Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 42/43 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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I Nr. 42/43. Das jüdische Blatt. A; to&d ra .St i:t. idw ocr 5tr .«ötsA r*: Är. ■" :•••• -- :Y.': ' r:t - -. ■ - :;:r;Xv . W-:—; itP1' , > - ‘. M.'-/ .....':: &.***:,. sagten wird Beilis des Mords angeklagt. Beweise?! Braucht man Beweise, wenn man einen Ritualmord vertritt? In der Allklage wimmelt es von Räubern und Verbrechern; Beilis ist der einzige im Anklageakt, der noch nicht im Gefängnis saß und keine verbrecherische Vergangenheit hat. Aber der verstorbene Sohn Schenia der Tschebriakowa hat, wies heißt, gesehen, wie Beilis Iustinsky schleppte. Das ist alles, was die Anklage zu stammeln weiß. Kein Wunder, daß die Anklage in der ganzen Welt, bei Reaktionären wie Liberalen Kopfschütteln, Erstaunen, Entrüstung hervorgerufen hat. Sie ist ein Hohn nicht nur auf den Gerechtigkeitssinn sondern auf den gesunden Menschenverstand. Sogar die russischen Reaktionäre finden endlich den Mut der Entrüstung. Das Hauptorgan der Kiewer Reaktionäre, „Kiewljanin", hat einen Artikel veröffentlicht, wegen dessen die betreffende Nummer ganz unterdrückt wurde und infolgedessen auf 100 Rubel die Nummer stieg. In diesem Artikel heißt es, daß sich die Staatsanwaltschaft von der Hetze des „Doppeladlers" einschüchtern ließ, daß sie, um ihre eigene Unschuld darzutun, unbedingt einen Ritualmord herauszufinden suchte. Als Samyslowski die Kiewer Polizei in Bausch und Bogen beschuldigte, von den Juden bestochen zu sein, wurde der erste Untersuchungsrichter, Mischtschuk, abgesetzt und dem Strafrichter überwiesen. „Das Gericht", schreibt dieses Blatt, „sprach einstimmig Mischtschuk frei. Da wurde auf Antrag des Staatsanwalts der Prozeß aus formalen Gründen der kleinlichsten Art kassiert und der Senat überwies ihn zur neuen Verhandlung nach Charkow. Uns ist genau bekannt, daß in den Kreisen, die für das Ansehen der russischen Behörden ängstlich und liebevoll besorgt sind, der Prozeß Mischtschuk die ernstesten und bedrohlichsten Erwägungen hervorrief. Nach Mischtschuks Beseitigung berief das Gericht den Gendarmerieoberstleutnant Iwanow und dieser den bekannten Detektiv Krassowski. Der Gesichtspunkt Iwanows ist uns unbekannt. Aber Krassowski lehnte ebenso entschieden wie vorher Mischtschuk die Annahme eines Ritualmords ab und schrieb den Mord einer Bande von Gewohnheitsverbrechern zu, die sich um Wjera Tscheberjak gruppierten. In dieser Richtung unternahm Krassowski ernste Nachforschungen, deren Ergebnis dem Staatsanwalt zuging. Als der Gesichtspunkt Krassowskis bekannt wurde, entfernte man auch ihn, wie Mischtschuk, und wie gegen jenen erhob man auch gegen ihn irgend eine Anklage und überwies ihn dem Strafrichter. Nachdem man so zwei Chefs der Unterfuchungsabteilung entfernt, nahm die Sache ihren Fortgang. Die ganze Polizei, von dem entschiedenen Vorgehen des Staatsanwalts terrorisiert, begriff, daß wenn einer ein unpassendes Wort äußerte, d. h. nicht so, wie es die Oberen wollten, er sofort seines Unierhaltes beraubt und noch dazu ins Gefängnis geworfen würde. Natürlich wurde unter diesen Umständen alles still und die Beilis- Verfion begann umumschränkt zu herrschen." Nach der Lektüre dieses denkwürdigen Artikels begreift nwn das unbegreifliche Verlangen des Staatsanwalts, das Gericht möge die stenographische Niederschrift der Gerichtsverhandlungen nerbicren Das Gericht hatte glücklicherweise soviel Einsicht, dieses ubzulehnen. Der Präsident wenigstens hat seiire Ruhe und seinen Takt bis jetzt bewahrt. Ter Staatsanwalt ist angesichts der Erregung, die der Prozeß m weiten, auch reaktionären Kreisen Rußlands hervorruft und im Bewußtsein, daß das lotterige Gerüst, das er aufgerichtet hat, zusammenbricht, schon sehr nervös geworden. Wenn die Hauptzeugen der Anklage Umfallen, legt er ihnen durch geschickt gestellte Fragen die Antwort auf die Zunge. Die Verteidiger protestieren und erklären, die Geschworenen bekommen auf diese Weise nicht die Antwort des Zeugen, sondern nur die des Staatsanwalts zu hören. Und der Präsident ist schon so weit gekommen, daß er dem Staatsanwalt mitten in der Rede das Wort abschneidet. Ein sensationelles Ereignis war die bekannt gewordene Intrige der Tschebriakowa, die im Zeugenzimmer den Knaben Sablotzki beeinflussen wollte, auszusagen, Beilis sei ihm, Chenia Tschebriakowa und Iustinsky, als sie auf dem Hofe der Ziegelei spielten, nachgelaufen und daß er Iustinsky ergriffen habe. Die von der Anklage verhätschelte Tschebriakowa hat also ein Interesse daran, Beilis als den Täter anzuklagen und diese ganze Kindergeschichte ist ja die Grundlage der Anklage. Der Oefsentlichkeit wird nach und nach das Ungeheuerliche dieser Anklage klar. Die Arbeiter beginnen zu streiken als Demonstration gegen den Prozeß in Petersburg, in Moskau, in Minsk, in Riga, in Wilna. Die Studenten organisieren Protestversammlungen, die angesehenen Zeitungen des Landes kommen mit ihrer spöttischen und scharfen Kritik heraus — und werden unterdrückt, so „Nowaja Gaseta" in Kiew, „Kiewskaja Mysl", in Petersburg „Rjetsch", „Slowo", die Arbeiterblätter fast allgemein, ähnlich erging es Zeitungen in Minsk und Nikolajew. Man darf auf die politischen Folgen, die der Prozeß für die allgemeine, innere Politik haben kann, gespannt sein. Vielleicht wird es der Druck brechen, in dem sich große Kreise der Intellektuellen und Arbeiter befinden. Die Wolksschulfrage und der Deullch- Isr. Hemeindeöund. Im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund ist wegen der Volksschulfrage ein Konflikt ausgebrochen. Der letzte Gemeindetag hatte mit 7 gegen 5 Stimmen die Gründung von jüdischen Volksschulen in Großgemeinden verworfen. Der Vorstand des Lehrerverbands erkannte darin eine Verletzung der vom Gemeindebund zugesagten Neutralität des Gemeindebunds in der Volksschulfrage und zog daraus die Konsequenzen. Er beschloß in seiner Sitzung vom 7. September dem im Dezember in Breslau stattfindenden Lehrerverbandstage vorzuschlagen, auf die Subvention des Gemeindebundes zu verzichten und die Erwartung auszusprechen, daß der Eemeindebund keine Vertretung im Ausschuß des Lehrerverbands mehr beanspruchen werde. Das lief auf eine Loslösung des Lehrerverbands vom Gemeindebund hinaus. Zum Bruche ist es in der Sitzung des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes von Berlin am 28. September gekommen. Der Lehrerverband, unterstützt von den Provinzialverbänden in Rheinland und Westfalen stellte in dieser Sitzung den Antrag, die Frage der Errichtung jüdischer Volksschüler auf die Tagesordnung des bevorstehenden Gemeindetags zu setzen. Die Mehrheit des Ausschusses des Gemeindebundes (es waren 28 Herren anwesend, darunter 14 von auswärts) lehnte diesen Antrag ab und nahm eine Resolution an, die besagt, daß die Beschlüsse des Vorstands des Lehrerverbands gleichbedeutend sind mit der Loslösung vom Deutsch-Israel. Gemeindebund und daß der Gemeindebund auf eine Vertretung im Vorstand des Lehrerverbands verzichtet. Das langjährige Bündnis zwischen Lehrerverband und Gemeindebund ist also wegen tiefgehender Meinungsverschiedenheit in der Volksschulfrage aufgegeben worden. Der Lehrerverband verlangte vom Gemeindebund, daß er für Errichtung von jüdischen Volksschulen auch in Großgemeinden eintrete, der Ausschuß des Gemeindebunds will von jüdischen Volksschulen für die Großgemeinden nichts wissen, daher das Zerwürfnis. Daß die Errichtung jüdischer Volksschulen eine wichtige jüdische Aufgabe für die Großgemeinden sein müßte, daß also der Lehrerverband ein ganz natürliches und berechtigtes Verlangen gestellt hat, haben wir bereits