Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 42/43 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Das jüdische Statt. Nr. 42/43 solle dem Maler in jeder Weise behilflich sein. Das hat keinen Wert, erwiderte der Polizeibeamte, die Minister schreiben uns oft, wir erlauben den Inden doch nicht, unser Gouvernement 31t betreten. Da ging Ginsbnrg ein Licht auf. Er griff ans der Brusttasche andere Papiere hervor und plötzlich hatte er das Wohnrecht in Jalta. Andern Tags traf er den jüdischen Mitreisenden. Wieso haberr Sie es denn angefangen, unbehelligt durch die Reihen der Polizei hindurch zu kommen? Sie haben nrich einfach nicht als Inden erkannt, antwortete er verschmitzt. Fund von alten israelitischen Maßen a jf dem Berge Zion. Die Ausgrabungen am Berge Zion in Jerusalem haben neuerdings ein sehr wichtiges und für die alte biblische Geschichte bedeutsames Ergebnis zutage gebracht. Bereits im Jahre 1898 hat man ein kleines Erzgefäß von einer besonderen Form gefunden. Man wußte nicht, was es zu bedeuten habe, besonders da aus der Uingebung kein Aufschluß gezogen werden konnte. Im Laufe der Ausgrabungelt sind dann zu verschiedenen Malen ähnliche Gefäße, aber von verschiedener Größe, zum Vorschein gekommen. Vor kurzer Zeit ist man nun auf die richtige Erklärung gekommen. Man hat nämlich zwei Zimmer, die in den Felsen gehauen waren und ineinander übergingen, entdeckt. Das erste, voll drei Metern Länge, enthielt eine hölzerne Mühle mit zwei großen Basaltsteinen. Das zweite Zimmer dürfte wahrscheinlich ein Kornspeicher gewesen sein. Hier hat man nun eine Sammlung von 14 Gefässen gefunden, die alle den bereits früher entdeckten glichen. Es handelt sich hier um Hohlmaße, insbesondere um Getreidemaße. Da die aufgefundenen Räume sich innerhalb des alten Tempelgebietes befinden, so ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, daß man es hier mit den Räumen für die Opfergaben, die Zehnten, zu tun hat. In der Tat ist in der Nähe dieser Räume eine Türschwelle mit großen Zapfenlöchern gefunden worden, auf der das Wort „Kordon" (gesetzliche Opfer) eingemeißelt war. Diese Hohlmaße find nun genau geprüft und mit dem heute gebräuchlichen Maße verglichen worden. Dabei hat sich die interessante Tatsache herausgestellt, daß das größte der Gefäße, das als Einheit aufgefaßt wurde, beinahe ganz genau 20 Liter faßte. Das nächstfolgende 15 Liter, das dritte 10 Liter und das vierte 5 Liter. Man kann also sagen, daß die alten Hebräer ein Maßsystem angenommen hatten, das dem metrischen System von heute fast völlig gleichkommt. Leider konnte noch nicht ganz genau festgestellt werden, welche von den althebräischen Mahformen diese Gefäße vorstellen. -^- Die Krone des ^ropfieten. Es war zu Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als ein älterer abgehärmter Mann die Amtsstube des Rabbiners einer größeren süddeutschen Gemeinde betrat. Derartige Gestalten erschienen in jener Zeit, da es noch keine Wanderbettelkassen gab, bei den Herren Rabbinern nicht selten und auch hier griff in richtiger Würdigung seines Besuches der Rabbi in die Tasche, um den Mann abzufertigen. So rasch aber ließ der Fremde dies nicht geschehen. Es war eine traurige Geschichte,- die er erzählte. In jungen Jahren war er seinen Eltern durchgebrannt, wurde Schauspieler, späterhin Sänger. In der Vollkraft seines Mannesalters verdiente er große Summen, die aber ebenso rasch in leichtfertiger Gesellschaft wieder durchgebracht waren. Nun stand er dem Nichts gegenüber, er wollte zu seinem reichen Bruder nach Amerika fahren, war aber nicht im Besitze seiner Ueberfahrtkosten. Wiederholt griff der Geistliche in die Tasche, aber der Mann wollte kein Geschenk annehmen. „Aus den Tagen, da ich den „Propheten" an den deutschen Opern sang", sprach er, „besitze ich noch eine prächtige Krone, die Steine, das Gold, das Silber sind selbstverständlich nicht echt, aber sie ist vorzüglich gearbeitet, das Werk eines Künstlers und von erlesenem Geschmack. Von diesem Gesichtspunkte aus besitzt sie einen Wert. Ich möchte sie dem Herrn Rabbiner verkaufen und für den Erlös über das große Wasser fahren." Der Rabbiner war ob dieses Ansinnens im höchsten Grade erstaunt. „Aber lieber Herr", sagte er, „was soll ich mit solch einem Dinge anfangen?" „Sie können sie als Schmuck für die Thora verwenden." „Eine Theaterkrone für die Thora, das geht doch wohl nicht gut, indessen zeigen Sie mal her." Ter Mann holte einen großen Karton herein und zeigte dem Rabbi seinen letzten Wertgegenstand. Der Rabbiner, der in seinem Leben noch in keinem Theater gewesen, hatte etwas derartiges noch nie gesehen. Er war entzückt und hingerissen von den in der Sonne funkelnden roten, blauen und grünen Steinen und für sein kindliches Gemüt war es kein Unterschied, ob dies echte Rubinen, Saphiere und Smaragde waren oder nur geschliffenes Glas. Trotzdem weigerte er sich, das Geschäft mit dem Manne zu machen, er wollte ihm aus einem ihm zur Verfügung stehenden Fonds einen kleinen Betrag ohne Gegenleistung aushändigen, indessen der alte Opernheld bestand darauf, daß man ihm das Ding abkaufe und so schloß der Rabbi in einer Anwandlung von Weichherzigkeit das Geschäft ab. Kaum war der Mann indessen hinweggegangen, da hatte der Rabbiner auch schon große Reue auf den getätigten Kauf. Es ging ihm gegen das Gefühl, einen so unheiligen Gegenstand für heilige Zwecke zu verwenden. Aber der Verkäufer war nicht mehr aufzufinden, wäre auch wohl schwerlich von dem Abschluß zurückgetreten. Da nahm der Rabbiner die Krone, brachte sie auf den Boden der Synagoge, legte sie hier in eine alte Kiste, die zwischen unbrauchbar gewordenen Gebetbüchern und Talmudexemplaren stand und hatte gar bald die ganze Geschichte vergessen. ->- * * Fünfzig Jahre sind seit den geschilderten Vorgängen verflossen. Den Rabbiner und die Vorstände aus jener Zeit deckt längst die kühle Erde. Aber die Gemeinde ist nicht gestorben, sie führt im Gegenteil ein kräftiges Leben, andere Männer stehen an der Spitze und jeder einzelne der Mitglieder wetteifert mit dem anderen, das Gemeindeleben in Schwung zu bringen. Eines der eifrigsten und treuesten Anhänger der Gemeinde ist Frau Baruch Gutmann, Witwe. Ihre Ehe blieb kinderlos, aber ihr vor langen Jahren verstorbener Gatte, hatte ihr ein Vermögen hinterlassen, bedeutend genug, um ein recht großzügiges Leben zu führen, sie aber stellte nur bescheidene Ansprüche und der einzige Luxus, den sie sich gestattete, war, daß sie die Synagoge ihrer Gemeinde alljährlich am Rosch Haschonoh mit einem kostbaren Gegenstand bereicherte. Einnwl gab sie ein Silbergerät für die Thora, ein andermal ein Porauches usw. und immer wieder freute sich die Gemeinde auf die Ueberraschung, die ihr zu Beginn des Jahres bereitet wurde. Den Grundstock ihres Vermögens allerdings griff sie nicht an, der sollte für ihre zahlreichen Neffen und Nichten dereinst ausbewahrt bleiben. Diese gaben sich denn auch alle erdenkliche Mühe, die alte Dame bei guter Laune zu erhalten. Aber nicht immer wollte dies gelingen. Krankheit und Alter verdarben ihr oft die Stimmung und auch in diesem Sommer tarn es heftig zu Reibereien zwischen ihr und ihren Verwandten, sie glaubte sich vernachlässigt, man besuche sie nicht häufig genug, mau lade sie nicht genügend zu Spazierfahrten ein, ja böse