Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Statt. Nr. 44. Zehnter Verhandlungslag. Die Beweise gegen Beilis sind erschöpft. Der Prozeß aber geht weiter. Die Beziehungen des Präsidenten zn den Verteidigern werden strenger. Ain Anfang der zehnten Sitzung teilt der Präsident mit, in manchen Zeitungen würden ungenaue stenographische Berichte gedruckt, wenn das so weitergehe, werde er sich genötigt sehen, den stenographischen Bericht über die Verhandlungen zu unterdrücken. Diese Worte machen einen tiefen und schweren Eindruck und rufen eine pessimistische Stimmung hervor, obgleich die Beweise gegen Beilis in ihr Nichts verfallen sind. N a k o n e t s ch i a, die Frau des früher vernommenen Schusters Nakonetschni, versichert, daß sie von ihrer Tochter Dunia nicht gehört habe, daß sie mit Justinsky auf dem Ziegeleihofe gespielt hat und daß Justinsky von Beilis gefaßt worden sei. Der elfjährige S a r u tz k i sagt, früher hätten die Kinder auf Saizews Hof gespielt, seitdem der Zaun errichtet sei, nicht mehr. Beilis habe sie niemals verjagt. Auf die Frage des Verteidigers Gregorowitsch-Barski, ob Wera Tschebriakowa ihn im Zengenzinnner nicht bearbeitet habe, zu sagen, daß, als er mit Justinsky und Ludmila Tschebriakowa auf der Saizewschen Ziegelei gespielt habe, Beilis sie verscheucht und Justinsky weggeschleppt habe. Man stellt den Knaben Sarutzki der Wera Tschebriakowa gegenüber. Sie leugnet, der Knabe aber bleibt fest bei seiner Aussage. Tschebriakowa bemerkt darauf zu ihm: Das ist eine Lüge, das darf man nicht sagen. Der Präsident unterbricht sie mit., den Worten: Sie haben kein Recht, Vorwürfe zn machen. Nachdem der Verbrecher K u t s ch e r a w i über beit Brief ausgesagt hat, den Beilis durch den entlassenen Sträfling Kasatschenko seiner Frau überbringen ließ und nachdem S ch n e e r - s o h n mit der Großmutter Justinskys konfrontiert worden ist --- beides ergibt nichts Neues - , wird durch Arbeiter der Saizewschen Ziegelei bestätigt, daß an dem Tage des Mordes dort stramm gearbeitet worden ist, so daß also Beilis keine freie Zeit hatte. Dann kommen wieder die Chassidim und Zaddik i m aufs Tapet. Die jüdischen Zeugen, der Vorsteher Dudmann einer kleinen Synagoge in Sundukowskis Haus, und der Synagogendiener Schuk werden vernommen. Schmakow: Ist Ihre Synagoge eine Chassidimsynagoge? - - Sie ist nicht „chassidisch" und nicht „misnagdisch". Sarudni: Was ist ein Chosid? Einer der viel betet. Aehnlichc Antworten gibt der Synagogendiener. Auf Schmakows Frage wegen Chassidim sagt der Zeuge, er sei Chosid, aber ein polnischer, kein litauischer. Auf Schmakows Frage, ob es wahr ist, daß Salman Schneersohn der berühmteste Chosid gewesen ist, antwortet er: Nein, er war nicht berühnit. Schmakow: Er war aber doch anerkanntermaßen berühnit. — Gar nicht berühmt war er. Nein, er war nicht berühmt, antwortet der Zeuge mit unbeholfenem Eigensinn. Elfter Verhandlungslag. Frau Bikowa bestätigt, daß sie seit Mai 1910 bis heute der Frau Beilis Milch verkauft. Die Sachverständigen werden auf 5 Tage später zurückgeschickt. Die Sensation mit Wischemirski. Wischemirski ist als Belastungszeuge geladen. Er erzählt: Sein Freund Rawitsch hat ihm vor der Abreise nach Amerika gesagt, daß seine Frau (Rawitsch) zu Tschebriakowa gekommen ist und Justinskys Leiche auf dem Sopha gesehen hat. Auch hat die Wera Tschebriakowa kurz vor dem Mord der Frau Rawitsch ein Kästchen mit Revolvern zum Aufbewahren gegeben. Grusenb e r g: Woher kennt Ihr Rawitsch? — Ich habe mit ihm gedient. Grusenberg: Erzählen Sie uns, wie ist Rawitsch nach Amerika abgereist? Rawitsch hat nur erzählt, daß Wera Tschebriakowa ihm ein Reisebillett nach Amerika nebst Reisegeld gegeben habe. Staatsanwalt: Seid Ihr orthodox? — Nein, Katholik. Warum haben Sie bis heute geschwiegen? — Weil ich in die Angelegenheit nicht hineingezogen werden wollte? — Vorsitzender: Warum haben Sie Rawitsch nicht geraten, alles der Polizei zu melden? - Die Polizei hat dies bereits gewußt. Karatschenski und Maklakow interessieren sich für den Zeugen. Dieser bekundet, Rawitsch sei ein zuverlässiger Mensch, der derartiges nicht erfindet. Vorsitzender: Saß Beilis bereits im Gefängnis, als Ihnen Rawitsch dies erzählte? Ich weiß nicht. Dann gab es einen scharfen Zusammen st oh zwischen Staatsanwalt und Verteidigung. Wischemirski sagte, Beilis Kuh ist gefallen und hat sich dabei getötet. Die beiden Worte geben im Russischen einen eigentümlichen Tonfall. Der Staatsanwalt wiederholt ironisch die Worte mit dem sonderbaren Tonfall. Darauf Grusenberg gereizt: Es ist doch bald nicht mehr auszuhalten. Immer diese ironischen Bemerkungen. Darauf der Staatsanwalt: Ich habe doch bloß die Worte wiederholt: Gefallen und kaput gegangen. Was ist dabei. Darauf der Vorsitzende: Ich bitte, meine Herren, keine leidenschaftlichen Ausfälle! Sonst ist die Verhandlung unmöglich. S a m i s l o w s k i springt empor und ruft: Ich meine. Der Vorsitzende: Meinen Sie, was Sie wollen. Wir brauchen nicht zu wissen, was Sie meinen. - ■ Wischemirski erzählt weiter, er sei 5 bis 6 mal täglich mit Beilis zusammengetroffen, er kenne ihn sehr gut. Woher wissen Sie, fragt Samislowski, daß Beilis Kuh gefallen und kaput gegangen ist? Das haben alle gewußt, antwortet der Zeuge. Vorsitzender: Warum ist Rawitsch nach Amerika gegangen? — Wera Tschebriakowa hat ihm ein Kästchen mit Revolver zur Aufbewahrung gegeben. Das hat die ganze „Affäre" angefangen, es haben sich Gerüchte wegen Tschebriakowa verbreitet, Rawitsch bekam Angst und reiste nach Anierika. Sarudni will etwas sagen. Sowie er ansängt, sängt Schmakow an zu brummen. Sarudni zu Schmakow: Zu Ihnen rede ich nicht. Vorsitzender: Das geht nicht so weiter, meine Herren Verteidiger; Sie führen die Verteidigung eines Menschen, auf welchem eine schwere Anklage lastet. Trotzdeni macht es den Eindruck, als ob Sie an einem Prozeß mit «komischem Einschlag" beteiligt wären. Ich werde mich genötigt sehen, strengere Maßregeln zu ergreifen. Karabtschewski: Ick) möchte eine Benierknng machen. Vorsitzender: Was für eine Bemerkung? Karabtschewski: Man schütze uns vor Schmakows Benierkungen. Vorsitzender: Ich allein mache hier Bemerkungen. Mark Saizew. Mark Saizew, ein Sohn des verstorbenen Jona Saizew, ein stolzer Millionär. Er bestätigt, daß die Hälfte der Gewinne der Ziegelei bestimmt ist für das Altersversorgungshans, das sein Vater gebaut hat. Er redet ruhig, mit bitterem Ernst nnd das niacht sogar ans die Ankläger Eindruck. Nach dem Tode des Vaters haben die Kinder das Andenken des Vaters durch Ausbau des Altersversorgungshauses verewigen wollen. Man wollte in den Oberstock ein Röntgenstrahlenkabinett einrichten. Wir wollten den Kranke» Gelegenheit geben, ihre religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, nnd einen Betsaal errichten. Hätten wir die Synagoge auf dem Plane verzeichnet, hätten wir eine Erlaubnis in Petersburg einholen miissen. Darum wurde an Stelle des Betsaales auf dem Plane „Speisezimmer" verzeichnet. Das Fundament wurde am 7. März 1911 gelegt. Er erinnert sich dessen sehr gut, denn es war seines Vaters Jahrzeit und dem Gebrauch entsprechend waren alle Kinder im Andienzzimmer zusannnen gekommen, um Gottesdienst abzuhalten. Gleich darauf wurde der Grundstein gelegt. Dabei waren auch Mitglieder der Polizei. Niemand zweifelte, daß die Behörde später erlauben werde, einen Betsaal einzurichten für Kranke, Alte nnd das Personal. Die Frage wegen Ettinger und Landau wird