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Das jüdische Blatt · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44. Das jüdische Klatt 3 hin und her. Die nichtssagenden Antworten sollen auf die einfachen Bauern von Geschworenen wirken und ihnen nach und nach die Ueberzeugung beibringen von der Existenz der menschenfresserischen chassidischen Sekte. Das ist das Unheimliche an den: bisherigen Gang des Prozesses, die Anklage sucht durch Unterstreichen der Aeußerungen jüdischer Zeugen den Eindruck bei den Geschworenen hervorzurufen, es müsse eine unbekannte Verschwörerbande jüdischer Sektierer Justinsky ermordet haben, um dessen Blut rituell zu gebrauchen. Die Geschworenen, diese einfachen Bauern, sollen die „schwierige" Frage entscheiden: Gestattet, verlangt eine jüdische Sekte den Ritualmord? Erst die zweite Frage würde dann heißen: Ist Beilis dabei beteiligt gewesen? Dieser Plan des Staatsanwalts geht sowohl aus der Anklageschrift wie aus seinem Verhalten in der Verhandlung hervor. Höhnisch fragt der Staatsanwalt jeden Juden nach seiner Religion. Jede Antwort, die ihm nicht gefällt, begleitet er mit ironischen Ausrufen wie „seltsam" oder „erstannlich" und macht die dazu gehörigen Geberden. Und der Präsident schreitet dagegen nicht ein. Der Staatsanwalt ging z. B. auf Schneersohns Stammbaum ein. Ihr Vater? ~~ Schächter. -- Ihr Bruder? - - Religionslehrer, — Ihr Verwandter Rahum Schneersohn? — Staatsrabbiner. — Also, betont nachdrücklich der Staatsanwalt, Ihr Vater — Schächter, ein Verwandter von Ihnen — Rabbiner, Ihr Bruder — Religionslehrer. Ist Ihnen nicht bekannt, daß in Ihrer Familie einst ein Salman Schneersohn lebte, einer der berühmtesten Zadikim? — Nein. — Man weiß, was diese Frage und diese seltsame Betonung zu bedeuten haben. Und weil man weiß, daß die letzten Fäden des Prozesses nicht in Kiew, sondern in höchsten Kreisen münden, bleibt man trotz der glänzenden Erfolge der Verteidiger pessimistisch. Eine gedrückte Stimmung herrscht, obgleich kein Mensch, nicht einmal der Staatsanwalt, an Beilis Schuld mehr glauben kann. In Rußland ist der Hang zum Aberglauben vom niederen Volke bis in die höchsten Kreise stark eingewurzelt. Und hoch wie niedrig halten es tatsächlich nicht für ausgeschlossen, daß eine menschenfresserische Sekte unter uns Juden besteht. Das ist das empörende, das elendig traurige! Dabei darf man die politische Seite des Prozesses nicht vergessen. Die Juden sollen dem Zaren als der Abscheu der menschlichen Gesellschaft dargestellt werden. Sind sie zu einem Ritualmord fähig, so sind sie staatsgefährliche Subjekte, eine beständige ungeheure Gefahr für das Leben des Zaren und das Bestehen seines Reiches. Sie sind dadurch als die Urheber der Revolution von 1905 hingestellt, die dem Zaren die verhaßte Konstitution abzwang. Also ist diese Konstitution ein Judenwerk, und das heilige ri ss'sche Reich muß von dieser Pest wieder gereinigt werden. Es geht also bei diesem Prozeß um Sein oder Nichtsein der Autokratie und der schlimmsten Reaktion. Die Gerichtsverhandlung. Wir nehmen nun im folgenden den ausführlichen Bericht über den Prozeß wieder auf. Vierter Verhandlungslag. Der vierte Tag, der Jom Kippur war, brachte 3 Sensationen. Die erste ist die mit dem Lappen eines leinenen Kissenbezngs, der sich in der Tasche des Ermordeten befand. Der Staatsanwalt selbst ließ die Bemerkung fallen: Aber dieser Lappen hat eine enorme Bedeutung. Und die Mutter und der Stiefvater des Ermordeten bekundeten in der Verhandlung, wie bei der Untersuchung, daß der Streifen Kopfkissen nicht von ihrer Wäsche sei. Wohin weist der Streifen? Dieser Streifen wird noch eine große Rolle spielen, wenn es gelten wird, die Beweise zu sammeln, die die Schuld ach die Wera Tschebriakowa häufen. Der Staatsanwalt und seine Konsorten Schmakow und Samislowski geben sich alle Mühe, dieses verräterische Stück Leinwand zu diskreditieren. Die Polizei habe bei der Protokollierung dieses Lappen allerlei Fehler begangen usw. Trotzdem konnte der Leinwandstreifen nicht weggestoßen werden. Die Verteidiger ließen die Worte des Staatsanwalts: Der Lappen hat eine enorme Bedeutung, ins Protokoll eintragen. Die zweite Sensation war die Aussage Nakon e t s ch n i s. Natonetschni ist der, den Beilis nach seines Zellennachbars Kasatschenko Angaben vergiften lassen wollte. Nakonetschni ist der Patriot seiner Gasse, ich bin nicht nur Schuster, sagt er, ich bin „Advokat". Er schreibt Bittschriften und kann sprechen; er wohnt 26 Jahre in der Gasse in der Nähe Saizews Ziegelei, fettiit alle Anwohner, Beilis kennt er seit 10 Jahren. Zwei Stunden lang stand er unter Kreuzverhör. Ein Hagel von Fragen des Staatsanwalts, Samislowskis und Schmakows, raffelte ans ihn herab, man wollte ihn aus dem Sattel heben, aber er warf diegegen ihn gerichteten Pfeile stramm zurück. Die Kinder pflegten auf dem Hofe zu spielen, aber 1910, ein halb Jahr vor dem Mord, sei der Bretterzaun um die Ziegelei errichtet worden und seither habe das Spielen'aufgehört. Schachowski, der Hauptzeuge der Anklage, hat ihm gesagt: Den Beilis muß man hereinsacken. Er ist eine Pest. Er hat mich angezeigt, daß ich Holz aus der Ziegelei stehle. Er soll einen Denkzettel erhalten. Samislowski fragt ihn: Warum bemühen Sie sich so, alles, was Sie wissen, genau zu berichten? Darauf erwidert Nakonetschni: Der elementare An st and verlangt von uns, alles aufzubieten, damit kein Unschuldiger leidet. Er sagt weiter: Ludmila Tschebriak lügt, wenn sie sagt, Beilis habe die Kinder vertrieben und Justinsky fortgeschleppt. Das hätte sofort die ganze Gasse erfahren. Meine Tochter Dunia pflegte mit den Kindern zu spielen, sie hätte das Geschehnis sofort beim Heimkommen erzählt. Von dem Unsinn, sagt er, Beilis wolle mich vergiften lassen, habe ich gehört. Beilis kann gegen mich gar nichts haben. Nakonetschni machte einen großen Eindruck. Dabei ist er von der Anklage und nicht von der Verteidigung geladen. Die dritte Sensation dieses Tages war die Intrige der Tschebriakowa: Im Zeugenzimmer hat sie dem Knaben Sarutzki, der als Zeuge geladen war, seine Aussage eintrichtern wollen. Er solle sagen: Die Kinder haben gespielt, Beilis hat sie verjagt, alle bis auf Justinsky konnten entlaufen. Der Knabe aber beteuert: „Ich will nicht lügen vor Gericht. Ich werde die Wahrheit sagen, ich habe Holz auf der Ziegelei stehlen wollen." Und wer bestätigt dies vor Gericht, die Frau Schachowski, die Kronzeugin der Anklage. Sie wurden vor Gericht als Zeugin geladen, und nun erzählen Sie solche Neuigkeiten, sagt der Staatsanwalt! Beilis konnte mit dem Jomkippur zufrieden sein. Die Orlsbesichtigung (Sonntag, 12. Okt.). Die Ortsbesichtigung fand nachmittags 2 Uhr statt. Beilis war unter berittener Bewachung eine Viertelstunde vorher an Ort und Stelle gebracht worden. Eine unabsehbare Reihe von Automobilen und Wagen. Die Richter, die Geschworenen, die Advokaten, die Zeugen, die Journalisten. Die Ziegelei, der Weg von da zur Höhle, die frühere Wohnung der Tschebriakowa werden besichtigt. Die Maliwka, die das Erdgeschoß bewohnte, will bekanntlich Hilfsschreie des Justinsky bei dessen Ermordung in Tschebriakowas Wohnung, die über der ihrigen liegt, gehört haben. Es werden unter Führung der Polizei Bnben hinaufgeschickt, die den Lärm der Mordszene nachmachen sollen. Alle hören van unten vernehmlich den Lärm oben. Nur der Staatsanwalt sagte: Ich höre nichts. Da wirft einer das Wort hinein: Der Staatsanwalt will nicht einmal die Wahrheit vernehmen.

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