Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 42/43 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052766--0710-9052777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 43. Das jüdische glatt. 11 spricht mein hier viel von dem Prozeß, aber nicht mehr, wie in Berlin, Wien oder Frankfnrt, man geht seinen Geschäften nach, Jude wie Christ, und informiert sich über den Fortgang der Sache genau so wie anderwärts, nur aus den Zeitungen. In den Provinzstüdten hingegen sind alle Gemüter hochgradig erregt, hört man nur von dieser Sache sprechen, und man schlägt sich förmlich um die Blätter. Fragt man dagegen hier einen Juden nach der Affäre, so bekommt man mit jenem unnachahmlichen Achselzucken geantwortet, dem man alles und nichs entnehmen kann, eine Geste, die die jahrhundertelange Bedrückung gezeitigt. Man findet sich mit Polizei und Regierung, so gut es eben geht, ab, damit sie den Juden vor dem Aeußersten, den Pogromen, bewahren, im übrigen beten die Frommen und fasten, und die anderen sorgen für ihren Unterhalt. Das Gebäude, in dem das Judentum wieder einmal zum jo und so vielten Male vor den Schranken des Tribunals steht, ist ein monumentales, zweistöckiges Haus in altrussischem Stile, wie alle Kiewer öffentlichen Gebäude. Es befindet sich bezeichnender Weise ganz in der Nähe des Denkmals Chmclnickis, jenes Kofakenhetmans, durch dessen Aufstand die uralte jüdische Gemeinde Kiews im Jahre 1655 vernichtet wurde. Bon dieser Zeit bis Ende des 18. Jahrhunderts befand sich eine nur ganz unbedeutende Anzahl Juden in Kiew und in der Ukraine. Born Korridor des Gerichtes sehen wir auf die zweitgrößte Kirche Kiews, die gegenüber auf einem freien Platze steht, auf die im 16. Jahrhundert entstandene Kathedrale der hl. Sophia, denn hier sind wir im Stadtteile Altkiew, der auf der Höhe liegt und mit den niederen Teilen durch elegante Straßen verbunden ist. Der Schwurgerichtssaal ist, wie in den übrigen Städten Rußlands, nur von mäßigem Umfange, trotzdem sind die 40 bis 50 Journalisten bequem auf Bänken untergebracht. Die Zusammensetzung der Geschworenenbank hält man für nicht „zu beweisen. Verzeihen Sie mir das Unheil und die Schande, „die ich über Sie gebracht habe!" Als der Fremde den Brief vorgelesen hatte, blickten die beiden einander an. Schon längst war in Jaukel die Vermutung aufgestiegen, einen Verwandten vor sich zu haben. Da fragte ihn der Erzähler nach seinem Namen und seinem Alter. Als er darauf die Antwort hatte, fiel er Jaukel um den Hals und schrie laut auf: „So bist Du unser Jaukel und ich Dein Bruder Schimon!" Vor Schrecken blieben Jaukel die Worte in der Kehle stecken. Er war kaum zwei Jahre alt gewesen, als sein Bruder ausgewandert war. Niemals hatte im Haufe seines Vaters der Name des Bruders erwähnt werden dürfen, so daß ihm auch dessen Existenz verborgen geblieben war. Die beiden Brüder begaben sich sodann in die Stadt, verzehrten ein kleines Mahl lind fuhren nachmittags miteinander nach Jaukels Wohnort. Hier stellte Jaukel seiner Frau und seinen Kindern den Schwager und Onkel vor. Schimon verbrachte mehrere Wochen bei ihnem Er besuchte auch feine übrigen Geschwister, die an andern Orten — die wir heute nicht nennen wollen — wohnten. Es war ihm ein leichtes, seine Rehabilitierung durchzuführen. Als er nach drei Monaten nach Amerika zurückkehrte, verkaufte er seinen Fabrikanteil und kehrte in sein Heimatsort nach W. zurück. Daselbst lebt er heute noch als wohlhabender und angesehener Mann. Seine einzige Beschäftigung besteht darin, Gutes zu stiften und die Armen zu unterstützen. — Möge es ihm gegönnt sein, noch lange Jahre zu leben zum Segen seiner Familie und seiner Mitmenschen. ungünstig, denil erfahrungsgemäß folgen die Bauern stets den Ansichten der Beamten und Kleinbürger, und diese hält man für intelligent und wohlwollend genug, daß sie weder aus Bosheit noch aus Dummheit ein Schuldig sprechen. Auch der Angeklagte ist als Kleinbürger in den Akten bezeichnet, einen Begriff, den man im Deutschen nur schwer erklären kann. Kleinbürger ist eigentlich jeder, der weder Beamter noch Bauer ist, noch sonst es zu etwas höherem gebracht ha. Zuineist setzen sie sich aus Dienstpersonal, kleinen Kaufleuten, Agenten usw. zusammen. . Bürger wird, wer sich als Kaufmann erster Gilde einschreiben läßt und hierfür 1000 Rubel pro Jahr bezahlt. Ein solcher hat die Berechtigung, selbst als Jude in Kiew zu wohnen, ebenso wie die geprüften Handwerker, die Anwälte, Aerzte und anders Akademiker, die ihr Staatsexamen in Rußland bestanden haben. Auch der geringe Prozentsatz jüdischer Studenten und Handelshochschüler, ebenso der Studentinnen — es gibt hier eine besondere Frauenuniversität — ist der Aufenthalt in der Dnjepr-Stadt gestattet. Allen anderen Juden, jüdischen Kleinbürgern, jüdischen Dienstmädchen und Kaufleuten aus der Provinz ist es nur erlaubt, drei Tage in der Stadt zu verweilen. Da sie nun aber ihrer Existenz und ihrer Geschäfte halber unbedingt dort sein müssen, denn die gesamte Zuckierindustrie, der größte Teil des Holz- und Getreidehandels liegt in jüdischen Händen, so bildet die Umgehung dieses Verbotes eine unerschöpflich ausgiebige Einnahmequelle für die Kiewer Polizei. Braucht man dort ein wenig Geld, hat man nachts beim Kartenspiel oder bei einer Wette ein Sümmchen verloren, so veranstaltet man eine „Oblawa", und in kurzer Zeit ist das verlorene Geld wieder hereingebracht. Oblawa ist ungefähr das, was wir hier Razzia oder Streife nennen. Um drei Uhr in der Nacht begibt sich ein Polizeikommissar nebst fünf bis sechs Schutzleuten vor das Haus eines reichen jüdischen Kaufmannes, angeblich um festzustellen, ob er niemanden beherberge, dem der Aufenthalt in Kiew untersagt ist. Da aber die Polizei vor sechs Uhr in der Frühe nicht in geschlossene Häuser eindringen darf, so gebraucht der Polizist, nachdem er tüchtig geklingelt hat, zumeist die Ausrede, ein Telegramm oder ein Eilbrief sei da. Ist dann das Haus geöffnet, so kann die Polizei eintreten. Dann wird das Haus vom Boden bis auf den Keller auf das peinlichste untersucht, falls der Inhaber der Wohnung nicht vorzieht, gleich von vornherein sich mit den Leuten abzufinden, gleichgültig, ob man fremde Leute bei sich hat oder nicht. Einem meiner Bekannten, einem jüdischen Bierbrauereibesitzer, ist einmal folgendes passiert: Nachts zwischen zwei und drei Uhr schellt es, ein Telegramm aus Berlin sei da. Natürlich weiß man sofort, was das für ein Telegramm ist, und man bereitet sich, die heilige Hermandat zu empfangen. Diesmal ist man aber nicht gewillt, etwas zu zahlen, denn man hat erst vergangene Woche einen reichlichen Obolus in das bodenlose Polizeifaß geworfen. Man läßt also alle, die unberechtigt im Hause verweilen, sorgfältig verstecken, der eine wandert in einen Kleiderschrank, der andere in einen Holzverschlag, und so fort, und nachdem dies alles geinacht ist, geht man hinunter, um sich nach dem Einlaßbegehrer umzusehen. Diesmal aber war es ausnahmsweise wirklich ein Telegramm aus Berlin; die dort wohnende Tante hatte einen Sohn bekonnnen, was deren Gatte hocherfreut der Familie anzeigte. Man könnte über diese Geschichte lachen, wenn sie nicht zeigte, in welcher Angst und Unruhe die Israeliten im Zarenreiche in normalen Zeiten