Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 42/43 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052766--0708-9052775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42/43. Das jüdische Matt 9 und heute! Ach du mein lieber Himmel, was kümmert sich denn die „Herrschaft" um die Mädchen. Nun, meine sehr geehrten Herrschaften, laßt Euch sagen, die Mädchen vom Lande haben mächtig scharfe Augen und mächtig scharfe Ohren, und vergißt es, bitte, nicht — sie haben auch ein Herz. Quält es nicht, darum bittet Euch Euer wohlgeneigter Rosch Hakohol. Aus aller Welt Oesterreich-Ungarn. Am 6. Okt. fand in Wien die imposante jüdische Kundgebung gegen die Ritualmordanklage statt. Oberrabbiner Güdemann hielt dabei eine Rede, deren Schluß wir hier wiedergeben. Er sagte: . Wie kommt es nun aber, daß Rußland den Unsinn der Ritualmordanklage unter seine Fittiche nimmt, trotzdem daß sich Jahrhunderte die höchsten christlichen Instanzen und neuerdings die ausgezeichnetesten Christen aller Länder sie verurteilt haben? Ich habe vorhin vom Stehlen, Rauben und Plündern gesprochen. Wer denkt dabei nicht an die russischen Pogrome und an die unausgesetzte Verfolgung, der die Juden in Rußland preisgegeben sind? Ist das nicht eine Verfolgung von Religions wegen, die die Juden für vogelfrei erklärt und Dieben, Räubern und Mördern ausliefert, bloß weil sie Juden sind und ihrer Religion treu bleiben? Rußland braucht die Ritualmordanklage gegen die Juden, um sie von sich abzuwälzen. Es selbst begeht den Ritualmord, und den Juden legt sie ihn zur Last nach dem hebräischen Sprichwort: „Es find die eigenen Fehler und Sünden, die der Mensch an anderen geißelt.,,,, Das ist der Grund, weshalb Rußland vor den Stimmen der ausgezeichnetsten Männer der Christenheit, die die Ritualmordanklage verdammen, hartnäckig seine Ohren verschließt. Deshalb muß ich dieser Anklage noch ein viertes Prädikat beilegen. Sie ist nicht bloß traurig, empörend und unsinnig, sie ist auch böswillig, ich darf wohl sagen, infam. Wer die Wahrheit nicht hören will und nur der Lüge und Verleumdung sein Ohr leiht, dem ist keine donn. llckes, kein guter Glaube zuzubilligen. Wir Juden haben, wie ich schon vor 14 Jahren bei einer ähnlichen Gelegenheit in diesem Saale gesagt habe, den Grundsatz: „Das Siegel Gottes ist die Wahrheit". Die Ritualmordanklage ist aber eine infame Lüge. Nicht wir Juden waren jemals noch sind wir die Brunnenvergifter. Die eigentlichen Brunnenvergifter sind diejenigen, die den lautern Quell der Wahrheit mit der Lüge und Verleumdung verunreinigen, die die kristallhellen Wasserläufe der Humanität und Nächstenliebe mit dem Unrat des Glaubens- und Rassenhasses verschütten. Es ist wahr: die jüdische Geschichte ist mit Blut geschrieben, aber es ist kein fremdes Blut, kein Andersgläubigen abgezapftes Blut, womit sie geschrieben ist, es ist unserer Väter Blut, das sie für ihren Glauben vergossen haben. Dieses Blut hat in den'Kreuzzügen die Wogen des Rheins rot gefärbt. Dort in jenen Gegenden und in jenen Zeiten mag man dem Ritualmord nachforschen, man mag die Tausende erschlagener oder ertränkter jüdischer Männer, Frauen und Kinder heraufbeschwören und sie befragen — sie werden von dem a n ihnen, nicht von ihnen verübten Ritualmord eine Geschichte erzählen, daß noch die Gegenwart aus Scham davor erröten wird. Aber die jüdische Geschiche ist auch für unsere Verfolger lehrreich. Auch Rußland kann daraus lernen. Es wird daraus ersehen, daß die verfolgten und unterdrückten Juden ihre mächtigsten Verfolger und Unterdrücker überlebt haben. Nicht aus den Knochen der Juden ist ihr Rächer entstanden, Kever-Ovaus. Erzählung von L. S t ü f f e l, Kantor in Bergheim. (Schluß.) Des andern Morgens kam mein Vater selbst nach Siraßburg. Mit harten Worten teilte er mir mit, daß er meinem Verlangen Nachkomme, und daß er mir schon in einem Auswanderungsbureau die Ueberfahrtskarte bis New-Pork gelöst habe. Sodann führte er mich an den Bahnhof; hier übergab er mir ein goldenes Zwanzigfrankenstück, und als ich im Zug nach Paris Platz genommen hatte, entfernte er sich, ohne ein Abschiedswort an mich gerichtet zu haben. Weinend blickte ich ihm nach, bis er hinter der Türe des Wartesaales verschwunden war. Mich halte der Schmerz derart überwältigt, daß es auch mir nicht in den Sinn kam, meinem Vater ein letztes Lebewohl zuzurufen. Der Zug setzte sich in Bewegung, und fort gings in die weite Welt. Des andern Morgens, als ich in Paris ankam, kaufte ich mir in der Nähe des Ostbahnhofs etwas Brot und Schokolade, denn seit 24 Stunden hatte ich nichts gegessen. Ich ging sodann zu Fuß bis an den Bahnhof St. Lazare, wo ich den Zug nach Havre bestieg, der abends gegen 4 Uhr in der Hafenstadt ankam. Ich begab nnch sofort an die Absahrtsstelle, erkundigte mich nach der Stunde, in der das Schiff abfuhr. Um mein Geld zu sparen, ließ ich mir für mein Abendessen in einem Restaurant eine Tasse Milch geben und wartete dort die ganze Nacht hindurch bis zur Abfahrt meines Schiffes. Um 7 Uhr verließ der Dampfer die französische Küste. 8 Tage später kamen wir in dem Hasen von New-Pork an. Jetzt hieß es, eine Stellung suchen, was für mich, wegen meiner Uekenntnis in der englischen Sprache, mit vielen Schwierigkeiten verbunden war. Da mein Geld noch kaum für zwei bis drei Tage ausreichte, kaufte ich des andern Morgens für ein Dollar Zeitungen, die ich in den Straßen und in den Kaffeehäusern verkaufte. Mit dem erlösten Gewinn konnte ich meinen täglichen Unterhalt bestreiten. So betrieb ich den Zeitungshandel mehrere Wochen lang, als sich eines Tages, Gott sei Dank, eine Gelegenheit zu besserem Fortkommen bot. An diesem Tage, nach Ausverkauf meiner Zeitungen, lief mir beim Nachhausegehen ein kleines Hündchen nach, das mir bis in mein, im 7. Stock gelegenes Zimmer folgte. Ich teilte mit ihm meine magere Mahlzeit und ließ es des Nachts auf einem alten Sack ruhen. Des andern Tages las ich im Inseratenteil meines Blattes, daß eine gute Belohnung dem Wiederbringer eines verlorenen Hündchens zuteil würde. Das Signalement stimmte genau zu dem meines Findlings. Ich beeilte mich, sofort die angegebene Adresse aufzusuchen. Durch einen Groom wurde ich in einen reich ausgestatteten Salon geführt. Sofort sprang mein Schützling mir von den Armen und lief vor Freude heulend an die gegenüberliegende Türe, wo er mit Jubel von zwei kleinen Mädchen empfangen wurde. Währenddessen war der Vater der Kinder herbeigekommen und überreichte mir eine Zehnpfundnote, die ich dankend annahm. Im Besitz dieser großen Summe vergaß ich ganz, wieder weg zu gehen, und betrachtete längere Zeit das für mich ein Vermögen darstellende schöne Papier. Der freigebige Herr stellte noch einige Fragen an mich, bei deren Beant-