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Das jüdische Blatt · 1913-10-15 · 42/43 (15.10.1913) · p. Seite 10

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
42/43 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Das jüdische Statt. Nr. 42/43. sondern sie haben es erlebt, wie Aegypten, Assyrien, Babylonien vor ihren Augen vom Erdboden verschwunden sind, und wenn die Weltgeschichte das Weltgericht ist, so werden sie es auch erleben, daß dereinst vor diesem obersten Gerichtshof Rußland geradeso auf der Anklagebank sitzen wird, wie übermorgen das Judentum vor dem Gerichtshof in Kiew. (Lebhafter Beifall. Die Versamnllung erhebt sich, bereitet dem Redner stürmische Ovation.) Die Aeußerangen des Fürsiprimas Cfernoch. Budapest, 13. Oft. Der Fürstprimas Csernoch hatte die Behauptung ausgestellt, es sei anzunehmen, daß bei den Juden Ritualmord Vorkommen könne. Mehrere Abendblätter greifen nun den Fürstprimas Csernoch wegen seines in der Ritualmordsrage abgegebenen Gutachtens in heftigster Weise an. „Budapesti Naplo" bezeichnet die Aeußerung des Fürstprimas als überaus traurig, weil er vergessen habe, daß man Anhänger Christi viel früher unter der gleichen Anschuldigung den wilden Tieren vorgeworfen und verbrannt habe, wegen welcher heute das Gericht in Kiew versammelt sei. „Magyar Hirlap" erklärt, die Aeußerung Csernochs sei eines Kirchenfürsten nicht würdig. Er erniedrige den Glanz seiner Stellung unter das Niveau eines Hetzkaplans und belebe die Flamme des religiösen Hasses, wie es scheint, mit Vorbedacht und böswilliger Schlauheit, weil eine solche Beschränktheit, wonach er nicht wüßte, daß die Blutbeschuldigung ungerecht sei, nicht bei ihm vorausgesetzt werden kann. In dem glänzenden Stuhle des Fürstprimas sitze ein Mann, dessen sich das gebildete Publikum des ganzen Landes schämen müsse. „Esti Ujsag" sagt, der Fürstprimas hätte besser getan, zu schweigen, als den fanatischen Glaubenshetzern neue Nahrung zu geben. Erwähnt sei noch, daß auch der hiesige Jesuitenpater Tomcsanyi gestern erklärte, im Talmud sei eine Stelle, die für die Blutbeschuldigung spreche. Tomcsanyi verweigerte heute trotz der von mehreren Zeitungen an ihn ergangenen Aufforderung diese Stelle zu bezeichnen, weil, wie er sagt, die Stellung eine zweifache Deutung zulasse. Rußland. Aus der Stadt des Ritualmordprozesses. Kiew. Als das Ritualmordgespenst hier langsam austauchte und seinen trüben Schein weithin in alle Welt zu werfen begann, da konnte man in verschiedenen deutschen Zeitungen über Kiew lesen, als einer Stadt, die weit dahinten jenseits aller Kultur läge, weltfern von jedem Verkehr und jeder modernen Einrichtung. Wir wünschten, daß die Schreiber jener Artikel einmal gegen Mittag mit dem Warschau -Brester Schnellzug in „die Mutter aller russischen Städte" einfahren würden, ihr Begriff von Kiew würde sich sehr schnell ändern. Nahezu 600 000 Einwohner zählend, mit herrlichen, modernen Straßenzügen, einer Unzahl Theater, elektrischer Beleuchtung und ebensolcher Straßenbahnen, Kinos, Bars und Chantants ohne Ende, kann es Kiew in gutem, wie in schlechtem Sinne mit jeder europäischen Weltstadt aufnehmen. Das echtrussische zeigt sich äußerlich nur in den gewaltigen, goldenen Zwiebelkuppeln der 86 orthodoxen Kirchen, die der Stadt in Verbindung mit der gebirgigen Lage ein ungemein malerisches Aussehen verleihen. Von den 18 jüdischen Bethäusern ist weniger zu sehen; bis auf drei bis vier und den prunkvollen Karaitentempel find sie versteckt in den kleinen Gassen und in Hinterhäusern; noch im vergangenen Jahre sind es deren 20 gewesen, aber zwei mußten auf Befehl des Gouverneurs geschlossen werden, obgleich die Zahl der einheimischen wie der durchreisenden Juden trotz aller Gegenmaßregeln eher größer wird. Einer jüdischen Deputation, die nach den Gründen der Schließung bei Sr. Exzellenz anfragte, antwortete dieser: 18 jüdische Bethäuser in Kiew seien gerade genug. Natürlich wortung ich genötigt war, meine armseligen Verhältnisse darzulegen. Nach einiger Ueberlegung bat er mich, ihn nachmittags aufzusuchen. Als ich bei ihm vorsprach, empfing er mich sehr freundlich und stellte mir in seiner Fabrik eine Stelle zur Verfügung, die ich auch freudigst annahm. Bald genoß ich das vollkommene Vertrauen meines Brotherren, fo daß ich's nach einigen Jahren von Stufe zu Stufe bis zum Direktor brachte. Später wurde ich sogar von meinem Wohltäter zu seinem Teilhaber ernannt. Kurz vorher teilte mir mein Prinzipal mit, daß er seit einer Woche einen Elsässer als Buchhalter eingestellt habe. Als ich eines Tages im Bureau zu tun hatte, bemerkte ich den neuen Beamten und erkannte in ihm einen ehemaligen Angestellten aus dem Hause, in welchem mich in Schlettstadt mein Mißgeschick ereilt hatte. Er dagegen schien mich nicht zu kennen. Da ich schon damals eine gewisse Abneigung gegen ihn empfunden hatte, unterließ ich es, mich ihm zu erkennen zu geben. Mehrere Jahre verflossen, während welchen ich mir ein bedeutendes Vermögen erworben habe. Wohl hatte ich zuweilen an meine Familie zu schreiben gedacht, aber stets stand mir die Abschiedsszene am Bahnhof vor Augen; auch fürchtete ich, daß man meine Briefe unbeantwortet lassen würde. Erst vor einem Jahre schrieb ich im Namen meines Kompagnons an den Bürgermeister meines Geburtsortes und verlangte Auskunft über meine Familie. Mehrere Wochen später traf die Antwort ein. Ich erfuhr durch dieselbe, daß meine Eltern vor Jahrzehnten gestorben und daß meine Geschwister verheiratet seien. Ueber deren Aufenthaltsort wurde mir nichts näheres mitgeteilt. Von mir stand nichts in dem Auskunftsbriefe; ich galt also als verschollen. Wieder vergingen Wochen und Monate; da wurde ich eines Tages auf die Polizei gerufen. Dort wurde mir mitgeteilt, daß man diesen Morgen die Leiche eines Mannes gefunden habe, der in seiner Tasche zwei Briefe, den einen an den Polizeidirektor, den andern an mich adressiert, vorgefunden habe. Als man mir den Toten vorzeigte, erkannte ich unfern Buchhalter. In dem Brief an den Polizeidirektor erklärte er, daß er feit zwei Jahren in den Büchern falsche Eintragungen gemacht habe, um mehrere Unterschlagungen, die er begangen hatte, zu verbergen, und da er dieselben nicht mehr weiter verhehlen könne, Selbstmord begehe. Als ich den an mich gerichteten Brief öffnete, enthielt er ein goldenes Medaillon und folgendes Schreiben: „Werter Herr! Ehe ich mich der irdischen Gerechtigkeit ent- „ziehe, finde ich es als meine Pflicht, Ihnen die Mittel an die „Hand zu geben, Ihre Ehre wieder herzustellen. Schon längst „habe ich Sie erkannt. Vor 40 Jahren wurden sie unschuldig „wegen eines Einbruchdiebstahls bestraft. Ich war es, der da- „mals nach begangener Tat nächtlicherweise mich in Ihr Zimmer „geschlichen hatte und um Sie zu verdächtigen, in Ihren Klei- „dern den Schlüssel und die Briefmarken versteckt hatte. Das „Geld hatte ich bald im Spiel verloren. Als ich vor Jahren „nach Amerika kam, hatte ich wohl den Vorsatz, ein besserer „Mensch zu werden; aber ich war einmal dem Spielteufel verfallen und konnte mich seiner nicht mehr entledigen. Nehmen „Sie beiliegendes Medaillon, das m i r kein Glück gebracht hat; „es soll Ihnen, sowie dies Schreiben, dazu dienen, Ihre Unschuld

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