habe ich tatsächlich niemandem gereicht, aber nicht, weil ich den Eindruck einer hohen Persönlichkeit machen wollte, sondern weil, wenn ich anderen die Hand gegeben hätte, hätte ich sie auch Tschebriakowa geben müssen. Und dies wollte ich nicht. Weiter sagt Margolin, nach der Rückkehr nach hier habe Brasul ihm mitgeteilt, während der Fahrt habe er bei Tschebriakowa ein Fläschchen Ziankali bemerkt, das habe sie in Bereitschaft gehabt für den Fall, daß man in Charkow Gewalt gegen sie angewandt hätte. Tschebriakowa erwidert, sie habe nur Puder und Glyzerin gehabt. Braßil habe es ihr genommen und aus dem CoupOfenster geworfen, damit man in Kiew nicht erkenne, wo sie gewesen seien. Margolin erklärte noch, daß er sehr bedauere, daß ihm als I dem früheren Verteidiger des Beilis, nicht erlaubt fei, viele Tat- | fachen zu veröffentlichen, die er in Erfahrung gebracht habe und! die große Bedeutung für den Prozeß haben. Vierzehnter Verhandlungskrrg gegen krassowski und die Tschebriakowa. Das Ereignis des Tages ist die Vernehmung des Exdetektivs Krassowski. Seine Schilderung dauert 5 Stunden. Die Ankläger suchen vergeblich durch den Nachweis von Jrrtümern und Widersprüchen den starken Eindruck seiner Erklärungen abzuschwächen. Er holte vom Anfang seiner Tätigkeit aus. Von Swira, wo er im Amte war, hat der Staatsanwalt diesen berühmtesten Detektiv Rußlands berufen, um ihn mit der Aufgabe zu betrauen, die Mörder des Justinski aufzufinden. Die Beamten der Geheimpolizei, Polistschuk und Wigranow machten ihm bald Schwierigkeiten. Nachdem er davon Meldung erhalten hatte, wurde Polistschuk befohlen, seine Nachforschungen in dieser Angelegenheit einzustellen. Von Anfang an erkannte er, daß der Mord von einer Diebesbande begangen. Es war aber schwer, etwas aus den Nachbarn herauszubekommen, sie hatten offenbar Angst vor jemandem. Bald gab man ihm auch auf Betreiben des Antisemiten vom „Doppeladler" den Befehl, Nachforschungen nach einem R i t u a l m o r d anzustellen. Der erste Berdacht fiel auf die P r ibodkos. Pribodko wurde verhaftet, aber wegen Mangels an Beweisen bald wieder freigelassen. Der Gang der weiteren Untersuchung erstreckte sich auch auf die Tschebriakowa. Bei der ersten Haussuchung nahm der Polizist Kirstschenko den Knaben Chenia in ein Nebenzimmer allein, um ihn auszufragen. Aber die Mutter gab ihm vom anderen Zimmer aus ein Zeichen, zu schweigen, indem sie den Finger auf die Zunge hielt. Gleichzeitig befaßte er sich auch mit der Nachforschung nach dem rituellen Charakter des Mordes, den der Sachverständige Prof. L i k o r s k i gutachtlich für möglich gehalten hatte. Bei Beilis wurde Haussuchung gemacht, nachher beim Sattler Gulko auf der Ziegelei, dessen Werkzeuge dem Staaisanwali übergeben wurden. Aber nach welcher Richtung auch die Nachforschungen gestellt wurden, immer führten die Fäden zu der Tschebriakowa. Dort fand der Zeuge auch eine Büchse mit Pulver, was wichtig ist, da Justinski oft mit Pulver unbekannter Herkunft spielte. Ehenia Tschebriak sei ein kluger, verschlossener Junge gewesen, aus dem schwer etwas heraus zu bekommen gewesen sei. Natalie Justinski hat ihm erzählt, daß Justinski, anstatt in die Schule, zu Chenia zu gehen pflegte, der einen starken Einfluß auf ihn hatte. Tschebriakowa bemühte sich, ihm (Krassowski) gegenüber, den rituellen Charakter des Mordes uachzuweisen. Schadschenko, der Hauseigentümer der Tschebriakowa, hat ihm erklärt: Der Mord ist in meinem Hause geschehen. Krassowski hat sich überzeugt, daß man von Tschebriakowas Wohnung die Höhle sehen kann, wo Justinskis Leiche geftinden wurde. N ach Beilis F e st n e h m u n g hat Krassowski sich überzeugt, daß dessen Angeber Schachowski aus Rache gehandelt hat, weil Beilis ihn angezeigt hat, daß er Holz auf der Ziegelei stehle. Nach Beilis Festnahme sagte der Untersuchungsrichter Ferenko selbst, diese Festnahme störe die Untersuchung sehr. Bon da begannen die Angebereien und Wühlereien der Doppetadlerleute gegen ihn. Zuerst hieß es, er stelle die Nachforschungen in falscher Richtung an, dann wurde gesagt, er sei von den Juden gekauft. Daraufhin hat er, ihn von der Untersuchung zu befreien. Da die Leute vom Doppeladler gegen ihn intriguierlen, wurde er am 31. Dezember seines Amtes entsetzt. Als er später nach Kiew zurückkehrte, wollte er sich bei seinen Borgesetzten rehabilitieren und begann die Nachforschungen von neuem, jetzt aber privat. Die private Untersuchung. Jn> Febiuar 1911 kamcu in Kiew große Diebereien vor, so den 17. Februar in der Lcmberger Straße. Einen der geraubten Gegenstände hat Tschebriakowa unter falschem Namen in einem Geschäfte verkauft. Den 8. März, vier Tage vor dem Morde, wurde aber ihr wahrer Nanie erkannt. Sie wurde festgenommen, doch sie entkam. Die Diebe, die zur Bande Tschebriakowas gehörten, wurden festgcnommen. Nach diesem Durchfall begann man vor Justinski Angst zu bekommen. Dazu kam, daß Justinski zu Ehenia gesagt hatte: „Ich werde die Geheimpolizei benachrichtigen, daß bei Deiner Mutter ein Bersammlungsplatz von Dieben ist." Krassowski glaubt, die Gaunerbande hielt den Justinski für einen gefährlichen Mitwisser. Zu der D i a k o n o w a übergehend, sagt Krassowski, Diakonowa habe ihrn erzählt, daß sie am 12. März in der Wohnung der Tschebriakowa die drei Diebe Sinkajewski, Rudsinski und L a t i s ch e w überrascht habe, sie hat bemerkt, wie sic durch ihre A n k u n s t b e -