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Das jüdische Blatt · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Das jüdische Matt. Nr. 44. Dreizehnter Verhandlungstag. Brasul-Vruschkowskis Vernehmung füllt die ganze Tagessitzung aus. Auf den Zeugen wirkt stark die Aufmerksamkeit, mit welcher man ihm lauscht. Er ist nervös und spricht undeutlich. Seine Stimme ist schwach und man versteht ihn nur mit Mühe. Er sagt über seine privaten Nachforschungen aus, die zu einer Strafanzeige gegen einige bei der Tscheberjak verkehrende Verbrecher führten. Der Zeuge begann seine Nachforschungen, als auf der Saizewschen Fabrik plötzlich ein Unbekannter verhaftet wurde, während man überzeugt war, die Untersuchung sei dem wirklichen Mörder schon auf der Spur. Der Zeuge fragte den damaligen Chef der Kriminalpolizei Krassowski nach dem Namen des Verhafteten. Krassowski verweigerte die Nennung, erklärte aber, der Verhaftete sei unschuldig. Erst später erfuhr der Zeuge, daß der Verhaftete Beilis war. Im September 1911 lernte Brasul die Tscheberjak kennen und teilte dies dem Polizeioberst Iwanow mit, der ihm sagte, die Tscheberjak wisse vieles. Der Zeuge vermittelte zweimal ein Zusammentreffen der Tscheberjak mit Iwanow. Nach der zweiten Zusammenkunft behauptete die Tscheberjak, Iwanow habe ihr 600 Rubel für die Entdeckung des Mörders angeboten, und lachte darüber, weil der Betrag viel zu gering sei. Im November begann die Tscheberjak zu fürchten, der Verdacht falle neuerdings auf sie, und gleichzeitig einige Diebe zu beschuldigen. Als der Zeuge damals einst zu der Tscherberjak kam, lag sie verbunden im Bett und erzählte, zwei Unbekannte hätten sie überfallen und sie mit eisernen Geräten geschlagen. Sie lenkte den Verdacht auf Mifle, weil dieser wußte, daß sie eine Wahrsagerin nach dem wirklichen Mörder fragen wollte. Brasul wünschte nun, -die Tscheberjak seinen Bekannten außerhalb der Polizeikreise vorzustellen. Die Redakteure der „Kiewskaja Mysl" verhielten sich skeptisch, weil sie an den Ergebnissen der ganzen Nachforschungen zweifelten. Darauf wandte sich Brasu!. an Margolin, den damaligen Anwalt des Beilis. Die Zusammenkunft erfolgte in Charkow. Im Dezember teilte ihm die Tscheberjak mit, ihre Bekannten Rudsinski und Modsalewski seien vorgeladen, und erbat seinen Rat, ob diese beiden Diebe dem Untersuchungsrichter angeben sollte, daß sie mit der Tscheberjak bekannt seien. Der Zeuge teilte dies dem Untersuchungsrichter Fenenko mit, der die Ueberzeugung aussprach, die Tscheberjak habe selber am Morde teilgenommen. Brasul war überzeugt, eine Spur zu haben und schickte sich an, den Ort des Verbrechens zu finden. Die Angaben Fenenkos wiesen ihn auf die Malizkaja, die ihm erklärte, Lärm und Geschrei aus der oberhalb ihres Ladens liegenden Wohnung der Tscheberjak gehört zu haben. Plötzlich verlautete, die Anklageschrift gegen Beilis sei schon fertig. Darauf gab Brasul im Januar 1912 eine Strafanzeige gegen Mifle, Prichodko usw. gemäß der von der Tscheberjak erhaltenen Angaben ein. Das gerichtliche Verhör der Angezeigten überzeugte ihn, daß sie unschuldig seien, namentlich Mifle. Ueber seine späteren Schritte gibt der Zeuge nur Weniges an. Im Kreuzverhör klärt der Zeuge seine Reise nach Charkow auf. Margolin wollte zunächst die Tscheberjak nicht kennen lernen, stimmte aber schließlich zu. Brasul mußte die Tscheberjak täuschen; er gab ihr an, ein Mitglied des Charkower Magistrats wolle sie sprechen. Der Staatsanwalt versuchte, den Zeugen aussagen zu lassen, daß er von unbestimmter Seite beauftragt gewesen sei. Brasul erklärte aber ausdrücklich, er habe ohne irgend einen Auftrag, auch nicht von einer Zeitung, auf eigene Rechnung und Gefahr gehandelt und die Auslagen von insgesamt 150 Rubeln selber getragen. Damit habe er nicht nur die Beschuldigung der Tscheberjak, man habe ihr 40 000 Rubel angeboten, widerlegt, sondern auch die Insinuation der Antisemiten, ausländisches Judengeld habe die Untersuchung getrübt. Brasul-Bruschkowski, der als Vermittler hingestellt wurde, hat sich vor Gericht als ein Reporter herausgestellt, der aus zweifellos reinen Beweggründen freiwillig die Aufgabe übernahm, der er nicht gewachsen war. Er ließ sich gutgläubig von der Wera Tscheberjak täuschen. Staatanswalt und Zivilkläger stellten heute diesen guten Glauben als lächerlich hin. Sie vergaßen dabei anscheinend, daß der Kern der Anklageschrift aus Aussagen derselben Frau und ihrer nächsten Angehörigen besteht. Der Advokat Margolin. Ter Advokat Margolin, früher Verteidiger des Beilis, beginnt seine Aussage um 11 Uhr abends. Er sagt: Das Interesse an Iustinskys Mord wurde erst einige Monate nach dem Morde rege, im November 1911, als es klar wurde, man wolle dem Morde einen rituellen Charakter geben. Ende November hat er, der der Presse nahesteht, auf der Redaktionsstube des „Kiew-Mysl", eine Unterredung gehabt mit dem Journalist Brasul-Bruschkowski, der ihm die von ihm geführte Untersuchung schilderte. Brasnl schlug ihm als einem Advokaten vor, daß er sich mit der Tschebriakowa bespreche, die sehr viel über den Mord wisse. Er nahm diesen' Vorschlag an. Anfangs Dezember hat man ihm auf dem Zimmer des Untersuchungsrichters die Wera Tschebriakowa vorgeführt, sie war verwundet und verbunden. Brasul sagte ihm selbigen Tag noch, daß die Verletzungen der Tschebriakowa von einem tätlichen Rencontre mit ihrem Geliebten Mifle kommen und daß sie sich an diesem rächen wolle, durch Anzeige des Anteils, den er am Mord gehabt hat und daß sie zu diesem Zwecke nach Charkow fahren wolle, wo sie sich mit einem Sträfling über den genauen Ort des Mordes besprechen müsse. Da ich, sagt Margolin, doch gerade Geschäfte dort hatte, machte ich die R e i s e n a ch C h a r k o w. In Charkow kamen zu ihm Brasul, Wera Tschebriakowa und der Agent der Geheimpolizei Wigranow, der mir bis dahin unbekannt gewesen ist. Geredet hat nur Tschebriakowa, sie sei nach Charkow gekommen, um sich an Mifle zu rächen. Sie versicherte: Justinsky haben ermordet dessen Stiefvater Prichodko, dessen Vetter Neschinski, Mifle und Nasarenko. Die Wunden am Körper habe Prichodko gemacht, der etwas von Medizin verstehe. Ursache des Mordes war, daß Justinski zu viel Geheimnisse kannte und aus dem Wege mußte. Am zweiten Tage kam die Tschebriakowa nochmals und wiederholte die gleiche Erzählung. Wenn sie sagt, hinter dem Vorhang hätten zwei Personen dem Gespräch zugehört und im Zimmer sei ein Abgeordneter gewesen, so ist das falsch. Die Erzählung der Tschebriakowa machte auf ihn keinen glaubwürdigen Eindruck; bei der Rückkehr nach Kiew habe ich sogleich zu Brasul gesagt, daß sie selbst am Morde beteiligt ist. Ich riet Brasul, das Ergebnis seiner Untersuchung dem Untersuchungsrichter Fenenko zu melden und er folgte seinem Rat. Die Fragen. Staatsanwalt: Ist es wahr, daß Sie der Tschebriakowa 40 000 Rubel versprochen haben, wenn sie die Schuld aus sich nehme, und woher hatte Brasul das Geld, seine Untersuchung zu führen? — In Charkow war von 'Geld gar keine Rede. Woher Brasul Geld hatte, weiß ich nicht, vielleicht haben ihm die Petersburger und Moskauer Zeitungen solches gegeben. Die „Neue Freie Presse" bestellte telegraphisch bei ihm einen Bericht über seine Untersuchung. Ihr 40 000 Rubel zu versprechen, wäre Wahnsinn gewesen. Wäre ich sicher gewesen, daß sie die Entdeckung des Mörders ermöglichen würde, würde ich ihr Geld gegeben haben, aber nicht direkt, sondern durch Brasul.

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