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Das jüdische Blatt · 1913-10-15 · 42/43 (15.10.1913) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
42/43 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Nr. 42/43. Das füdifche Statt. dahinleben und in welcher entsetzlichen Aufregung sie sich erst jetzt befinden, da der Explosivstoff in jedem Augenblick aus den Gerichtssälen in die Massen zu fliegen droht. Welche Tränenausbrüche konnte man an den vergangenen hohen Feiertagen in den Synagogen wahrnehmen, und was werden erst die kommenden Tage bringen? Vor 14 Tagen hat man hier das Stolypindenkmal enthüllt, zum Gedenken des Mannes, den Dr. Bogrow, ein angeblich getaufter Jude und Polizeispitzel, vor zwei Jahren im Theater niederschoh. Mit dem Attentäter machte man kurzen Prozeß, indem man ihn zwei Tage darauf hängte, aber dem Volke gibt die ängstlich gemachte Reaktion jetzt die Antwort durch einen an den Haaren herbeigezogenen Prozeß. Wann wird das russische Volk sich aufraffen, um solche Faustschläge in das Antlitz der Zeit unmöglich zu machen? Palästina. Aufhebung des roten Zettels? Warschauer jüdische Blätter veröffentlichen die Nachricht, daß der für alle ausländischen jüdischen Reisenden in Palästina bestehende besondere rote Paßzettel durch eine Verfügung des türkischen Ministeriums des Innern abgeschafft worden sei. — Die Einrichtung des sogenannten roten Zettels ist ein Ueberbleibsel der hamidischen Aera. Als nämlich im Jahre 1882 unter den verfolgten russischen Juden eine Bewegung zu massenhafter Auswanderung nach Palästina und Syrien einsetzte, traf Sultan Abdul Hamid, der eine Ueberflutung des Landes mit mittellosen Emigranten befürchtete, die Verfügung, daß allen ausländischen Juden bei der Landung in Jaffa ihr Reisepaß abgenommen und ein roter Legitimationsschein eingehändigt werden sollte. Dieser Schein enthält u. a. den Vermerk, daß der Inhaber nur zu einem dreimonatigen Aufenthalt im Lande berechtigt sei. Praktisch war diese „rote Zettel" der Ausdehnung des jüdischen Kolonisationswerks in Palästina kaum hinderlich, gleichwohl empfanden weite jüdische Kreise die gegen die jüdischen Reisenden als solche gerichtete Maßregel als eine demütigende Ausnahmebestimmung. Rach Meldung der hiesigen Blätter ist nun die verletzende Einrichtung, die dem Geiste der neuen türkischen Verfassung durchaus widerspricht, endlich aufgehoben worden. Wie hierzu von informierter zionistischer Seite mitgeteilt wird, ist es seit langem bekannt, daß eine Aktion auf Abschaffung dieses roten Zettels eingeleitet worden ist, deren Aussichten in der Tat sehr günstig stehen. Aus begreiflichen Gründen haben aber bisher die Initiatoren von Veröffentlichungen in dieser Sache abgesehen, und es ist bedauerlich, daß in einer so wichtigen Sache voreilig derartige Nachrichten verbreitet werden. Amerika. Der verstorbene Maire von New-Zork» Gaynor. Die allgemeine Trauer um den Tod des verstorbenen Maire von New-Pork, William Gaynor, die Trauertelegramme aus dem ganzen Lande, die in New-Pork eingelaufen sind, legen Zeugnis ab für die Bedeutung, die diese Persönlichkeit im politischen Leben eingenommen hat. Sogar Organisationen, die sich zu des Verstorbenen Gegnern zählen, haben zum Zeichen der Trauer ihre Versammlungen auf zwei Tage eingestellt. Von der allgemeinen Beliebtheit des Verstorbenen konnte man sich bereits eine richtige Vorstellung machen, als Gaynor vor drei Jahren, kurz vor dem Antritt einer beabsichtigten Europareise Gegenstand des Attentats eines Irrsinnigen wurde, der ihn mit einem Dolche erstechen wollte. Damals waren die Spalten aller Zeitungen der "Welt über Gaynor gefüllt/ Das beweist schon, daß Gaynor etwas mehr war, wie ein gewöhnlicher amerikanischer Politiker. Gaynor ging in seiner sozialen Tätigkeit ganz auf. Dreißig Jahre stand' er der Verwaltung vor. In dieser langen Zeit konnten auch die Gegner ihm keine einzige Ungerechtigkeit Nachweisen. Gerade jetzt tobt der heftige Kamps der New-Yorker Stadtwahlen, in welchem mehrere Parteien Kandidatengegen Gaynor aufgestellt haben. Aber keine Zeitung und keine Wählergruppe hat in diesem Wahlkampfe auch nur einen Verdacht auf Gaynors Ehrlichkeit werfen können. Und das will in Amerika etwas heißen. Daß nach seinem Tode sich einstimmiges Lob auf seinen Namen häuft, ist fast selbstverständlich. Ehrlich war er besonders auch in seiner echten amerikanischen Freiheitsliebe. Er glaubte als echter Republikaner an die Freiheit und Gleichheit aller amerikanischen Bürger ohne Ausnahme, wie sie die amerikanische Verfassung verkündet. Deswegen wurde er von den Juden, besonders von eingewanderten, vergöttert. Er war der erste und einzige New-Porker Maire, der die Interessen der „Fremden" mit solcher sympathischen Toleranz vertreten hat. Keine Gelegenheit ließ er Vorbeigehen, wo er bei einer jüdischen Kundgebung heraustreten konnte. Dabei leitete ihn nicht etwa das gewöhnliche süßliche Mitleid mit den Juden als Verfolgten, sondern allein sein Gerechtigkeitsideal. Da er in der Bibel und in der jüdischen Geschichte bewandert war, fand er stets bei seinem öffentlichen Auftreten in jüdischen Versammlungen das richtige Wort. Bei der Eröffnung des jüdischen Theaters in New-Pork, sagte er: „Warum sollte das jüdische Theater nicht gut sein? Ihr alle stammt ja von einer dramatischen Rasse. Eure ganze Geschichte seit der Weltschöpsung ist ein Drama. Wo findet man soviel Poesie und erhabene Tragik wie in der Bibel? In diesem Punkte und in vielen anderen kann sich die ganze Literatur der Welt nicht mit der Bibel messen. Das ist keine Schmeichelei — denn dies ist ja allgemein bekannt." — Er ist immer für die freie Einwanderung eingetreten. Und dazu gehört jetzt in Amerika viel Mut. Er war ein Gegner der Korruptionspartei, des Tammany-Hall. Diese wußte bei der letzten Wahl keinen besseren Rat, um sich zu retten, als indem sie Gaynor als Kandidat aufstellte. Gaynor sollte als Aushängeschild für die Partei dienen. Aber die Kandidatur von Tammany-Hall fiel durch und Gaynor wurde mit großer Mehrheit gewählt. Und Gaynor fuhr fort, die Jnteressenwirtschaft in der New-Porker Stadtverwaltung zu bekämpfen. Es ist für ihn bezeichnend, daß er öffentlich den Ausspruch tat: „Unter korrupten Elementen ist nicht die eingewanderte Bevölkerung zu verstehen. Sie finden dieselben eher in der schon seit Dezennien ansässigen Bevölkerung. Diese ist es, die die korrupte Regierungsform zu erhalten bemüht ist." Auch aus dem heutigen Wahlkampf wäre er mit großem Siege hervorgegangen. Doch ihn erwählte der Tod als fein Kandidat und der Tod siegte. Die Juden aber verlieren in ihm einen warmen Freund, einen unermüdlichen Gönner. Einwanderungsslatistik. Die jüdische Einwanderung nach Amerika, die 1912 80 595 Personen betrug, ist vom 1. Juli 1912 bis 30. Juni 1913 auf 114 740 gestiegen, hat also in diesem Zeiträume um 42 Prozent zugenommen. Von den verschiedenen Nationalitäten nehmen in bezug auf die Zahl die Juden die dritte Stelle ein. Zuerst kommen die Italiener, dann die Polen, an dritter Stelle die Juden, darauf erst Engländer, Russen, Ruthenen. Diese in Amerika einwandernden Juden kommen natürlich hauptsächlich aus Rußland. Aus Rumänien sind nach Berichten der „Jca" s im Hafen von New-York im Jahre 1912 gelandet rund 2 500 I Personen. "

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