Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-10-15 · 42/43 (15.10.1913) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
42/43 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052766--0717-9052784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18 Das jüdische Malt. Nr. 42/43. denn ich halte nichts von ihnen, nur zuhören und zusehen möchte ich kurze Zeit, wie Du Dein Geschäft betreibst, dafür das Gold." Samuel nickte zustimmend und der Kalif drückte sich, um möglichst ungesehen zu sein, in die Ecke des Raumes. Bald erschien auch einer der Großen des Reiches und frug den Astrologen, was eine Auskunft koste. „500 Goldstücke", war die Antwort. „Wie? So teuer?" „Ich habe Dich nicht gerufen. Es gibt billigere Wahrsager in Granada." „Ich möchte aber gerade von Dir geweissagt haben." „Dann zahle." Mit Aechzen unb Stöhnen öffnete der Araber seinen Beutel und zählte dem Juden 500 Golddenare auf. „Jetzt berichte, was Du wissen willst." „Mir träumte heute Nacht", sagte der Mann, „meine Kleider fingen Feuer, ich wollte schon bei Beginn des Feuers löschen, so daß die Kleider mit kleinem Brandschaden noch zu retten gewesen wären, ich konnte mich aber vor Müdigkeit nicht aus dem Bette aufrasfen und als ich scheinbar wach wurde, waren die Kleider vollkommen verbrannt." „Das bedeutet", sagte Samuel, „daß Du in kurzer Zeit Dein ganzes Vermögen verlieren wirst. Alle Mühe, die Du Dir gibst, um es zu retten, wird vergeblich sein." „Ist das reine Wahrheit? Ist daran nichts zu ändern?" „Daran ist nichts zu ändern." Brummend und traurig entfernte sich der Araber. Cs erschien darauf ein Berber und frug den Wahrsager, was eine Auskunft koste. „Gib einige Kupfermünzen, die Tu gerade bei Dir trägst," sagte Samuel. Der Berber gab drei bis vier kleine Kupferstücke und erzählte genau die gleiche Geschichte wie sein Vorgänger. Auch ihm träumte, daß seine Kleider zu brennen begannen, auch er gab sich Mühe, sie zu retten, aber der Schlaf hatte ihn derart übermannt, daß er erst hinzukam, als die Flammen sämtliche Kleidungsstücke verzehrt hatten. „Du wirst sehr bald", sagte Samuel, „ein überaus reicher Alaun werden. Du wirst Gold und Silber, Knechte und Mägde, Pferde und Esel, Kamele und Schafe und viele Felder Dein eigen nennen." Dann sprang der Kalif aus feinem Verstecke hervor und rief: „Weißt Du, wer ich bin?" „Du bist der Kalif." „Nun wohl, wenn Du es weißt, so sage ich Dir, daß ich solche Ungerechtigkeiten in meinem Lande nicht dulde. Für ganz die gleiche Auskunft nimmst Du dem einen den Riesenbetrag von 500 Zechinen ab, dem anderen hingegen armselige drei Kupferstücke. Ferner gibst Du auf ganz die gleiche Anfrage zwei entgegengesetzte Auskünfte, und zwar dem gut zahlenden eine üble und dem schlecht zahlenden eine glänzende Antwort. Eine muß doch von beiden falsch sein. Dein Geschäft ist kein vertrauenerweckendes. Kläre mich auf über Deine Handlungsweise oder ich untersage Dir Dein Handwerk." Samuel lächelte und antwortete dem Kalifen: „Meine beiden Forderungen sind richtig und meine beiden Antworten sind begründet. Die Kleider entsprechen im Traume den äußeren Verhältnissen des Menschen, bei dem Reichen zeigen sie dessen Reichtum an, bei dem Armen dessen Armut. Wenn also die Prachtgewänder des Reichen ihm im Traume verbrannten, so wird sein Reichtum von ihm genommen werden, heute aber ist er noch reich und er war leicht in der Lage, mir von derst Gelde, das ja doch bald nicht mehr fein eigen sein wird, die geforderte Summe zu gewähren. Der andere indessen ist ein Bettler, der sich von Hand zu Mund dürftig nährt. Auch bei ihm tritt ein Wendepunkt in seinem Leben ein und zwar nicht nach der schlechten, sondern nach der guten Seite hin. Denn wenn er das einzige, was er besitzt, die paar Lumpen, noch verliert, so wird sein Stern, der nicht weiter sinken kann, von nun ab steigen, während der andere, wenn er einmal beginnt zu fallen, er sich nicht mehr halten kann. Auch wird mich der Berber, wenn er reich geworden ist, königlich belohnen, denn er ist eine edle Seele." Der Kalif war entzückt von der Weisheit des Juden, er machte ihn zu seinem Großvezier, dem verhaßten Araber aber nahm er sein Vermögen ab und gab es dem Genossen seines Stammes. Denn es war ja nun doch einmal Bestimmung im Traume. Ein Drittel des Vermögens behielt er selbst als eine Art Umsatzsteuer. -^- Hedatjafi. Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) „Nie," wiederholte die Fürstin mit bleichen, bebenden Lippen, aber festen Tones; „zieh in Frieden, wenn Du es kannst, Vater, ich bleibe." „Verblendetes Kind, glaubst Du, ich werde ohne Dich gehen?" „So bleib Tu!" rief Zippora mit flammenden Blicken, „schicke die Krieger an die Mauern, den geschwächten Brüdern zu Hilfe, wohin sie gehören, und zeige, daß Du ein König Deines Volkes bist." „Und wenn der Feind eindringt und Dein Vater und Deine Brüder ein Raub des blutgierigen Siegers werden, ahnst Du ihr Schicksal? . . ." Zippora senkte das Haupt. „Zieh in Frieden, wenn Du das Schicksal fürchtest, das Du selbst heraufbeschworen, ich fürchte es nicht." „Meine Geduld ist zu Ende," rief der König außer sich. „Jsmael, tot oder lebendig, nimm sie mit Dir, sie ist Dein, ich kenne sie nicht mehr." Er wandet sich dem Ausgange zu. Jsmael warf sich auf Zippora und entrang ihr die Waffe; doch das war sein ganzer Vorteil, denn während er sich niederbeugte, um sie mit Gewalt fortzutragen, versetzte ihn» das verzweifelte Mädchen einen Streich in die Schläfe, daß er zurücktaumelte; dann die Verwirrung und den freien Augenblick benutzend, stürzte sie den offenen Fenstern zu, die auf der Westseite lagen und schwang sich auf eines derselben hinauf; einen Augenblick zeichnete sich die hohe, schlanke Gestalt in der Bogenbrüstung ab und ihr weißes Gewand flatterte im Winde, dann war alles verschwunden. Im Saale ertönte ein Ruf des Schreckens. Der betäubte König wurde von seinen Leuten ergriffen und hinausgeführt, kurze Zeit darauf lag die Davidsburg öde und verlassen. Und all die Räume »md Hallen, die in der Zeit der höchsten Blüte aufgebaut wurden, unter dem sangesreichen David und seinem weisen aber prachtliebenden Sohne, als sich das Volk endlich durch ewige äußere Kriege und ewiges Abschweifen vom reinen Glauben zur Abgötterei zu einem einheitlichen Staate und Gotteskultus emporgearbeitet hatte, um bald wieder durch die Schlechtigkeit seiner Könige in zwei Lager sich zu teilen und in zwei verschiedenen Wegen auseinander zu gehen, dem Verfalle zuzuschreiten, dessen Schlußsteine die tragischen Momente der Jahre 722 und 589 waren, all die Räume und Hallen, in denen die Jahrhunderte mit ihrem Flügelschlage vorübergerauscht waren, hätten eine lange Geschichte von Menschenleid und Menschenfreud erzählen können, von Seelengröße und den finsteren Tagen des Ehrgeizes, von dem reinen Lichte der Liebe und dem verderben-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.