Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 42/43 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde, Kommerzienrat Iomtofsohn entfaltete als neuer Besen eine außerordentliche Rührigkeit. Alle Räume des Gotteshauses wurden einer gründlichen Reinigung und Reparatur unterzogen, nichts blieb dem scharfen Auge des jungen Herrn Vorstehers verborgen und so kam er denn an einem schönen Sommertage auch auf den Boden der Synagoge. Hier wurden die alten Bücher, die seit einem länger als halben Jahrhundert der Staub bedeckte, hervorgeholt und hier auch das Wunder in dem alten Kasten entdeckt — eine glitzernde Krone. Der Herr Vorsteher dachte sich gleich, daß dies eine Krone zur Verherrlichung des Simchas-Thora-Festes sei, daß ihre Benutzung aus irgend einem Grunde in Vergessenheit geraten und sofort stand der Entschluß bei ihm fest, daß er der Gemeinde am kommenden Feste der Gesetzesfreude damit eine Ueberraschung bereiten werde. Er gebot den Arbeitern strengstes Stillschweigen, ließ das Prunkstück durch einen Fachmann auf das feinste säubern, neu vergolden und die fehlenden Steine ergänzen. Zum Ueberdruß ließ er noch ein echt silbernes Band mit guten Steinen besetzt um die Krone legen, es trug die Inschrift: Op.il wtM'smacIi be-Kmiohas Thora. So sollte die Krone am letzten Tage des Laubhüttenfestes auf dem Almemar in Schönheit prangen und der Herr Vorsteher freute sich schon heute auf die erstaunten Gesichter seiner Gemeindemitglieder. Der Rosch Haschonoh kam herbei, aber Frau Gutmann hatte der Gemeinde keine Schenkung gemacht. Man atmete auf und glaubte, sie hätte ihre Drohung vergessen. Auch weder am Versöhnungstage, noch an den ersten Tagen des Laubhüttenfestes hörte man etwas von einer Gabe der Frau. Schon wiegten die Herrschaften sich in der Annahme, die Angelegenheit habe eine Wendung zu ihren Gunsten genommen. Da kam das Fest der Gesetzesfreude. Auf der Frauenempore erhoben sich die Damen und sahen andachtsvoll hinunter auf den glänzenden Zug. Doch was war das? Etwas nie Gesehenes bemerkte man: Vor dem Zuge der Thorarollen wurde von zwei Knaben eine wunderbare Krone vorangetragen, hei, wie das blitzte und funkelte in tausend Farben — wer gab das Ding, woher stammte es? Da fiel auch schon irgendwo der Name Gutmann und wie ein Lauffeuer verbreitete es sich in der Gemeinde, daß Frau Gutmann die wunderbare „Kaiserkrone" gestiftet habe. Sofort war man auch schon mit Schätzungen bei der Hand: Hunderttausend Mark, meinte der eine, Zweihunderttausend der andere, schließlich war die ganze Gemeinde sich darin einig, daß unter dreihunderttausend Mark man solche Steine nicht beschaffen könne. Iuwelenhändler Mordche Glühkäfer versicherte, daß er sie selbst dazu nicht liefern könne. Man kann sich nun vorstellen, welche Gefühle diese Nachricht bei den Neffen und Nichten der alten Dame auslösten. Jeder einzelne sah sich um sein Erbteil betrogen und als der Verlobte der einen jungen Damen der Einladung zum Mittagessen nicht Folge leistete, vermutete man sofort, daß hier die gespendete Krone die ungenannte, aber wohlbekannte Ursache des Ausbleibens sei. Am Nachmittag fand Familienrat statt. Hier loderten die Leidenschaften hoch auf, man wollte die Schenkung anfechten, die alte Frau entmündigen lassen. Ihr Hausarzt sollte nach ihrem Geisteszustand gefragt und jeder Verkehr der Familienmitglieder mit ihr abgebrochen werden. Man bedauerte allgemein die großen Auslagen, die man seither für die Bekurung der Ungetreuen gehabt habe. Da erschien, als die Wogen der Reden und Gegenreden am höchsten gingen, Kommerzienrat Iomtofsohn und klärte die ganze Sache auf. Was, keine Schenkung der Frau Gutmann? Eine unechte Krone von irgend einem Trödler? Und mit einer solchen wagt man es, uns am Narrenseil herumzuführen? Und was hat denn Frau Gutmann zu den Iomtowim geschenkt? „Nichts", sagte der Herr Vorsteher, „ich bin selbst am Eres Rosch Haschonoh bei ihr gewesen, um sie zu einer größeren Schenkung zu bewegen, sie aber lehnte entschieden ab. Ihre Verwandten, so meinte sie, hätten auch ein Recht auf ihre Hinterlassenschaft, sie dürfe nicht alles der Synagoge geben." Erstaunen malte sich auf den Gesichtern der Anwesenden und sofort schlug die Stimmung um. Eine edle Frau, hörte man mehrere rufen. Wir müssen zu ihr gehen und sie um Verzeihung bitten. Aber es hat sie ja bis jetzt niemand beleidigt. Aber im Geiste doch und das ist nach jüdischem Gesetze ebenso unrecht. Rasch entschlossen machte sich die ganze Gesellschaft auf, um die Tante Baruch zu besuchen. Man versah sich mit Blumen, Bonbonnieren, Kuchen und anderen schönen Dingen, die der Tante Freude machen könnten. Diese fühlte sich außerordentlich geschmeichelt, als die ganze Familie in gehobener Stimmung bei ihr erschien und ihr viel angenehmes zu sagen wußte. Auch sie hatte von der Geschichte mit der Krone bereits gehört, aber sie tat, als wüßte sie davon nichts und als man spät am Abend sich verabschieden wollte, da bat sie, noch einen Augenblick zu verweilen. „Kinder", sprach sie, „wer weiß, ob und wann wir uns jemals wieder so freudig und in solcher Zahl zusammenfinden. Ich möchte Euch deshalb eine Mitteilung machen. Ich wünsche nicht, daß Ihr aus meinen Tod, wenn vielleicht auch unbewußt und gegen Euer Gefühl, hoffen oder gar beten sollt. Ich gebe jedem meiner Neffen und Nichten als Schenkung unter Lebenden je ein Kapital von 50 000 Mark. Mein Notar ist beauftragt, Euch diese am 1. Januar des kommenden Kalenderjahres auszuzahlen. Nach meinem Tode aber habt Ihr nichts mehr von mir zu hoffen, denn der Rest meines Vermögens, von dessen Zinsgenuß ich leben will, ist letztwillig der Isr. Religionsgemeinde verschrieben. Gerührt und beschämt schlichen die zärtlichen Verwandten unter heißen Dankesworten von dannen. An demselben Abend fanden noch zwei Verlobungen statt. Alljährlich am Simchas Thorah aber prangt die Krone des Propheten auf dem Almemar der Synagoge und erzählt leise von dem Aufruhr, den sie dereinst in der Gemeinde verursachte. Der tzraumdeuler. In dem arabisch geschriebenen Werke eines spanisch-jüdischen Dichters des 11. Jahrhunderts las ich folgendes nette Geschichtchen: Der Kalif Chabbus von Granada hatte den Ehrgeiz wie fein großer Vorgänger Harun al Rachid, unerkannt des Nachts durch die Straßen seiner Hauptstadt zu wandeln und wo er Mißstände und Unrecht zu entschleiern vermeinte, griff er ein. So gelangte er vor den Kiosk des Juden Samuel, der in dieser bunten Hütte das Geschäft eines Wahrsagers betrieb. Der Kalis trat ein, warf dem Manne einen Beutel mit Goldstücken hin. „Ich möchte Deine Wahrsagerkllnste nicht an eigenem Leibe versuchen, Jude,