Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Statt. 7 Nr. 44. wieder besprochen. Saizew sagt, Ettinger sei sein Schwager. Er lebt im Ansland, kam Ende Dezember 1910 nach Kiew und blieb bis 27. Januar, die Grenze überschritt er den 28. Januar. Da Ettinger als Fremder kein Wohnrecht in dem vornehmen Viertel hatte, wo Saizew wohnt, wohnte er bei ihm unangemeldet. Nur zwei Tage vor seiner Abreise meldete er sich an in dem Viertel der Ziegelei, wo er wohnen durfte. Ettiuger, sagt Saizew, studierte in der Schweiz, konnte aber seine Studien nicht vollenden, da er nach seines Vaters Tod die Verwaltung der großen Güter übernehmen mußte. Landau ist ein Sohn von Saizews Schwester, sehr reich, ein Literat und Komponist. Saizew erzählt alles ausführlich und begegnet einer gespannten Aufmerksamkeit. Der Staatsanwalt beginnt zu fragen wegen Mazzes backen. Mein Vater, sagt Saizew, sorgte für die Kinder; auf jeden Feiertag pflegte er uns Kindern Wein, Früchte, Geschenke zu schicken, auf Ostern auch Mazze. Der Staatsanwalt: Backt ihr -noch Mazze auf eurem Gut? Saizew: Der Vater ist 1907 gestorben. Das Gut ist in fremde Hände llbergegangen. Die Familie ist auseinandergegangen. Staatsanwalt: Woher bekommt ihr jetzt Mazze? Saizew: Sic können darüber Auskunft erlangen bei meinem Dienstpersonal. Dieses mag Ihnen sagen, wo es einkauft. Staatsanwalt: Ihr Vater war ein Chosid? Saizew: Ich verstehe nicht, was Sie meinen. De^ Staatsanwalt wiederholt die Frage. Saizew: Ich muh sagen, für mich ist ein Chosid ein sehr frommer Mann, der die kleinsten Vorschriften der Religion peinlich erfüllt. Mein Vater war sehr fromm, doch ist er ein weltkundiger Mann geblieben und ich könnte Beweise dafür bringen, warum ich ihn nicht für einen Chosid halte. Staatsanwalt: Aber Beilis hat doch gesagt: Ihr Vater sei ein Chosid gewesen. Saizew: Das will nur bedeuten, daß jener das Wort anders versteht als ich. Der Vorsitzende greift ein und bemerkt, die Frage darf nicht berührt werden bis die Sachverständigen erscheinen. Der Staatsanwalt aber kann sich nicht beruhigen. Was für eine Bedeutung hat Mazze für Ihren Vater gehabt? Saizew: Dieselbe Bedeutung wie faitere Gurken. Karabtschenski: Warum halten Sie dafür, Ihr Vater fei kein Chosid gewesen? Saizew: Ich sage nur meine persönliche Meinung. Ich meine, Chasidim beten lange, verbringen ihre Tage in den Lehrhäusern, tragen lange Kleider und Bärte. Mein Vater war ein frommer Jude, aber weltmännisch und ein fleißiger Geschäftsmann. Topt s ch e n k o erzählt, wie er lange bei dem alten Saizew gedient hat, der sehr tolerant zu den Christen und zu deren Glauben war. Der Staatsanwalt gereizt: Und Ihr freut Euch und seid damit zufrieden, daß Juden Euch erlauben, zu leben, wie Eure Religion verlangt. Ist denn ein russischer Mensch schon so weit gekommen?! Die Verteidiger verlangen die Eintragung dieser Worte ins Protokoll. Der Zaddik Landau. Ein hoher, prächtiger junger Mann, schön gekleidet, ruhig und gemessen in seinen Bewegungen. Er erklärt, er lebe ständig im Ausland und beschäftige sich mit Musik rurd Literatur. Er erzählt dasselbe von Saizew. Er wohnte bei der Mutter im vornehmen Viertel, aber gemeldet hat er sich in dem Viertel, wo Juden wohnen dürfen. Der Staatsanwalt fragt, wo seine Brüder wohnen; er antwortet, zusammen mit der Mutter. Staatsanwalt: Und Sie wissen nicht, wo sie angemeldet waren. Landau zuckt die Achseln. Der Staatsanwalt gerät außer sich und schreit: Was ist das für eine Komödie? Gregorowitsch-Barski, früherer Staatsanwalt, springt auf und schreit: Herr Vorsitzender, ich bitte, die Geschworenen aufzuklären, daß Juden in Wirklichkeit nur iu zwei Vierteln in Kiew wohnen dürfen. Das ist keine Komödie, das ist eine Tragödie. Der Vorsitzende macht dem Verteidiger Vorwürfe. Gregorowitsch Barski: Ich erwidere bloß dem Staatsanwalt, der zuerst den Ausdruck Komödie gebraucht hat. Vorsitzender. Ich biüe, beruhigen Sie sich. Der Vorsitzende erklärt den Geschworenen die Sache mit dem Wohnrecht der Juden in Kiew, aber des Staatsanwalts Bemerkungen hat er nicht gerügt. Zwölfter Verhandlungslag. Die Sitzung ist mit Erhebungen darüber ausgefüllt, ob und wie am Tage der Ermordung Justinskys auf der Saizewschen Fabrik gearbeitet wurde. Die dort beschäftigten Arbeiter sind Analphabeten, die nach 2A Jahren sich natürlich nicht mehr auf jede Einzelheit besinnen. Es gibt einige, die meinen, es sei gar nicht gearbeitet morden. Es liegen aber bei den Akten die Gutscheine, die zur Kontrolle über die aus der Fabrik hinausgehenden Ziegelsuhren ausgestellt wurden und von denen die eine Hälfte in der Fabrik blieb, die andere in die Hand des Abnehmers kam. Man hat beide Hälften gefunden und festgestellt, daß 24 Gutscheine, alle von Beilis gezeichnet, ausgestellt wurden. Gearbeitet wurde den ganzen Tag. Die geheimnisvollen galizianifchen Juden erscheinen wieder. Der Staatsanwalt und die Kläger sind mit ihren Zaddikim Landau und Ettinger hereingesallen, sie stellen diesen Zeugen eine Reihe Fragen nach ihren sonstigen Familienmitgliedern. In den Akten der Ausländer, die die Kiewer Polizei verwahrt, komnit ein Israel Landau vor; so hieß der Vater des Zeugen Landau, aber der ist seit 10 Jahren gestorben. Tut nichts, der Staatsanwalt muß seinen Zaddik Israel Landau haben. Außerdem verlangt der Staatsanwalt, daß die Kontrollbücher der Grenzpolizei in Radziwill den Gerichtsakten einverleibt werden, da mehrere Landauer und Ettinger dort aufgeführt werden. Sarudni protestiert, die Kontrollbücher seien unvollständig. Es ist nicht verzeichnet, wo der geheimnisvolle Israel Landau wohnt. Wohnt er in Kiew, so lade man ihn, die Verteidiger möchten gern einen leibhaftigen Zaddik sehen, der Christenblut benützt. Das Gericht beschließt, den Staatsanwalt zu beauftragen, nachzuforschen, wo der Israel Landau 1911 gewohnt hat und wo er jetzt wohnt. In der Abendsitzung wird Petrow, Geliebter der Wera Tschebriakowa, vernommen. Vorsichtig unterstützt er die Angaben der Wera und weckt kein besonderes Vertrauen. Frau Gajewska bringt eine sensationelle Mitteilung. Wera Tschebriakowa verkaufte ihr einst ein Kleid. Eine Dame, die sie auf der Straße traf, erklärte ihr, das Kleid, das sie trage, sei ihr gestohlen worden. Es gab einen Prozeß und sie mußte das Kleid zurückgeben. Sie erklärt, Tschebriakowa befasse sich gewerbsmäßig mit Hehlerei; sie hat ihr selbst gesagt, man müsse Justinsky aus dem Wege räumen. Bei ihrer Gegenüberstellung mit Tschebriakowa verhält sich letztere frech und macht ihr Vorwürfe. Eine humoristische Note bringt hinein der Gutsbesitzer A k as a n o w, der ebenfalls eine private Untersuchung geführt hat. Er wiederholt, was Golubew gesagt hat. Auf die Frage, warum er beim Untersuchungsrichter seine „Ergebnisse" nicht mitgeteilt hat, sagt er, er habe Furcht gehabt, weil alle Zeugen, die gegen die Juden ausgesagt haben, gestorben sind, so sei auch der Präsident des Kiewer Kreisgerichts, Tschablinski, gestorben. Da Tschablinski selber hinter dem Richterkollegium sitzt, rufen diese Worte ein Gelächter hervor. Die Zeugin Petrowa sagt, ihr habe die Tschebriakowa gesagt, als Justinsky aus der Kirche ging, er stört uns, er muh aus dem Wege. Bei der Konfrontation behauptet Tschebriakowa, diese Worte beziehen sich auf einen anderen Knaben, der ihre Kinder störte. Zum Schluß kommt nochmals der „Zaddik" Landau, der erklärt, sein Vater Israel Landau sei 1903 gestorben und auf dem Kiewer Friedhof begraben.