Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 42/43 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42/43. Das jüdische Matt io bringenden des Hasses. Die Geschichte bewahrt die Taten und Handlungen der Menschen, die Empfindungen, die Seelenstürme, die die Taten in der Menschenbrust erzeugen, nicht. Davon können nur gesunkene Trümmer und Steine reden, die Zeugen entschwundener Tage und Zeiten . . . , wie manches geschichtliche Rätsel fände Lösung und Deutung. Die Davidsburg stand öde und verlassen und jeder fremde Männerfuß konnte einziehen in den Stammsitz der Iudäischen Könige; sie glich dem von ihrem Gotte und Könige aufgegebenen verlassenen Volke, welches auch nur noch der Sklavenbande harrte, die eine fremde Hand über seinen Nacken werfen sollte. Blumen zwischen Gräbern. Dinah war es in der allgemeinen Verwirrung gelungen, aus dem Thronsaale zu entfliehen und hinter einer Zedernsäule verborgen dem Aufbruche zuzusehen. Kaum hatte sich alles entfernt, als sie auch schon eine Fackel ergriff und die Treppe hinuntereilte. Mit festem, sicherem Schritt ging das Mädchen, das sonst das Wehen eines Blattes erschrecken konnte, durch den finstern öden Hof, jeden Winkel und jeden Vorsprug beleuchtend. Endlich fand sie, was sie suchte. Unter einem der Fenster, an der Westseite, stand eine starkästige Sykomore und an den Stamm dieses Baumes gelehnt kniete eine regungslose Gestalt. Zippora hatte den Tod gesucht, ihn aber nicht gefunden. Gott hatte ihre Schritte dem Fenster zugeleitet, unter dem der breite Baum stand, dessen Aeste sie schützend ausnahmen. Jetzt lag sie vor ihm in starrem, lautlosem Jammer, die gewundenen Hände zu Gott emporhebend, im tiefsten Herzen sich vor ihm demütigend und um Erleuchtung flehend. Hatte sie recht gehandelt, daß sie sich von dem Vater und den Brüdern losgesagt und ihr Schicksal auf sich selbst gestellt? Hatte sie recht gehabt, ihn allein in die Verbannung ziehen zu lassen? Es waren peinigende, quälende Zweifel, unerträglich, als sich noch plötzlich das Gefühl des Verwaistseins und der Vereinsammung dazu gesellte. Sie betete aus tiefstem, innigstem Herzen und Erlösung kam über sie. Sie hatte nicht den Vater verlassen, weil er ins Elend zog. Er ging der Rettung, dem Glücke entgegen und sie war im Elend zurückgeblieben, damit wenigstens ein Haupt des Königshauses die Schuld desselben im allgemeinen Untergang büße. Soweit sie in ihrem ganzen Leben im Geheimen und Verborgenen, die Gewalttätigkeiten und das Unrecht, das ihr Vater gegen das ärmere Volk beging, gut zu machen suchte, so suchte sie jetzt seine ganze große Schuld mit ihrem Leben zu tilgen. Daß noch etwas anderes unbewußt mitgesprochen und sie geleitet, das gestand sie sich nicht ein. Wer kennt auch alle geheimen und verborgenen Wege, die im Momente des erregten Handelns in dem Momente Zusammenwirken? Er wird sie gewiß nicht zu kennen suchen, solange der Nachklang derselben in seiner Seele noch zittert. Der Iubelruf einer lieben bekannten Stimme machte, daß die Fürstin aus ihrem Sinnen emporfuhr. Dinah lag vor ihr und bedeckte ihr Gewand mit Tränen und Küssen. „Liebe, arme Seele", sagte die noch verwirrte Fürstin, und zog das vor Aufregung zitternde Mädchen zu sich empor. „Sie haben Dich hier allein zurückgelassen?" . „Wäre ich denn mit ihnen gegangen? Und mein Vater, ineine Geschwister! und dann . . . lieber mit Dir im Elende leben, lieber mit Dir sterben, als mit anderen glücklich sein," fügte Dinah mit einem Ausdrucke von Hingebung hinzu, der sich nicht beschreiben läßt. „Teure, treue Seele! Schwester von dieser Stunde an", sprach die Fürstin mit einem weichen milden Tone, wie ihn Dinah noch nie gehört, „es gibt nichts, was die Königstochter von heut an vor Dir voraus hätte oder haben wollte." „Hoffe, vertraue", bat Dinah weinend, sie glaubte die Verzweiflung ließe ihre Herrin so sprechen. Zippora beruhigte sie darüber. „Gott der Herr hat mir den Weg gewiesen, den ich wandeln soll," sagte sie und nach einer Pause fuhr sie fort und ein tiefer, heiliger Frieden, eine verklärte Ruhe lagerte sich auf ihr schönes Gesicht: „Einst führte Debora die Scharen Baraks an und gewann im Namen Gottes den Sieg zum Heil und zur Rettung des Volkes. Ueber mich ist nicht der Geist Gottes gekommen, ich bin keine Prophetin, aber retten und helfen kann ich, bis sich unser Schicksal erfüllt haben wird." Die Flucht des Königs erregte großes Aufsehen und große Entrüstung: man brachte sie mit dem Gerüchte von dem unterirdischen Gange in Verbindung und Angst und Entsetzen ergriff den größten Teil der Bewohner. Als aber einige Tage vergingen, ohne daß das Entsetzlichste geschah, beruhigten sich die Gemüter und die Ansicht, die ganze Geschichte sei nur erfunden gewesen, um die Flucht zu ermöglichen und zu unterstützen, fand immer mehr Verbreitung: außerdem verbesserten sich teilweise die jammervollen Tage der Stadt, wenn nur auch auf kurze Zeit. Zippora hatte die königlichen Vorratskammern öffnen lassen, sowie die der geflüchteten Großen und die Vorgefundenen Lebensmittel wurden verteilt. Wie gesagt, der Vorrat war nicht groß, aber für einige Tage waren die notwendigsten Lebensbedürfnisse gedeckt und wer denkt an später, wenn im Momente der Hunger, dieses hohläugige Ungeheuer, am innersten Marke des Lebens zehrt? . . . Auch die Belagerer ruhten mit dem Angreifen eine kurze Zeit. Es war ein Moment der Erholung für das arme Volk, ein sekundenlanges Sammeln der geschwächten und ermatteten Kräfte, zum weiteren Kampf, zum weitern Elend. Es war wie das matte, unsichere Aufflackern eines Dochtes, bevor er auf immer verlöscht. ... Zipporas Name war bald im Munde aller, ein Stern Israels wurde sie genannt; denn wo sie hintrat, da verlor das Elend sein schauerliches Gepräge, und wurde sanfter und milder. Von Haus zu Haus ging sie, wo Seuche und Jammer wohnten, helfend, tröstend, ermahnend und das verzweifelte Herz besänftigte sich, die starrsten Züge lösten sich, wenn ihr starkes, erhebendes Wort ertönte und ihr dankbar von Liebe und Mitleid strahlender Blick traf. Auch Abner wurde krank und die Königstochter zog in sein Haus als Samaritanerin ein. (Fortsetzung folgt.) Mit der Nummer 40 gelangte der Nochen»Abreißkalender 5674 an alle unsere Abonnenten zum Versand. 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